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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

Dieter Vergleich hinkt natürlich auf mehr als auf einem Bein. 
Er beweift nur den fundamentalen Irrtum, der immer wieder 
entfteht, wenn die Eifenarchitektur durch die Brille der Baukunft 
angefehen wird, einer verwirrten flfthetik zufolge, die für die 
modernen Konftruktionen Entfchuldigungen und Rechtfertigungen 
fucht und froh ift, das eine oder andere Kompromiß entdeckt 
zu haben. □ 
Die Baukunft, und folglich auch die Gotik der mittelalterlichen 
Dome, ift vor allem Raumkunft, die fich in rhythmifchen Raum 
größen und Flächen ausfpricht und Proportionen ausdrückt, die 
fowohl von der Natur des Materials, als von dem harmonifchen 
Empfinden des Schönen beftimmt find. Das ift der wicbtigfte 
äftbetifcbe Unterfchied, der die Baukunft von der Eifenkonftruk- 
tion trennt, deren Wefen fich in der konftruktiven Linie, in der 
Kraftlinie ausdrückt, die andern ftatifcben Gefeßen gehorcht und 
andern Beftimmungen untertan ift, als denen der räumlichen 
architektonifchen Proportion, fflfo auch die Gotik war Raum 
kunft, und ihr Prinzip war die Raumumfchließung, trot) der ent- 
materialifierten Steinkonftruktion, die ein fleifchlofes Gerippe 
oder Gerüft zu werden fchien.' Rber das bunte und bemalte 
Glas, die riefigen Glasfenfter zwifchen diefen fcblanken Säulen 
und Rippen füllten nicht, wie in dem heutigen Glaseinbau, die 
Helligkeit hereinführen und den Hnfcbein erwecken, als ob man 
zwar gefdbütjt aber doch zugleich im Freien fich befinde, fondern 
diefe bunten Glasfenfter hatten die raumabfchließende Hufgabe, 
das Innere von der Außenwelt abzufondern und das Licht 
farbig modifiziert und in gebändigten Fluten nur foweit herein- 
zulaffen, als es der beabfichtigten künftlerifchen Wirkung ent- 
fprechen follte. Die kunftvoll gemalten Glasfenfter mit ihren 
Heiligen, ihren biblifchen Legenden und ihren Landfchaften 
nahmen gewiffermaßen die Stelle der alten Gobelins ein, mit 
denen in der vorherigen Bauperiode die maffiven Wände des 
Innern belebt waren. Der Baukünftler mochte fehen, daß nicht 
nur der Schatten, fondern auch das Licht, und nicht nur das 
Licht, fondern auch die Farbe mit zu feinen künftlerifchen 
Elementen gehörten, und jede Hrchitektur hat ihr Augenmerk 
nicht nur auf die Proportionalität der Raumgrößen, fondern 
auch auf die künftlerifche Wirkung des Lichteinfalles gerichtet. 
Den Gotteshäufern nach innen eine höhere myftifche Steigerung 
und Weihe durch neue Modifikationen von Licht und Farben zu 
geben, nach außen bin aber durch das Spiel von Licht und 
Schatten dem Stein ein geiftiges Leben einzuflößen, ftrebten die 
gotifchen Baumeifter jene vielfach durchbrochenen und fkulp- 
tierten Formen an, die fo lange zur Schlankheit und Zierlichkeit 
führten, bis die Grenze der ftatifcben Möglichkeiten für die 
Steinkonftruktion erreicht war. Von innen gefeben glich der 
Raum einem aus Edelftein gefügten Gebäufe, darin die bunten, 
legendenreicben Fenfter als die farbigen Schmuckfteine und das 
Steinwerk als die Faffung diefer feurigen, dicbterifcb befeelten 
Juwelen glichen. Die ftörende Tagesbeile, das Licht abzubalten 
und nur ein Leuchten zu erzeugen, ein Farbenfprüben im 
andachterregenden Dämmer, folglich den Raum gegen die Alltags 
welt abzufchließen und in diefer feierlichen Umfcbloffenheit das 
Gefühl der Entrücktheit, die religiöfe Ekftafe zu gewähren, das 
war die Abficht der gotifchen Kirchenbaukunft, die wie jede Bau 
kunft Raumkunft war und fich von den andern Stilproben nur 
durch die Eigenart in der Verwendung der Mittel unterfchied. 
Von allen diefen Beftimmungen kann in der Eifenarchitektur 
nicht die Rede fein. Es ift zwar möglich, aus Eifen eine Kathe 
drale zu bauen, wie die fünffcbiffige Halle im New-Mufeum in 
Oxford, aber das ift ein Fall, in dem das Eifen als Surrogat zur 
Nachahmung einer biftorifcben Bauform auftritt und als unange 
nehmes Kompromiß erfcbeint. Die Eifenfprache und der Geift 
der rationellen Konftruktion weift diefem Material eine ganz 
andere Beftimmung an. Um den Unterfchied fcharf genug zu 
empfinden, tun wir gut, uns an die erwähnten klaffifchen Bei- 
fpiele der modernen Konftruktion, an den Kriftallpalaft, an die 
Parifer Mafcbinenballe und an den Eiffelturm zu halten. Nichts 
berechtigt uns, in diefen Fällen an die Gotik oder überhaupt an 
Raumkunft zu denken. Es ift Linien- und Konftruktionskunft. 
Kein ornamentales Element, das die Baukunft in Hülle und Fülle 
darreicht, darf hier binzutreten, ohne als Störung empfunden 
zu werden. Das einfache Profileifen und die Nietenköpfe drücken 
alle furcbtlofen Gedanken aus, die in diefem Material verwirk 
licht worden find oder der Verwirklichung harren. Es ift fchon 
getagt worden, diefe konftruktiven Gebilde haben nicht die Auf 
gabe oder das Vermögen, lediglich Räume durch Linien zu um- 
fcbreiben und durch Bogen zu überfpannen. Das vermögen fie 
aber in einem unerhörten Umfange. Die Halle des Kriftall- 
palaftes oder der Parifer Mafcbinenausftellung umfaffen demgemäß 
Weiten, die es früher nicht gegeben bat und die wir auch mit 
den herkömmlichen gefühlsmäßigen Beftimmungen der menfch- 
licb angemeffenen Raumverbältniffe nicht bewältigen können. 
Wir empfinden fie auch gar nicht wie die Architektur als ein 
erweitertes Kleid, zu Wohnlichkeit geftimmt, fondern wir emp 
finden diefe Hallen als ein Stück freien Raumes mit neuen Grenz 
linien, an dem der eigentümliche Reiz in der Kraft und Schönheit 
diefer Linien befteht, die wir nicht nur wegen ihrer Leichtigkeit 
und Kühnheit bewundern, fondern auch deshalb, weil wir in der 
Kühnheit und Kraft das Menfchenwerk verehren. Aber in diefem 
von einem Linienne^ eingefangenen Raum berrfcht die allfeitige 
unbeftimmte Tagesbeile. Die raumabfcbließenden Füllungen in 
diefem Netzwerk, das durchfichtige belle Blankglas empfinden wir 
gar nicht als ein raumabfcbließendes Element. Die optifche Wir 
kung des durchfichtig hellen Glafes ift die von Luft und Leere. 
Es gibt zwar den materiellen Scbut) wie Haus und Dach und 
rechtfertigt in diefer Beziehung die Bezeichnung Halle, die zum 
Unterfchiede von dem Hof, einer Umgrenzung im Freien; tro^dem 
aber bedeuten diefe Glasbüllen für unter Raumempfinden foviel 
wie nichts, weil wir durch das Auge ringsum mit der Außenwelt, 
mit dem freien Himmel, mit dem allfeitig ungehemmt einflutenden 
Licht im Kontakt fteben. Für unfer Raumempfinden kommen 
in diefen Hallen nur die konftruktiven Linien der Eifenarchitektur, 
das Netzwerk, die Gitterträger oder die eifernen Rahmen der 
regelmäßigen Glasfcbeiben in Betracht. Kein Verfuch fcbeint ge 
macht, das Licht irgendwie künftlerifch zu modifizieren, eine 
Raumftimmung hervorzubringen, fei es durch Regelung und Be 
grenzung des Licbteinfalles, durch farbige Brechung oder durch 
künftlerifch beftimmte Unterbrechungen mit Schattenwirkungen. 
Nichts ift getan, um nur im entfernteften an die Raumkunft zu 
ftreifen, die unter anderem auch in der Gotik einen ihrer künft 
lerifchen Höhepunkte erreicht bat. Und wenn felbft die moderne 
Eifenarchitektur diefen Verfuch wagen würde, fo täte fie etwas, 
das ihrem Wefen und ihrer Beftimmung völlig zuwiderläuft. 
Es wäre ein Exzeß von Gefcbmacklofigkeit, Wirkungen anzuftreben, 
die nur der Baukunft zukommen, und von diefer der Sakralkunft. 
Während anderfeits niemand leugnen kann, daß den technifch 
konftruktiven Werken, in denen die Eifenarchitektur ihre eigenfte 
Sprache redet, trot} der Koloffalität und der abfoluten Größe das 
Prädikat gefchmackvoll durchaus zukommt. Vor allem aber ift 
es die abfolute Zweckmäßigkeit und Nütjlicbkeit, der Ausdruck 
der äußerften materiellen Ökonomie, der fttaffen geiftigen Difzi- 
plin, der diefen Gebilden das Recht auf die äftbetifcbe Aner 
kennung fiebert. Wenn auch mit dem Begriff der Nützlichkeit 
und Zweckmäßigkeit das Geheimnis der Schönheit nicht begrün 
det ift, fo kann es doch keine Schönheit geben, die ohne diefe 
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