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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

fcfoeiterten  an  feiner  beharrlichen  Weigerung,  und  nur  zweimal
gefchah  es,  daß  er  entgegen  feinem  zähen  Widerftreben  dazu
veranlaßt  werden  konnte,  Bilder  zu  verkaufen.  Erft  nach  feinem
Tode  wurde  ein  Teil  feiner  Arbeiten  frei  zum  Verkaufe,  und
da  waren  es  die  Direktoren  deutfeher  Mufeen,  mit  Profeffor
von  Tfchudi  von  der  Nationalgalerie  in  Berlin  und  Profeffor
Lichtwark  vom  Hamburger  Mufeum  an  der  Spitje,  denen  die
Ehre  und  das  Verdienft  gebührt,  als  Erfte  Bilder  von  Schuch
für  öffentliche  Sammlungen  erworben  zu  haben.  Huch  der
kürzlich  von  feinem  Poften  zurückgetretene  Leiter  der  großen
Kunfthandlung  von  Schulte,  Hofrat  Paulus,  muß  hier  genannt
werden,  denn  er  hatte  das  Wagnis  unternommen,  den  deutfehen
Kunftmarkt  für  die  Bilder  von  Schuch  zu  erobern,  der  ficb  jetjt
geradezu  um  Scbuchfcbe  Gemälde  »reißt«.  So  kam  es,  daß  in
den  öffentlichen  und  vielen  privaten  Galerien  von  Berlin,  Hamburg, ­
  Elberfeld,  Bremen,  Dresden,  Stuttgart  ufw.  Gemälde  von
Schuch  hängen.  Profeffor  Trübner  trachtet  heute  noch  jedes  ihm
erreichbare  Bild  von  feines  Freundes  Meifterhand  zu  erwerben.
Viele  von  Begeifterung  diktierte  Huffätje  wurden  über  Schuch  in
Deutfchland  veröffentlicht.  -  Wie  ganz  anders  es  in  Wien  kam,
berichtete  ich  eingangs  diefer  Zeilen.  —  Vielleicht  fchlägt  auch
mein  Verfuch,  die  Wiener  durch  die  Publikation  einiger  Briefe
des  merkwürdigen  Mannes  für  ihn  und  fein  Werk  zu  intereffieren,
völlig  fehl,  —  immerhin,  felbft  auf  diefe  Gefahr  hin  fei  er  unternommen. ­
  □
Einen  Kommentar  zu  den  nachftehenden  Briefen  halte  ich  nicht
für  erforderlich,  da  fie  auch  ohne  einen  folchen  verftändlich  find.
Befter  Freund!
Du  begreifft,  daß  ficb  in  ähnlichen  Momenten  —  gar  nichts
fagen  läßt  —  nichts  fchreiben;  —  fo  erwarte  mich  weder  in  Stein,
noch  erwarte  vorderhand  ein  Schreiben  von  mir.  □
Ich  helfe  der  Tante  ihre  Situation  fo  viel  als  möglich  zu  vereinfachen, ­
  ich  nehme  ihr  die  verwirrenden  Gefchäfte  aus  der
Hand,  die  mit  meinen  eigenen  mich  fchon  mehr  als  nötig  befebäftigen.
  □
Binnen  acht  Tagen,  wenn  ich  foweit  bergeftellt  und  alle  Gefchäfte ­
  erledigt,  verlaffe  ich  Wien,  um  mit  Halauska  noch  des
Sommers  Neige  mit  Studien  hinzubringen  —  dann  geh’  ich  ganz
fort  auf  lange,  fehr  lange  Zeit.  □
Sorge  Dich  nicht  um  mich,  —  ich  bin  jet^t  von  allem  Denken
abgezogen.  □
Vielen  Dank  für  die  mir  gefchenkte  Teilnahme  -  willft  Du
Freundfchaftsverficherungen  —  Bedauern?  □
Laß  jetjt  alle  Worte,  fie  find  ein  Luxus,  den  ficb  nur  der
Glückliche  erlauben  kann.  □
Dein  treuer  Freund
(WIEN  1868)  Carl  Schuch
UNTERHCH  am  Htterfee  (1868)
Wenn  man  kein  Raucher  wäre!  □
Erinnerft  Du  Dich,  wie  Dir  war,  als  Du  binausgefcbleudert
wardft  in  die  Welt  -  wie  Du  Familie  und  Heimat  aufgeben
mußteft!  Wenn  Du’s  noch  weißt,  fo  denk’,  daß  Dein  Freund
dasfelbe  leidet  —  nur  noch  ein  wenig  Husnahmszuftand  machte
das  Scbickfal  mit  mir  -  ich  mußte  mehr  verlieren.  Doch  es  fei
nicht  geklagt.  □
Wie  man,  wenn’s  feiert,  den  Ofen  auffucht,  fo  gibt’s  Stunden,
wo  man  zu  den  Menfchen  flieht  —  eine  folcbe  Stunde  verfchuldet
meinen  Brief.  □
Du  follft  aber  nicht  darunter  leiden,  ich  werde  Dir  nur  im
Zeitungsftyl  (wenn  man  nur  die  Zeit  wegescamotiert)  einfach
berichten,  was  mir  gefcheben  in  den  letzten  Wochen.  □

Ende  Juni  beftieg  ich  mein  Bett,  in  hohem  Grade  krank;  eine
Woche  Eisumfchläge,  dann  eine  Woche  Ruhe  -  es  war  zu  Ende
diefer  zweiten  Woche,  als  ich  von  Fanni  von  meiner  Schwefter
fich  fteigerndem  Elend  inftruiert,  mich  anzog  und  zu  ihr  hinab
mich  fchleppte.  Den  zweiten  Tag  darauf  —  war’s  mein  letzter
Befuch  —  in  der  Nacht  trat  ich  in  ihr  Zimmer  -  nach  qualvollem
Warten  im  anftoßenden  Raum  —  im  Augenblick,  als  fie  todt  auf
die  Polfter  zurückgelegt  ward.  □
Warum  ich  nicht  früher  hineinging,  fragft  Du?  Mein  Erfcbeinen
in  der  Nacht  hätte  ihr  gefagt,  was  fie  wohl  ahnte,  aber  nicht
mit  Beftimmtbeit  wußte.  □
Es  war  2  Uhr  morgens.  O
VENEDIG,  2.  Dezember  1868
Du  baft  Recht  —  doch  Recht!  Italiens  Wunder  und  die  Menfchen,
die  mit  Dir  fie  genießen,  das  reißt  Dich  mit,  dem  kannft  Du
nicht  widerfteben.  Leben  und  Kunft,  Du  mußt  beiden  die  Arme
öffnen.  Die  Arbeit  aber  fei  vor  allem  unfer  Augenmerk!  □
Julius!  Ich  habe  einen  Charakter  gefunden,  das  heißt  Mut,
Selbftvertrauen,  Kraft  und  Energie;  -  ein  Menfcb,  der  mit  einer
einzigen  Hofe,  einzigem  Rock,  einzigem  Hemd  und  mit  12  Gulden
im  Sack  von  Baiern  fort  ift,  und  jet)t  hie  und  da,  der  Notwendigkeit ­
  fich  fügend,  arbeitet  um  Geld  zu  haben,  Studien
aber  immer  malt,  fo  bald  er  nicht  wüft  lebt,  voll  Talent  und
Genialität  —  durch  Italien  fich  fchlägt,  um  dann  in  Paris  zu
ftudieren  -  erft  22  Jahre  alt!  Nun  verlaffen  wir  ihn,  jetjt  lebt
er  wieder  eingezogen  und  arbeitfam  in  Rom,  dann  floßt  er  zu
uns,  denn  ich  gebe  auch  nach  Rom,  das  weißt  Du  noch  nicht
aber  ich  kann’s  nicht  auslaffen,  das  verftebft  Du.  Jet)t  recte  nach
Neapel,  dann  Palermo,  Neapel-Rom  und  fo  weiter.  □
Ich  habe  hier  in  Kontakt  mit  andern  Kunftzweigen  fehr  viel
gelernt,  befitje  eine  unfertig  bleibende  Farbenftudie,  Bleifkizze
—  —  aber  viel  im  Kopf.  Geht’s  fo  weiter,  ift’s  recht.  □
In  Neapel  felbft  oder  weiter,  (wirft  Du)  hören  von  mir  —
die  lebten  Stunden  bin  ich  nicht  frei.  Leb  herzlich  wohl  -  beantworten ­
  will  ich  Dein  Schreiben  ein  ander  Mal.  □
Adw.
Carl
Schicke  Dein  näcbftes  Schreiben  Neapel  poft  reftante.  Mein
erfter  Gang  ift  auf  die  Poft.  □
Palma  Vecchio,  Tizian,  Tintoretto,  Bellinis  Madonnen,  Paolo
Veronefe  —  und  alle  venezianifeben  Farbenfchwindler  kenne  ich
jetjt  genau.  Jetjt  kommt  Natur  und  Antike,  dann  Roms  idealiftifche
  Denkmäler  —  und  wieder  Antike.  Florenz  kommt  fpäter.
Dann  wieder  Natur.  Genua,  Nizza,  die  Seen  und  Sommer  in
Graubünden.  Jeijt  ift’s  in  Neapel  kalt,  ftatt  fpäter.  Nach  wenigen
Aufentbaltstagen,  cca.  8  Tagen,  nach  Sicilien.  □
Du  fiehft  -  der  Zug  gebt!  □
OLEVANO,  16.  Juli  (1868)
Lieber  Julius!
Olevano!  Nicht  wahr,  Du  ftrengft  vergeblich  Dein  Gedächtnis
an,  Du  bobrft  in  Deinen  Schulerinnerungen  —  ich  komme  ihnen
zu  Hilfe.  Unfern  von  Rom,  im  nahen  Sabinergebirge,  deffen
Frauen  auch  beute  noch  verdienten,  daß  man  einen  Raubzug
unternehme,  —  liegt  Olevano,  Olevano,  das  Eldorado  der  Maler
und  Skorpione,  eine  romantifebe  Stadt  mit  der  vollftändigften
Pbyfionomie  des  Mittelalters,  der  ganzen  Romantik  und  Schweinerei
italifcher  Landftädte.  □
Von  meinem  Balkon  feb’  ich  hinüber  ins  Albanergebirge,  über
die  Campagna  bis  ans  ferne  Meer  und  bis  an  die  Berge  der
Volker  —  ein  verfchloffenes  Paradies  —  denn  drüben  in  den
Schluchten  diefer  Berge,  da  fleht  noch  der  Brigante  im  Engpaß,
die  Flinte  in  der  Hand  —  und  webe  dem  Wanderer!  □

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