MAK

Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

fondern es gibt noch eine Menge anderer und zum Teil viel 
wichtigerer Urfacben, als da find: der faifonartige Charakter, den 
die Landarbeit mehr und mehr gewonnen hat, der Wegfall 
der gewerblichen Winterarbeit auf dem Lande, die Hufteilung 
der Hllmenden, in vielen Gegenden die Unmöglichkeit für die 
Landarbeiter, Landbefitj zu erwerben und fozial aufzufteigen, 
der Unterfchied der Lobnverbältniffe gegen die Stadt und nament 
lich der Unterfchied in der Hrbeitszeit und der perfönlichen Be 
handlung, die allgemeinen Hnfchauungen unteres Zeitalters und 
der Umftand, daß die größten Möglichkeiten, in die Höhe zu 
kommen, derzeit nun eben einmal auf induftriellem und kommer 
ziellem und nicht auf landwirtfchaftlichem Gebiete liegen. U. a. m. 
Hngeficbts diefer Sachlage wäre es ein Wahnfinn, ja geradezu 
ein Verbrechen, die für das Stadtvolk, das zurzeit fchon mehr 
als die Hälfte unferer Nation ausmacht, und auf deffen Blühen 
und Gedeihen wir national angewiefen find, fo unbedingt not 
wendige Reform der ftädtifcben Bodenzuftände um der allenfalls 
möglichen mäßigen Rückwirkung auf die ländliche Abwanderung 
willen zu unterlaffen oder aufzubalten. Das darf nicht fein! 
Mag man dafür mit um fo größerer Kraft die anderen, oben 
aufgezäblten Urfacben der Landflucht bekämpfen; fie find zum 
großen Teil einer Befferung fähig und es würde allerdings dem 
Städter gut anfteben, ficb auch hierfür tatkräftiger als bisher 
zu intereffieren. Im übrigen kommt hinzu, daß gerade unfere 
Reform der ftädtifcben Bodenzuftände durch Beförderung der 
ftädtifcben Dezentralifation ficher auch dem platten Lande in 
vielen Fällen große Vorteile bringt. □ 
DER GESTEIGERTE SINN NUN FÜR DEN IN SICH RU 
HENDEN UND VÖLLIG GESÄTTIGTEN WERT SCHÖNER 
TECHNIK, DIESE ANERKENNUNG DER AUSSCHLAG 
GEBENDEN BEDEUTUNG DES SINNLICHEN ELEMENTS 
IN DER KUNST, DIESE LIEBE ZUR KUNST UM DER 
KUNST WILLEN IST DER PUNKT, WO WIR, EINE 
JÜNGERE RICHTUNG, UNS VON LEHREN RUSKINS 
GETRENNT HABEN — ENDGÜLTIG UND ENTSCHIEDEN 
GETRENNT. IN EINEM ETHISCHEN SYSTEM NATÜR 
LICH, DAS NUR EINIGERMASSEN MENSCHENFREUND 
LICH IST, WIRD FREILICH DER GUTE WILLE ANER 
KANNT WERDEN; ABER WER IN DAS HELLE HAUS 
DER SCHÖNHEIT EINGEHEN WILL, DEN FRAGEN WIR 
NICHT, WAS ER ALLENFALLS TUN MÖCHTE, SONDERN 
WAS ER VOLLBRACHT HAT. NICHT SEINE PATHE 
TISCHEN VORSÄTZE HABEN WERT FÜR UNS, SON 
DERN NUR SEINE VERWIRKLICHTEN SCHÖPFUNGEN. 
OSCAR WILDE 
DIE NHTUR 
EIN FRAGMENT VON GOETHE 
N atur! Wir find von ihr umgeben und umfcblungen - un- 
vermögend aus ihr berauszutreten und unvermögend 
tiefer in fie bineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt 
nimmt fie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt ficb 
mit uns fort, bis wir ermüdet find und ihrem Arme entfallen! 
Sie fcbafft ewig neue Geftalten; was da ift, war noch nie, was 
war, kommt nicht wieder — alles ift neu, und doch immer 
das Alte. □ 
Wir leben mitten in ihr und find ihr fremd. Sie fpricbt un 
aufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir 
wirken beftändig auf fie und haben doch keine Gewalt über fie. 
Sie fcbeint alles auf Individualität angelegt zu haben und 
macht fich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zer« 
ftört immer, und ihre Werkftatt ift unzugänglich. □ 
Sie lebt in lauter Kindern, und die Mutter, wo ift fie? — Sie 
ift die einzige Künftlerin: aus dem fimpelften Stoff zu den größten 
Kontraften; ohne Schein der Anftrengung zu der größten Voll 
endung - zur genaueften Beftimmtbeit, immer mit etwas Weichem 
überzogen. Jedes ihrer Werke bat ein eigenes Wefen, jede ihrer 
Erftbeinungen den ifolierteften Begriff, und doch macht alles 
eins aus. □ 
Sie fpielt ein Stbaufpiel: ob fie es felbft fiebt, wiffen wir nicht, 
und doch fpielt fie’s für uns, die wir in der Ecke flehen. □ 
Es ift ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und 
doch rückt fie nicht weiter. Sie verwandelt ficb ewig, und ift 
kein Moment Stillefteben in ihr. Fürs Bleiben bat fie keinen 
Begriff, und ihren Fluch bat fie ans Stillefteben gehängt. Sie 
ift feft. Ihr Tritt ift gemeffen, ihre Ausnahmen feiten, ihre Ge- 
fetje unwandelbar. □ 
Gedacht hat fie und finnt beftändig; aber nicht als ein Menfcb, 
fondern als Natur. Sie bat ficb einen eigenen allumfaffenden 
Sinn Vorbehalten, den ihr niemand abmerken kann. □ 
Die Menfcben find alle in ihr und fie in allen. Mit allen 
treibt fie ein freundliches Spiel und freut fich, je mehr man ihr 
abgewinnt. Sie treibt’s mit vielen fo, im Verborgenen, daß fie’s 
zu Ende fpielt, ehe fie’s merken. □ 
Auch das Unnatürlicbfte ift Natur, auch die plumpfte Pbi« 
lifterei bat etwas von ihrem Genie. Wer fie nicht allent- 
halben fiebt, fiebt fie nirgendwo recht. □ 
Sie liebt fich felber und haftet ewig mit Augen und Herzen 
ohne Zahl an fich felbft. Sie bat fich auseinandergefetjt, um ficb 
felbft zu genießen. Immer läßt fie neue Genießer erwachfen, 
unerfättlich ficb mitzuteilen. □ 
Sie freut fich an der Illufion. Wer diefe in ficb und anderen 
zerftört, den ftraft fie als der ftrengfte Tyrann. Wer ihr zu 
traulich folgt, den drückt fie wie ein Kind an ihr Herz. □ 
Ihre Kinder find ohne Zahl. Keinem ift fie überall karg, aber 
fie bat Lieblinge, an die fie viel verfcbwendet und denen fie viel 
aufopfert. Ans Große bat fie ihren Schuf} geknüpft. □ 
Sie fpritjt ihre Gefchöpfe aus dem Nichts hervor und fagt 
ihnen nicht, woher fie kommen und wohin fie gehen. Sie follen 
nur laufen; die Bahn kennt fie. □ 
Sie bat wenige Triebfedern, aber nie abgenutzte, immer wirk- 
fam, immer mannigfaltig. □ 
Ihr Scbaufpiel ift immer neu, weil fie immer neue Zufcbauer 
fcbafft. Leben ift ihre fcbönfte Erfindung, und der Tod ift ihr 
Kunftgriff, viel Leben zu haben. □ 
Sie hüllt den Menfcben in Dumpfheit ein und fpornt ihn ewig 
zum Liebte. Sie macht ihn abhängig zur Erde, träg und febwer, 
und fcbüttelt ihn immer wieder auf. □ 
355
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.