fondern es gibt noch eine Menge anderer und zum Teil viel
wichtigerer Urfacben, als da find: der faifonartige Charakter, den
die Landarbeit mehr und mehr gewonnen hat, der Wegfall
der gewerblichen Winterarbeit auf dem Lande, die Hufteilung
der Hllmenden, in vielen Gegenden die Unmöglichkeit für die
Landarbeiter, Landbefitj zu erwerben und fozial aufzufteigen,
der Unterfchied der Lobnverbältniffe gegen die Stadt und nament
lich der Unterfchied in der Hrbeitszeit und der perfönlichen Be
handlung, die allgemeinen Hnfchauungen unteres Zeitalters und
der Umftand, daß die größten Möglichkeiten, in die Höhe zu
kommen, derzeit nun eben einmal auf induftriellem und kommer
ziellem und nicht auf landwirtfchaftlichem Gebiete liegen. U. a. m.
Hngeficbts diefer Sachlage wäre es ein Wahnfinn, ja geradezu
ein Verbrechen, die für das Stadtvolk, das zurzeit fchon mehr
als die Hälfte unferer Nation ausmacht, und auf deffen Blühen
und Gedeihen wir national angewiefen find, fo unbedingt not
wendige Reform der ftädtifcben Bodenzuftände um der allenfalls
möglichen mäßigen Rückwirkung auf die ländliche Abwanderung
willen zu unterlaffen oder aufzubalten. Das darf nicht fein!
Mag man dafür mit um fo größerer Kraft die anderen, oben
aufgezäblten Urfacben der Landflucht bekämpfen; fie find zum
großen Teil einer Befferung fähig und es würde allerdings dem
Städter gut anfteben, ficb auch hierfür tatkräftiger als bisher
zu intereffieren. Im übrigen kommt hinzu, daß gerade unfere
Reform der ftädtifcben Bodenzuftände durch Beförderung der
ftädtifcben Dezentralifation ficher auch dem platten Lande in
vielen Fällen große Vorteile bringt. □
DER GESTEIGERTE SINN NUN FÜR DEN IN SICH RU
HENDEN UND VÖLLIG GESÄTTIGTEN WERT SCHÖNER
TECHNIK, DIESE ANERKENNUNG DER AUSSCHLAG
GEBENDEN BEDEUTUNG DES SINNLICHEN ELEMENTS
IN DER KUNST, DIESE LIEBE ZUR KUNST UM DER
KUNST WILLEN IST DER PUNKT, WO WIR, EINE
JÜNGERE RICHTUNG, UNS VON LEHREN RUSKINS
GETRENNT HABEN — ENDGÜLTIG UND ENTSCHIEDEN
GETRENNT. IN EINEM ETHISCHEN SYSTEM NATÜR
LICH, DAS NUR EINIGERMASSEN MENSCHENFREUND
LICH IST, WIRD FREILICH DER GUTE WILLE ANER
KANNT WERDEN; ABER WER IN DAS HELLE HAUS
DER SCHÖNHEIT EINGEHEN WILL, DEN FRAGEN WIR
NICHT, WAS ER ALLENFALLS TUN MÖCHTE, SONDERN
WAS ER VOLLBRACHT HAT. NICHT SEINE PATHE
TISCHEN VORSÄTZE HABEN WERT FÜR UNS, SON
DERN NUR SEINE VERWIRKLICHTEN SCHÖPFUNGEN.
OSCAR WILDE
DIE NHTUR
EIN FRAGMENT VON GOETHE
N atur! Wir find von ihr umgeben und umfcblungen - un-
vermögend aus ihr berauszutreten und unvermögend
tiefer in fie bineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt
nimmt fie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt ficb
mit uns fort, bis wir ermüdet find und ihrem Arme entfallen!
Sie fcbafft ewig neue Geftalten; was da ift, war noch nie, was
war, kommt nicht wieder — alles ift neu, und doch immer
das Alte. □
Wir leben mitten in ihr und find ihr fremd. Sie fpricbt un
aufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir
wirken beftändig auf fie und haben doch keine Gewalt über fie.
Sie fcbeint alles auf Individualität angelegt zu haben und
macht fich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zer«
ftört immer, und ihre Werkftatt ift unzugänglich. □
Sie lebt in lauter Kindern, und die Mutter, wo ift fie? — Sie
ift die einzige Künftlerin: aus dem fimpelften Stoff zu den größten
Kontraften; ohne Schein der Anftrengung zu der größten Voll
endung - zur genaueften Beftimmtbeit, immer mit etwas Weichem
überzogen. Jedes ihrer Werke bat ein eigenes Wefen, jede ihrer
Erftbeinungen den ifolierteften Begriff, und doch macht alles
eins aus. □
Sie fpielt ein Stbaufpiel: ob fie es felbft fiebt, wiffen wir nicht,
und doch fpielt fie’s für uns, die wir in der Ecke flehen. □
Es ift ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und
doch rückt fie nicht weiter. Sie verwandelt ficb ewig, und ift
kein Moment Stillefteben in ihr. Fürs Bleiben bat fie keinen
Begriff, und ihren Fluch bat fie ans Stillefteben gehängt. Sie
ift feft. Ihr Tritt ift gemeffen, ihre Ausnahmen feiten, ihre Ge-
fetje unwandelbar. □
Gedacht hat fie und finnt beftändig; aber nicht als ein Menfcb,
fondern als Natur. Sie bat ficb einen eigenen allumfaffenden
Sinn Vorbehalten, den ihr niemand abmerken kann. □
Die Menfcben find alle in ihr und fie in allen. Mit allen
treibt fie ein freundliches Spiel und freut fich, je mehr man ihr
abgewinnt. Sie treibt’s mit vielen fo, im Verborgenen, daß fie’s
zu Ende fpielt, ehe fie’s merken. □
Auch das Unnatürlicbfte ift Natur, auch die plumpfte Pbi«
lifterei bat etwas von ihrem Genie. Wer fie nicht allent-
halben fiebt, fiebt fie nirgendwo recht. □
Sie liebt fich felber und haftet ewig mit Augen und Herzen
ohne Zahl an fich felbft. Sie bat fich auseinandergefetjt, um ficb
felbft zu genießen. Immer läßt fie neue Genießer erwachfen,
unerfättlich ficb mitzuteilen. □
Sie freut fich an der Illufion. Wer diefe in ficb und anderen
zerftört, den ftraft fie als der ftrengfte Tyrann. Wer ihr zu
traulich folgt, den drückt fie wie ein Kind an ihr Herz. □
Ihre Kinder find ohne Zahl. Keinem ift fie überall karg, aber
fie bat Lieblinge, an die fie viel verfcbwendet und denen fie viel
aufopfert. Ans Große bat fie ihren Schuf} geknüpft. □
Sie fpritjt ihre Gefchöpfe aus dem Nichts hervor und fagt
ihnen nicht, woher fie kommen und wohin fie gehen. Sie follen
nur laufen; die Bahn kennt fie. □
Sie bat wenige Triebfedern, aber nie abgenutzte, immer wirk-
fam, immer mannigfaltig. □
Ihr Scbaufpiel ift immer neu, weil fie immer neue Zufcbauer
fcbafft. Leben ift ihre fcbönfte Erfindung, und der Tod ift ihr
Kunftgriff, viel Leben zu haben. □
Sie hüllt den Menfcben in Dumpfheit ein und fpornt ihn ewig
zum Liebte. Sie macht ihn abhängig zur Erde, träg und febwer,
und fcbüttelt ihn immer wieder auf. □
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