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Full text: Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Oberösterreich und Salzburg

Aber singen können diese Leute, daß es eine Lust ist! Hat jemand durch richtiges 
Begegnen die anfängliche Scheu und Zurückhaltung dieser Naturseelen überwunden, so 
machen sie ihm sicherlich die Freude, ihre Mmgesänge, Jodler und Juchzer preiszugeben, 
wie sie uns Schossers Melodien so ansprechend wiedergeben. Es sind „Lieder ohne Worte" 
in einer wunderbaren Mannigfaltigkeit. Die Form dieses Gesanges, welcher stets von zwei 
Schwoagerinnen ausgeführt wird, begreift kurze Sätze mit wechselndem Taete in sich. Die 
fortschreitende Terze und der Sextengang bilden das Wesen dieser Gesänge, welche durch 
die häufigen Gegenbewegungen einen ganz eigenthümlichen Reiz gewinnen. Die Stimmen 
umfassen meist Sopran und Alt zugleich und schlagen bei der Verbindung der Intervalle 
stets hörbar von der Brust- und Mittelstimme in die Kopfstimme um. Der Eindruck, den 
diese Almgesünge Hervorrufen, wird erhöht durch die große Natur der Umgebung. Die 
hohen Bergeshüupter, die weiten Ausblicke in endlose Fernen und in die Tiefe der Thüler, 
die in der Nähe schimmernden „Mänern" und die aus der Ferne herüberglünzenden 
Gletscher und Firne, die freie, frische Verglast und das unendliche Schweigen der Einsamkeit 
des Hochgebirges, — das Alles hat die rechte Stimmung hervorgerufen. 
Wenn die Nebel aus den Thülern aufsteigen und der Wind schon kälter wird, folgt 
der Heimtrieb. Auftrieb und Heimtrieb sind die Hauptfesttage im mühevollen Leben der 
Schwoagerin, letzterer jedoch nur dann, wenn kein Thier der Herde auf der Alm verunglückt 
ist. Die Schwoagerin hat dann sich selbst in reine Kleider gehüllt und den Hut mit den letzten 
Alpenblumen geschmückt. Die Thiere der Herde, groß und klein, hat sie mit Rauschgold, 
bunten Bändern, Wachholdersträußen und Kränzen aufgeputzt. Und so geht es dem 
Thale zu. Den Zug eröffnet stolzen Schrittes die Schwoagerin; ihr folgt die „Lüutkuh", 
dann die übrigen Kühe und der „Jod'l" (Stier) mit ihren Glocken und Schellen; hierauf 
kömmt der Halter mit den Ziegen und Schafen und Schweinen. Das läutet und schellt, und 
brüllt und meckert und blökt den Bergweg herab, das Dorf hinein, dem Stalle zu! Die 
Herrlichkeit des Almlebens ist wieder für ein Jahr zu Ende, und wenn am nächsten 
Sonntag beim Dorfwirth der „Almtanz" gehalten wird, ist es schier wie das „Fasching 
begraben", so lustig-traurig ist die Stimmung. 
Wenden wir auch noch einen kurzen Blick ans die Handwerksbräuche und 
Sprüche. Wenn die Zimmerleute irgendwo, etwa bei einem Brückenbaue, Pfühle ein 
rammen, so geschieht das, wo man nicht schon die Dampfkraft verwendet, in einer Weise, 
die wahrscheinlich die Pfahlbauern schon geübt haben. Der Pfahl wird mit einem großen 
Schlegel, der von mehreren Händen gleichzeitig erfaßt, gehoben und gesenkt werden muß, 
allmälig in den Boden eingetrieben. Dabei muß es in gleichmäßigem Taete gehen. Darum 
wird die Arbeit mit rhythmischen Sprüchen geleitet, die von den betheiligten Arbeitern im 
Chore eintönig gesungen oder recitirt werden, z. B.: „Einmal auf — und einmal drauf";
	        
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