Kronprinz Erzherzog Rudolf,
der Hochbegabte, Wifsensretche, der Schöpfer des Werkes
„Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Md"
eines Werkes, welches das Publicum allerorts gleich beim Erscheinen mit des Herzens
richtigem Jnstincte als das „Kronprinzenbuch" begrüßte, er weilt nicht mehr unter den
Lebenden.
Und heute, da zum erstenmal ein neuer Bruchtheil des aus Jahre hinaus berechneten
literarischen Unternehmens in die Welt tritt, eine Lieferung, auf welcher sein leuchtendes,
Güte und Verständniß kündendes Auge nicht mehr wie sonst immer mit innigem Wohl
gefallen zu ruhen vermag, heute drängt es uns, die Tausende und aber Tausende, welche
mit nahezu beispielloser Theilnahme und Treue dem Werden und dem Wachsen dieses
Werkes bisher gefolgt sind, zu einer wehmuthvolleu Todtenfeier um uns zu versammeln.
Nicht um den Lebens- und Entwicklungsgang des theuren Hingeschiedenen vorzuführen,
was wir uns für eine spätere Zeit Vorbehalten, sondern nur um zu erzählen, wie dieses
Werk entstanden, wie es sich nach und nach herausgebildet und welchen hervorragenden,
Ziel und Weg bestimmenden Antheil Kronprinz Rudolf an dieser seiner bedeutungsvollen
literarischen Schöpfung genommen hat.
Es war im Herbste 1883, als der Kronprinz den Gedanken faßte, ein Werk zu
schaffen, in welchem sowohl die einzelnen Bestandtheile, welche das große österreichisch
ungarische Reich bilden, wie auch die gemeinsamen Factoren, die Weltstellung wie die
eultnrelle Mission der Gesammt-Monarchie zu lebendigstem Ansdruck kommen sollten.
Immer mehr und mehr begeisterte sich der Kronprinz für die ihm stets lockender
vorschwebende Idee, welche verwirklicht, wie er glaubte, zu seiner eigenen Bildung
beitragen und seinen Gesichtskreis erweitern würde.
Er berief nach und nach die verschiedensten Persönlichkeiten aus der Schriftsteller-,
Gelehrten- und Künstlerwelt zu sich in die Hofburg und weihte sie in seine Pläne ein.
Jedem der Herren gegenüber entwickelte der Kronprinz, vor Allem im Hinblick auf das
Fach, welches der Betreffende speciell vertrat, den Plan im Großen und Ganzen und
frng: ob er auf die Mitwirkung des Berufenen rechnen dürfe. Wahrhaft bezaubert von der
Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit des Kronprinzen, sein treffendes Urtheil, seine rasche
Auffassung, sein ausgebreitetes und vielseitiges Wissen bewundernd, verließ jeder der
Eingeladenen, der den Thronerben das erstemal zu sprechen Gelegenheit hatte, die Hofburg.