181
Zwanziger.
Wenn heute der alte Volksgesang in seinen beiden Hauptvertretern, dem religiösen
Lied und der Ballade, kaum mehr eine kümmerliche Existenz fristet, so folgt daraus keines
wegs, daß beim Volk die Freude an Gesang und Musik abgenommen habe. Es wird nur
dem musikalischen Bedürfniß heute zum Theil in anderer Weise Genüge geleistet.
Eine Art des alten heimatlichen Volksgesanges hat sich in ungeschwächter Kraft
erhalten, das Schnadahüpfl. Die Träger dieser Gattung, die sangesfreudigen Bauern
burschen, besitzen einen überaus reichen Schatz dieser kleinen Lieder, die sich von Generation
zu Generation vererben, und was davon im Lauf der Zeiten verloren geht, wird täglich
ersetzt, denn jede„Rud", wie sich die kleinen Geselligkeitsvereine der Bauernburschen nennen,
hat nicht nur ihr eigentümliches Repertoire, sondern auch ihren Dichter, und sie setzt
ihren Stolz darein, bei jedem Tanz das Publicum durch ein paar neue Liedchen zu
überraschen. Bemerkenswerth ist dabei der Umstand, daß diese täglich neu aufschießenden
Liedchen ausnahmslos auf dem Boden der Gegenwart stehen.
Die Form dieser Liedchen ist sehr schlicht; sie bestehen meist ans vier zweitactigen
Zeilen, so daß zwei klingende und zwei stumpfe Zeilen sich kreuzen und die letzteren reimen:
I bin a kloans Bürscherl
Und steh auf an Stoan;
Öfter verbindet sich auch ein klingendes
Mein Dierndl hoaßt Naanderl,
Hat schneeweiße Zaanderl
Und i wött um an Zwoanzga',
Du kannst ma nix thoan.
Reimpaar mit einem stumpfen:
Und Waangerl so rund,
Das ma dreinbeißen kunt.
Oft sind zwei Vierzeilige als Strophe und Gegenstrophe zu einem Wechselgesang ver
bunden, wobei die Gegenstrophe den nämlichen Gedanken in anderer Wendung aufnimmt.
Er: Du schwarzaugats Dieruderl
Wia hättst as denn gern?
Soll i lustiga sein
Oder trauriga wer'n?
Sie: Derfst nöt lustiga sein
Und nöt trauriga wer'n;
Wiast bist, a so bleibst,
A so Han i di gern.
Häufig wird dasselbe Thema in zwei oder mehreren Strophen variirt. Zwar konnte
jedes „Gesätz" für sich bestehen, doch lieben es die Sänger, bei einem Gegenstand länger
zu verweilen und die Variationen aneinander zu reihen:
A bisserl a Lieb
Und a bisserl a Treu
Und a bisserl a Falschheit
Js allweil dabei.
Halbs Zinn und Halbs Blei,
Und Halbs liab i di treu
Und Halbs liab i die falsch
Und i sag da nöt alls.
Hiazt brauch i zwoa Herzerl,
A falschs und a treus,
Und hiazt liab i zwoa Diernderl,
An alts und a nens.