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Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Oberösterreich und Salzburg

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Wohl  selten  hat  die  Natur  so  verschwenderisch  ihre  reizvollsten  Kontraste  hingegossen
als  über  diesen  weitabgelegenen  Winkel;  Erhabenes  und  Liebliches  liegt  hier  in  Fülle
nebeneinander;  mit  dem  Ernste  einer  großartigen  Hochalpennatur  vermählt  sich  auch  hier
noch  das  freundliche  Behagen  einer  wohlangebauten  Thalebene.  Ein  guter  Fahrweg  führt
thalaufwürts  zwischen  einer  Menge  von  zerstreuten  Häuschen,  und  ihn  verfolgend,  genießt
der  Wanderer  den  Wechsel  von  fortwährend  veränderten  Gebirgsscenerien;  neue  Spitzen
tauchen  auf,  andere  verschwinden  hinter  mächtigen  Coulissen,  bis  endlich  in  der  Mitte  des
Thales  der  volle  Einblick  in  den  großartigen  südlichen  Thalschluß  sich  öffnet:  da  stehen
sie  im  enggeschlossenen  Halbkreise,  die  Kalkriesen  des  obersten  Steyrthales;  die  Hochkasten,
der  Hebenkas,  Sinnewell,  Brieglersberg,  Gamsspitz  und  dann  östlich  von  der  Scharte  des
Salzsteigs:  der  Eisenstein,  das  Hirscheck,  Türkenkar,  hohe  Kreuz,  der  Hochmölbing  und
der  Schröcken  —  ein  Kranz  von  grotesken  Spitzen,  Thürmen  und  Kuppen.
Aber  mehr  noch  als  dieser  Circus  von  Bergen  fesselt  uns  der  Einblick  in  ein  kleines
Seitenthal,  die  Polsterlucke  genannt.  Der  hohe  Priel  und  die  Spitzmauer,  diese  beiden
höchsten  Zinnen  des  Todten  Gebirges,  senden  in  kühn  gerundetem  Abschwunge  zwei
Dolomit-Vorberge  an  die  Steyr  herab,  den  Öttlberg  und  Ostrawitz,  der  erstere  ein
zerrissener  graubrauner  Block,  der  letztere  eine  schlanke,  nadelförmig  auslaufende  Pyramide;
sie  rahmen  einen  engen  düsteren  Kessel  ein,  in  dessen  Hintergründe  die  beiden  genannten
Hochspitzen  thronen.  Da  steigt  die  Spitzmauer  an  die  2.000  Meter  mit  glänzend  glatten,
fast  lothrechten  Wänden  wie  ein  Thurm  vom  Thalboden  in  die  Höhe  und  hart  neben  ihr,
durch  die  Klinserscharte  getrennt,  baut  sich  der  Priel  in  derber  Massigkeit  auf.  So  enge
rücken  hier  die  Bergriesen  aneinander,  daß  in  den  Grund  des  Thalkessels  nur  auf  wenige
Stunden  des  Tages  die  Sonnenstrahlen  zu  dringen  vermögen.  Ein  magischer  Zauber
ergießt  sich  über  diesen  finsteren  Schlund,  wenn  hinter  der  Klinserscharte  die  Nachmittagssonne ­
  untertaucht  und  ihre  letzten  Strahlenbündel  den  Äther  mit  gleißendem
Schimmer  erfüllen.  Wenn  sich  dann  die  grauen  Kalkschrofen  in  zitternde  Dunstgebilde
aufzulösen  scheinen  und  die  Spitzen  im  Glanze  der  Abendsonne  herableuchten,  treibt  uns
ein  unwiderstehliches  Verlangen  nach  aufwärts  und  reicher  Lohn  wird  uns  für  die
Beschwerde  des  Aufstieges.
Die  Höhe  und  die  weit  gegen  Norden  vorgeschobene  Lage  machen  den  Priel  zu
einem  der  dominirendsten  Gipfel  der  nördlichen  Alpen.  Wer  da  oben  auf  seiner  Spitze
steht,  dem  entfaltet  sich  ein  großartiges  Bild:  der  Schneeberg  im  Osten,  Spitzen  der
Karawanken  im  Süden  und  das  Kaisergebirge  im  Westen  begrenzen  die  Rundschau  aus
die  Alpenwelt  mit  ihren  zahllosen  Gipfeln;  im  Norden  baut  sich  das  Hügel-  und  Flachland
scheinbar  wie  eine  ungeheure  Wand  gegen  den  Horizont  auf  und  selbst  die  langgezogenen
Wellenlinien  des  baierisch-böhmischen  Waldes  bilden  keine  Grenze.  Doch  kehrt  der  Blick
            
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