528
den gothischen Grabsteinen ähnlichen Marmorplatten, welche an den Wänden des Chores
und Schiffes vertheilt sind. Jede Figur hat über sich eine architektonische Bekrönung, zu
Füßen aber einen der zwölf Sätze des apostolischen Glanbenssymbolums nach der im
Mittelalter beliebten sinnigen Darstellungsweise. Der künstlerische Werth ist ungleich und
deutet auf verschiedene Hände; neben hoher Schönheit findet sich auch viel Derbes und
Ungelenkes in Zeichnung und Ausführung. Sämmtliche Gestalten aber bringen durch
lebenskräftige Züge und scharfe Jndividualisirung den Realismus der Spütgothik mächtig
zum Ausdruck. Ihr ernster Kreis in dem engen Raume übt eine ergreifende Wirkung, die
gegenwärtig nur durch die trostlos Weiße Tünche der übrigen Flächen und die zopfig
modernisirte Einrichtung geschädigt wird.
Daß die Sculptur in Holz, die Schnitzkunst, ein Lieblingskind der Gothik, in
Salzburg eifrige Pflege gefunden und einen hohen Grad der Blüte erreicht hat, darf
bei der großen Menge gothischer Kirchenbauten, die wir oben kennen gelernt, nicht
bezweifelt werden. Ihre innere Ausstattung mit Flügelaltären, Chor- und Betstühlen rc.
nahm ja vorzugsweise den Holzschnitzer in Anspruch. Nicht eben viele, aber bedeutsame
Überreste davon blieben unserer Zeit erhalten. Einige derselben, soweit sie dem Bereiche
der religiösen Kunst angehören, brachten wir schon mit der betreffenden Kirche zur Sprache.
Auch der prachtvollen Holzornamentik der Fürstenzimmer auf Hohensalzburg, in Gold
und Farbe Prangend, wurde bereits gedacht. Hier sei nur noch auf das städtische Museum
Carolinv-Augusteum hingewiesen, welches namentlich in gothischen Schnitzwerken kirchlicher
und profaner Bestimmung, in Altarresten, Reliefs, Heiligenbildern, Schränken und
dergleichen eine ansehnliche Sammlung verwahrt. Die erste Stelle darunter behauptet
der große in Gold gefaßte Tragschrein aus der Bürgerspital-Pfarrkirche,
gewöhnlich, obwohl mit zweifelhaftem Rechte, als Reliquienschrein bezeichnet, ein Meisterwerk
hohen Ranges aus der besseren Zeit der Gothik und dazu ein höchst selten gewordenes
Gebrauchsstück des mittelalterlichen Cultus. Er zeigt die Gestalt eines auf verhältnißmäßig
geringer Basis hoch aufsteigenden Hauses mit Strebepfeilern und Giebeldach, aus dessen
vorderer Schmalseite ein Erker, das reizendste Stück des Ganzen, ausspringt. Sämmtliche
Flächen sind in zierlichem Maßwerk, jedes Feld mit wechselnder Zeichnung filigranartig
durchbrochen, und gestatten den Blick in den Jnnenraum. Das herrliche Schnitzwerk hat
in Österreich einen einzigen, an Knnstvollendung freilich noch überlegenen Rivalen in
dem berühmten Schreine der Pfarrkirche Möchling in Kärnten.
Wir können, bevor wir die gothische Sculptur verlassen, nicht umhin, auch hier
wieder zum Schlüsse einen kurzen Seitenblick auf die baierischen, einstmals salzburgischen
Nachbarorte Berchtesgaden, Laufen und Reichenhall zu werfen. Die schönen gothischen
Stiftskirchen daselbst erfreuen sich eines Reichthums an Sculpturen gleichen Stiles in