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Full text : Jahrgang 3 (1911) (14)

Seite  220

Internationale  Sa  m  ml  er-Z  ei  tu  n  g.

Hummer  14

ist  zum  Unglück  noch  an  drei  Stellen  mit  dicken  Bändern  umrounden,
  die  aussehen  tnie  tlletallreifen,  mit  denen  man  ehemals
die  hölzernen  Kanonenrohre  umwickelte.  Die  neue  ITlarke  ist  um
einen  figürlichen  Schmuck  bereichert  morden,  nämlich  um  den
britischen  löwen;  außerdem  trägt  sie  zu  dem  alten  Texte,  der
oben  „lYstisjv  aM  lt>‘  o  in-“,  unten  „•>  c  ivnin“  lautet,  den
Wert  in  Zahlen.  Was  zunächst  den  Cöwen  angeht,  so  haben  englische ­
  Kunstkritiker  mit  Recht  an  ihm  getadelt,  daI3  er  ebenfalls
uerunglückt  ist.  Die  uordere  Partie  ist  ganz  erträglich,  aber  die
ganze  hintere  Hälfte,  nor  allem  die  Schenkel,  sind  uiel  zu  flach
und  muskelarm;  außerdem  scheint  der  Schwanz  aus  dem  Schenkel
herauszuwachsen  Durch  die  Anbringung  des  Cöwen  hat  der  Text
„Ore  IVi  uv“  seinen  ursprünglichen  Plaß  uerloren,  und  so  muffte
er  nach  unten  rücken.  Das  ist  ein  weiterer  ITIangel.  Bei  der  alten
lllarke  ist  der  Text  nämlich  innerhalb  der  fläche  angebracht,  jel3t
aber  ist  er  gewissermaßen  aus  ihr  herausgerückt  und  wirkt  wie
ein  Anhängsel.
Uer5chieöene5.
(Pierpont  ITlorgan  als  Sammler.)  Aus  Budapest
wird  gemeldet:  Der  amerikanische  ITlilliardär  Pierpont  lllorgan
hat,  wie  „Az  Est“  meldet,  dem  Grafen  Erdödy  das  Anbot  gestellt,
das  ganze  Galgoczer  fideikommiß  der  familie  Erdödy  zu  kaufen.
Dieses  Anbot  hat  eine  außerordentlich  interessante  Vorgeschichte,
lllorgan  ist  bekanntlich  ein  leidenschaftlicher  Sammler  non  Kunstwerken ­
  und  Altertümern.  Cr  hatte  nun  in  Erfahrung  gebracht,  daß
in  dem  Galgoczer  Schlosse  des  Grafen  Crdödy  wertuolle  Kunstschäße
  aufbewahrf  werden,  so  unter  anderem  eine  besonders  wertuolle ­
  Throndecke,  die  ursprünglich  Eigentum  des  Königs  lllatthias
Coruinus  gewesen  sei.  ITlorgnn  stellte  dem  Grafen  Crdödy  zunächst ­
  den  Antrag,  daß  er  diese  Kunstschäße  kaufen  wolle,  die
der  frühere  Herr  des  fideikommisses  Galgocz,  Graf  Rudolf  Crdödy,
auf  700.000  K  geschäßf  hatte.  ITtorgan  fügte  jedoch  gleich  hinzu,
daß  er  auch  geneigt  wäre,  einen  oiel  höheren  Preis  zu  bieten.  Ein
familienraf  der  gräflichen  familie  Crdödy,  der  nach  Galgocz  einberufen ­
  wurde,  erklärte  sich  mit  dem  Verkaufe  einoerstanden,  wenn
IHorgan  für  die  Kunstschäße  einen  Preis  non  sieben  lllillionen
Kranen  zahle,  lllorgan  nahm  das  Anbot  an  und  bat  um  eine
rasche  Abwicklung  des  Geschäftes.  Graf  Crdödy  machte  nun  dem
Ulinisterpräsidenten  Grafen  Khuen-Hedernary  non  der  Angelegenheit ­
  mitteilung.  Der  ITlinisterpräsident  erklärte  jedoch,  daß
die  Kunstschäße  Eigentum  des  fideikommisses  seien  und  deshalb
nicht  oerkauft  werden  können.  Ein  neuer  familienrat  machte  darauf
ITtorgan  das  Anbot,  er  möge  das  ganze  fideikommiß  an  sich  bringen,
wobei  dann  auch  die  Kunstschäße  in  sein  Eigentum  übergehen
würden.  ITtorgan  erklärte  sich  auch  damit  einuerstanden.  Die
ungarische  Regierung  nahm  jedoch  den  Standpunkt  ein,  daß  ein
fideikommiß  unverkäuflich  sei.  Es  könne  nur  mit  Zustimmung  des
Kaisers  oeräußert  werden,  doch  werde  die  Regierung  dem  Kaiser  in
ablehnendem  Sinne  referieren.  Graf  Crdödy  hat  hierauf  einen  neuen
Weg  betreten.  Es  wurde  festgestellt,  daß  die  Veräußerung  des
fideikommisses  in  dem  falle  möglich  märe,  wenn  statt  des
oerkauften  fideikommissarischen  Besißes  ein  anderer  Besiß  mit
demselben  Inuentarmerte  gekauft  und  fideikommissarisch  gebunden
werde.  Da  min  lllorgan  weit  mehr  als  den  Inoentarwert  für  das
Gut  zu  bieten  geneigt  war  —  der  Preis  soll  sogar  ein  mehrfaches
des  gesamten  Jnoentarmertes  betragen  haben  —  würde  der  familie
Crdödy  ein  Überschuß  oon  mehreren  lllillionen  Kronen  übrig  bleiben.
Graf  Emmerich  Crdödy  hat  ein  diesbezügliches  Gesuch  der  fideikommissarischen ­
  Behörde  bereits  überreicht.  „AzCst“  hat  in  dieser
Angelegenheit  auch  den  Justizminister  S  z  e  k  e  I  y  und  den  Referenten
der  Kunstabteilung  des  Kultus-  und  Unterrichtsministeriums  ITlinisferialrat
  Ci  p  pich  befragt.  Der  Justizminister  erklärte,  daß  die
Angelegenheit  noch  nicht  durch  seine  Hand  gegangen  sei.  JTlinisterialrat
  Cippich  aber  meinte,  daß  sich  die  Sache  noch  in  einem  sehr
frühen  Stadium  befinde  und  noch  die  fideikommissarische  Behörde,
das  Justizministerium  und  den  lllinisterrat  zu  passieren  habe,  beoor
  sie  uor  den  Kaiser  gelangt,  der  die  endgiltige  Entscheidung
treffen  wird

(Briefe  Peters  des  Großen  im  Wurstladen.)  Eigenhändige ­
  Briefe  des  russischen  Zaren,  Peter  der  Große,  wurden,
wie  aus  St.  Petersburg  geschrieben  wird,  in  dortigen  Wurstund
  Heringsläden  aufgefunden,  wo  sie  als  Packpapier  Verwendung
gefunden  hatten.  Die  Vorgeschichte  dieser  selbst  für  russische  Verhältnisse ­
  skandalösen  Vorgänge  ist  folgende:  Peter  der  Große
hat  seinerzeit  mit  dem  Grafen  T  a  t  i  s  ch  t  s  ch  e  w,  dem  Präsidenten
der  staatlichen  Uralbergwerke,  wegen  Ausbeutung  des  in  den  Bergwerken ­
  enthaltenen  Reichtums  einen  großen  Briefwechsel  geführt.
Diese  Briefe  des  Zaren  wurden  oon  dem  Grafen  Tatischtschew  in
das  staatliche  Archio  der  Bergwerke,  das  sich  in  Jekaterinburg
befindet,  einoerleibf.  Die  jeßige  Verwaltung  der  Uralbergwerke  ging
nun  mit  der  Absicht  um,  die  ganzen  alten  Akten  zu  oerkaufen;
sie  fühlte  aber  nicht  die  Verpflichtung,  „ich  oon  dem  Inhalt  und
der  Bedeutung  des  Archios  zu  überzeugen.  Die  Akten  wurden  alle
herausgesucht  und  oor  drei  Wochen  auf  einer  öffentlichen  Versteigerung ­
  ausgeboten.  Die  ganze  „lllakulafur“,  die  einen  Wert  oon
oielen  IOO.OOO  Rubeln  hatte,  ging  für  ein  paar  Pfennige  fort.  Der
Käufer  war  der  Inhaber  einer  größeren  Anzahl  oon  llahrungsmittelgeschäften,
  darunter  auch  mehrere  Wurstläden.  Ein  Altertumsforscher ­
  und  Professor  sah  eines  Tages,  daß  die  lllagd  die  Wurst
in  einem  eigenartigen  alten  Papier  mit  Krone  eingewickelt  hatte
und  sah  sich  das  Papier  näher  an.  Er  erkannte  bald,  daß  er  einen
eigenhändigen,  sehr  bedeutsamen  Brief  des'  großen  Zaren  Peter
oor  sich  hatte.  Er  ging  auf  der  Stelle  zum  Wursthändler,  um  sich
über  die  Herkunft  dieses  großartigen  Schriftstückes  zu  unterrichten.
Hier  erfuhr  er,  wieso  diese  seltenen  und  kostbaren  Archiodokumente
in  den  Wurstladen  gekommen  waren.  Aun  ging  sein  erstes  Bestreben ­
  dahin,  zu  oerhüten,  daß  nicht  noch  weitere  Wertobjekte
auf  eine  so  unwürdige  und  haarsträubende  Weise  oernichtet  würden.
Er  erbot  sich,  jeden  Preis  für  den  Rest  des  Archios  zu  zahlen,  und
die  kunstoerständige  Verwaltung  gab  es  ihm  für  ein  paar  Pfennige
hin,  da  sie  froh  war,  der  Anseßung  eines  neuen  Auktionstermins
und  aller  damit  oerbundenen  Schwierigkeiten  enthoben  zu  sein.

mu5een.
(Die  Sammlung  11  eines  in  der  Alten  Pinakothek.)
Aus  111  ü  nchen  wird  berichtet:  Seit  Kurzem  beherbergt  unsere
ehrwürdige  Galerie  neben  der  rühmlich  bekannten  Sammlung
Carstanjen  eine  weitere  leihgabe  non  prioater  Seite:  Die  Sammlung ­
  des  Herrn  111  u.  llemes  (Budapest).  Zwar  nicht  die  ganze
Sammlung,  die  etwa  hundert  Gemälde  umfaßt,  sondern  nur  56  Stück.
Aber  diese  drei  Dußend  Bilder  stellen  nicht  nur  eine  Auslese  des
Besten  aus  der  Sammlung  selber  dar,  sie  gehören  auch  zum  allerbesten ­
  Kunstbesiß  überhaupt,  und  jede  Galerie  dürfte  es  sich  zur
Ehre  rechnen,  diese  ITleisterwerke  oormeisen  zu  können.  Wir
sehen  oor  allen  Dingen  Greco,  acht  Werke  aus  oerschiedenen
Zeiten,  ergänzt  durch  die  „Entkleidung  Christi“  unserer  Pinakothek
und  eine  höchst  interessante  Caokoon-Gruppe,  ein  großes  frühwerk,
in  dem  die  00m  Eicht  modellierten,  äußerst  kühn  gestellten  Akte
oor  einer  weiten  Candschaft  gruppiert  sind.  Eine  „Heilige  familie“
(um  1600)  und  „Christus  am  Ölberg“,  ein  spätes  Werk,  sind  wohl
die  koloristischen  Glanzstücke  der  Serie.  Es  ist  schlechthin  bewunderungswürdig, ­
  wie  Greco  durch  farbige  Cichtempfindungen  zu
charakterisieren  weiß,  etwa  den  weltentrückten  Christus  in  mystisch
kalte  Töne  hüllt,  während  die  schlafenden  Jünger  im  Vordergründe
oon  ganz  irdischen  färben  und  kräftigen  Cichtern  sozusagen  triefen.
Er  oerzichtet  oft  genau  wie  die  Impressionisten  auch,  auf  die  Kennzeichnung ­
  des  Stofflichen,  zu  Gunsten  dieser  farbigen  Ceuchtkraft.
Und  dennoch  gibt  er  der  Jungfrau  auf  der  „heiligen  familie“  ein
gläsernes  fruchtschälchen  in  die  Hand,  das  in  seiner  durchsichtigen
Zartheit  ebenso  oollendet  den  Eindruck  der  ITlalerei  spiegelt  wie
etwa  der  fließende  Silberschleier  der  ITladonna.  Zwei  Porträts,
der  junge  Cuis  Gonzaga  (1584)  und  ein  spanischer  Kardinal  (um
1600)  beides  Brustbilder,  zeigen  den  Künstler  oon  der  besten  Seite
objektioer  ITlenschenbeobachtung.  Seine  religiöse  Inbrunst,  soweit
sie  sich  in  stereotypem  Augenaufschlagen,  in  stehenden  Gesten,
            
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