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MAK

Full text : Jahrgang 3 (1911) (23)

Die  mu5ikir)5trurnenten-5ammlung  des  Erzherzogs
Franz  Ferdinand.

■ ie  der  „Heuen  fr.  Pr.“  aus  Hofkreisen  mitgeteilt
roird,  roerden  in  der  neuen  Hofburg  umfassende
Vorbereitungen  für  eine  groß  angelegte  Ausstellung ­
  der  Sammlungen  des  Erzherzogs  f  ra  n  z
ferdinand  getroffen.
Der  Zeitpunkt,  bis  zu  welchem  die  Ausstellung, ­
  die  allgemein  zugänglich  sein  roird,
eröffnet  roerden  kann,  läfjt  sich  ooiläufig  noch
nicht  bestimmen,  da  nicht  nur  die  baulichen  Vorbereitungen
in  der  neuen  Hofburg  noch  nicht  so  roeit  gediehen  sind,
sondern  die  Sammlungen  selbst  auch  einer  durchgreifenden
Renooierung  und  teilroeisen  Umgestaltung  unterzogen
roerden,  die  nach  Ulonate  in  Anspruch  nehmen  roird.
Vieles  aus  den  Sammlungen  ist  bekannt  und  roar  wiederholt ­
  der  allgemeinen  Besichtigung  zugänglich,  anderes  dagegen ­
  ist  der  großen  Öffentlichkeit  noch  fremd,  und  das
Wiener  Publikum  roird  Gelegenheit  haben,  eine  der  interessantesten, ­
  reichhaltigsten  und  oerschiedenartigsten  Sammlungen ­
  zu  sehen,  roie  sie  kein  anderes  tllitglied  des  Kaiserhauses ­
  in  Prioatbesiß  hat.
Die  Ausstellung  roird  in  eine  Reihe  non  Abteilungen
zerfallen  und  eine  flucht  non  Sälen  in  der  dem  inneren
Burgplaß  zugeroendeten  front  des  monumentalen  Gebäudes
einnehmen.  Gänzlich  unbekannt  ist  zum  Beispiel  die  kostbare ­
  Sammlung  non  Ulusikinstrumenten  des  Crzherzogs,
zum  großen  Teile  Jahrhunderte  alte  Instrumente,  gesammelt
non  den  nerschiedenen  ITtitgliedern  der  familie  Cste.  Bisher ­
  mangelte  ein  passender  Plaß  für  die  Instrumente  und
sie  lagen  daher,  in  Kisten  und  Truhen  oerpackt,  auf  den
Bodenräumen  des  alten  ITlodena-Palais  in  der  Beatrixgasse,
bis  durch  den  Verkauf  des  Palais  an  die  Autotaxigesellschaff ­
  die  Objekte  geräumt  roerden  mußten.  Bei  dieser
Gelegenheit  kamen  auch  die  alten  Sachen  wieder  ans
Tageslicht,  und  Erzherzog  franz  ferdinand  entschlaf]  sich
nun,  die  einzelnen  Stucke  einer  fachgemäßen  Renooierung
unterziehen  zu  lassen.  In  einigen  Sälen  der  neuen  Hofburg ­
  wurde  nun  eine  Art  oon  Jnstrumentenmacheftoerkstätte
  eingerichtet,  in  der  ein  bekannter  Wiener  Geigenmacher, ­
  der  in  der  Restaurierung  alter  Instrumente  große
Crfahrung  besitzt,  seine  Tätigkeit  begann.  In  der  Sammlung ­
  fanden  sich  neben  mehr  als  40  Geigen,  darunter  sehr
roertoollen  Stücken,  eine  ITlenge  altertümlicher  Instrumente,
die  heute  kaum  dem  Flamen  nach  bekannt  sind,  Cysten,
Tauten,  italienische  Zupfinstrumente,  Violen  etc.,  bei  welchen ­
  der  Zahn  der  Zeit  große  Verheerungen  angerichtet
hatte.  Jedes  Stück  wurde  gänzlich  zerlegt,  und  im  Innern
der  Violinen  und  anderen  Saiteninstrumente  wurden  interessante ­
  Cintragungen  gefunden,  die  über  Alter  und  Kleister
Aufschluß  gaben.  Diese  Aufzeichnungen  rourden  gesammelt
und  sollen  einem  Katalog  beigegeben  roerden,  der,  sobald
die  Ausstellung  besuchsfähig  sein  roird,  den  Besuchern  an
die  Hand  gegeben  roerden  soll.
Cin  künstlerisch  weniger  bedeutsames,  dafür  aber
als  Kuriosität  merkwürdiges  Instrument,  das  sonst  in  keiner
Sammlung  oorkammt,  ist  eine  Geige  aus  Stein,  die  oon
dem  bekannten  italienischen  Kleister  Carlo  Cassini  in
Carrara  stammt  und  im  siebzehnten  Jahrhundert  gebaut
wurde.  Sie  ist  aus  roeißem  Carraramarmor  oerfertigt  und
bis  ins  Detail  den  italienischen  Violinen  der  grofjen  Geigenbauerepoche ­
  nachgebildet.  Kur  gespielt  kann  sie  nicht
werden,  obwohl  bei  der  jeljt  oorgenommenen  Restaurierung
auch  Saiten  aufgezogen  rourden,  aus  dem  einfachen  Grund,
weil  sie  ein  sehr  bedeutendes  Gewicht  hat  und  nur  oon
einem  Athleten  mit  einem  Arm  gehalten  roerden  könnte.

Bei  der  fachmännischen  Untersuchung  der  einzelnen
Instrumente  wurde  auch  festgestellt,  dafj  es  sich  bezüglich
einer  bisher  für  eine  Stradioarius  gehaltenen  Geige  um  einen
Jrrtum  handelt;  das  betreffende  Instrument  entstammt
nicht  der  berühmten  familie  der  Stradioari,  sondern  ist
eine  ausgezeichnete  FRarkneukirchner-Geige,  roie  deren
die  Sammlung  noch  mehrere  enthält.  Ungemein  kostbar
und  oon  bedeutendem  Wert  ist  eine  Gambe,  eines  jener
in  derZeit  oom  fünfzehnten  bis  zur  FAitfe  des  achtzehnten
Jahrhunderts  in  allen  Kulturländern  oerbreiteten  Instrumente,
die  nach  Art  der  Violoncells  zwischen  den  Knien  gehalten
rourden,  jedoch  mit  sechs  Saiten  bespannt  waren.  Cs  ist
mit  einer  jeden  Zweifel  ausschließenden  Sicherheit  festgestellt, ­
  dafj  diese  Gambe  ein  Crzeugnis  der  berühmten
familie  Tieffenbrucker  ist,  jener  Tiroler  Geigenmacherfamilie, ­
  welcher  der  Bau  der  ersten  Violine  zugeschrieben
roird.  Dieses  eine  Instrument  allein  hat  einen  U 7 ert  oon
mehr  als  50.000  Kronen,  und  es  gibt  nur  wenige  Sammlungen ­
  des  ln-  und  Auslandes,  auch  die  weltbekannte
Kollektion  des  fürsten  Tobkoroitj  in  Böhmen  nicht  ausgenommen, ­
  die  ein  Crzeugnis  der  familie  Tieffenbrucker
aufweisen  können.  Dicht  minder  roertooll  sind  eine
Stainer-Geige  und  einige  Tauten  spanischen  Ursprungs,
IKandolinen  und  Bratschen,  die  durchwegs  alle  oon  berühmten ­
  Illeistern  stammen  und  mehrere  hundert  Jahre
alt  sind.  Zu  den  Saiteninstrumenten  gehören  auch  einige
alte  Klaoiere  und  Spinefte,  die  den  Anfang  des  Klaoierbaues
  repräsentieren,  primitioe  Kielklaoiere,  die  erst  nach
miiheoollerArbeit  wieder  instand  gesetjt  roerden  konnten.
Von  besonderem  Interesse  sind  die  Blas-  und  Schlaginstrumente, ­
  die  in  der  Sammlung  in  großer  Zahl  oertreten ­
  sind.  Cs  befinden  sich  darunter  griechische  Hörner,
Zinken  und  oerschiedene  flöten  aus  den  letjten  Jahrhunderten, ­
  Posaunen  und  Trompeten,  Klarinette  und  Schalmeien, ­
  die  das  Interesse  jedes  lllusikfreundes  und  forschers
  finden  roerden.  Alle  diese  Instrumente  roerden  nach
der  Restaurierung  in  Vitrinen  und  Glaskasten  untergebracht ­
  roerden,  und  jedes  einzelne  soll,  roie  erwähnt,  eine
kurze  Tegende  erhalten,  die  über  Prooenienz  und  Ursprung
und  die  Zeit  des  Gebrauches  Auskunft  erteilt.  Da  bekanntlich ­
  Saiteninstrumente  an  Klangschönheit  wesentlich  einluifjen,
  wenn  sie  lange  Zeit  nicht  gespielt  roerden,  sollen
die  roertoollsten  Stücke  auch  oon  Zeit  zu  Zeit  dem  Kasten
entnommen  und  beniitjt  roerden,  um  sie  nicht  dem  langsamen ­
  Verfall  anheimzugeben.
Die  musikinstrumente,  mehr  als  150  an  der  Zahl,
die  zum  allergrößten  Teil  oon  den  oerschiedenen  Klitgliedern
  der  familie  Cste  gesammelt  oder  auf  Reisen  erworben ­
  rourden,  bilden  nur  einen  oerschroindend  geringen
Teil  der  erzherzoglichen  Sammlungen.  In  den  Sälen  der
neuen  Hofburg  roerden  ferner  auch  die  kostbaren  Skulpturen, ­
  Reliefs  und  Bildhauerroerke  aus  dem  erzherzoglichen
Besitj  aufgestellt  roerden  und  außerdem  ist  zur  Zeit  eine
oollständige  Deuordnung  und  Aufstellung  der  Sammlungen
im  Werke,  die  Crzherzog  franz  ferdinand  oon  seiner
Weltreise  mitbrachte.  Cin  großer  Teil  hieoon  ist  bekannt,
da  die  wissenschaftliche  Ausbeute  dieser  Weltumseglung
in  den  Jahren  nach  der  Rückkehr  des  Crzherzogs  im  Beloedere
  ausgestellt  roar.  Cin  anderer  bedeutender  Teil  roar
bisher  jedoch  nicht  zugänglich  und  soll  nun  zum  erstenmal ­
  in  einer  systematisch  geordneten  und  wissenschaftlich ­
  gesichteten  form  der  Öffentlichkeit  zugänglich  gemacht ­
  roerden.  Kulturhistoriker  und  Cthnographen  roerden
hier  ein  reiches  und  ergiebiges  feld  zum  Studium  finden.
            
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