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MAK

Full text : Jahrgang 4 (1912) (11)

Seite  170

Nr.  11

Internationale  S

zur  Zeit  der  jetzigen  Dynastie.  Zunächst  war  er  Landschafter. ­
  Beim  Anblick  von  Werken  Wang-Shi-kus  indessen ­
  wurde  er  in  der  Annahme,  es  diesem  niemals
gleichtun  zu  können,  so  mutlos,  daß  er  sich  der  Blumenmalerei ­
  in  Mo-ku-Manier,  nach  dem  Vorbild  von  Chü-Chung-tse,
  einem  Enkel  von  Shii-Hsi,  die  zur  Zeit  der
Sung-Dynastie  gelebt  hatten,  zuwandte,  und  darin  hat  er
Unnachahmliches  geleistet.  Seine  Malweise  wurde  nach
seiner  Heimat  die  Chang-shou-Art  genannt.  Als  sehr  guter
Blumenmaler  sei  hier  noch  Tso-yi-kuei  erwähnt.
Nach  der  Hsieh-yi-Manier  wurde  schon  zur  Zeit  der
Sung-Dynastie  gemalt;  von  wem  zuerst,  ist  unbekannt.
Unter  der  Ming-Dynastie  zeichnen  sich  in  ihr  besonders
Lin-Le-ang,  ferner  Shih-Tien  und  Po-Yang  aus.
Wenn  sich  auch  die  Kou-shan-Malweise  nur  ungefähr ­
  den  europäischen  Illustrationen  und  die  Mo-ku-Malweise
  der  in  Europa  allgemein  üblichen  vergleichen  läßt,
so  deckt  sich  doch  vielfach  die  Schwarz-weiß-Kunst  vollkommen ­
  mit  unserer  Tuschmalerei.  Als  sehr  tüchtig  auf
diesem  Gebiete  möchte  ich  Li-Kung-lin  anführen,  von
dem  indes  leider  viele  Werke  verloren  gegangen  sind;
gerade  bei  diesem  Künstler  ist  darum  doppelt  das  Fehlen
staatlicher  Sammlungen  zu  bedauern.  In  diesem  Zusammenhang ­
  sei  auch  auf  das  Nichtvorhandensein  von  Kunstschulen ­
  staatlicher  und  privater  Art  hingewiesen.
Unter  den  chinesischen  Malern  ist  kein  Mangel  an
eigenartigen  Persönlichkeiten;  viele  müssen  sogar  als
nicht  normal  bezeichnet  werden,  was  einen  neuen  Beitrag ­
  zu  den  Wechselbeziehungen  zwischen  Genie  und
Wahnsinn  bilden  dürfte.  Berühmtheit  hatte  allein  schon
durch  seine  Verrücktheit  der  Maler  Hu-hu-tou,  der
unter  den  Tangs  lebte,  erlangt.  Viele  Meister  sind  melancholische ­
  Naturen  gewesen,  die  die  Einsamkeit  liebten;
daher  kommt  wohl  auch  bei  vielen  die  Tiefe  der  Gedanken ­
  und  der  Abgeklärtheit  in  ihren  Werken.  Die
Neigung  zum  Einsiedlertum  mag  wohl  vielfach  auch  davon ­
  herrühren,  daß  sie  so  oft  von  der  Menge  nicht  verstanden ­
  wurden.  Viele  wollten  deshalb  ihre  Werke  auch
aus  diesem  Grunde  gar  nicht  auf  den  Markt  bringen  und
sie  dadurch  der  öffentlichen  Kritik  auszusetzen.  Andererseits ­
  malen  viele,  des  lieben  Broterwerbes  willen,  nach
dem  Geschmack  der  Menge,  gleich  wie  in  Deutschland.
Und  vielfach  gelingt  es  sogar  solchen  Leuten,  Eintagsruhm ­
  zu  erlangen,  besonders  wenn  sie  die  Reklametrommel ­
  ordentlich  zu  rühren  verstehen.
Aus  der  Zeit  der  Mings  sei  noch  des  Malers  Che  n-L
  a  n  -1  i  e  n  Erwähnung  getan,  der  sich  besonders  durch
seinen  gleichzeitig  feinen  und  kräftigen  Pinselstrich  auszeichnete ­
  und  die  Vorzüge  von  Li-Kung-lin  und  Chan-Tse-an
  vereinigte.  Sein  Vorbild  war  W  u  -  S  h  e  n  g.
An  Innerlichkeit  übertrifft  er  noch  Chou-Shih-chou  und
Tang-Po-hu.  Ein  Künstler  wie  er  hatte  seit  dreihundert
Jahren  nicht  mehr  gelebt.  Er  bildete  sich  an  Lithographien
der  zweiundsiebzig  Schüler  von  Konfuzius  nach  Li-Kunglin,
  die  ihm  eine  Hochschule  verehrt  und  die  er  ganz
genau  studiert  hatte.  Ferner  bildete  er  sich  weiter  an
einer  »Bella«  von  Chou-Ching-yüan.  Diese  kopierte  er
wieder  und  wieder.  Als  er  nun  gefragt  wurde,  warum  er
dies  tue,  da  ja  doch  seine  Kopien  viel  schöner  und  besser
seien  als  das  Original,  antwortete  er,  eben  deshalb  seien

ammler-Zeitung.
sie  nicht  gut.  Feinheiten,  die  man  auf  den  ersten  Blick
herausfinde,  taugen  in  Wahrheit  nichts;  das  täten  solche,
die  erst  mühsam  herausgelöst  werden  müßten  wie  der
Kern  aus  der  Schale.  Dies  ist  bezeichnend  für  unsere
Denkweise  und  Auffassung  nicht  nur  in  der  Malerei,  sondern ­
  auch  in  der  Literatur.
Genannt  seien  ferner  noch  der  Landschafter,  Blurnenund
  Vogelmaler  Pa-ta-shan-yüan  und  Cheng-B
  a  n  -1  i  a  o,  Zeitgenossen  von  Tien-Lung;  Chong-B
  a  n  -1  i  a  o  ist  durch  seine  Orchideen-  und  Bambusdarstellungen, ­
  ferner  auch  noch  als  Dichter  berühmt;  sodann
Wang-Shi-mi  n,  Wang-Shu-ku,  Wang-Lu-tai,  Tung-Pang-ta
  und  endlich  Shao-Mi.  Bei  der  Porträtmalerei
unterscheidet  man  bei  uns  in  China  zwei  Arten,  eine  in
der  Khou-shan-Manier,  bei  der  Umrisse  u.  s.  w.  zunächst
in  Tusche  ausgeführt  und  dann  erst  Farben  verwendet
werden;  in  dieser  Art  der  Malerei  hat  sich  besonders  der
aus  Fukien  stammende  Tseng-Po-chon  ausgezeichnet.
Bei  der  zweiten  Art  wird  allerdings  auch  zuerst  eine
Tuschezeichnung  hergestellt;  doch  sind  die  Linien  so  fein,
daß  sie  nach  der  Ausmalung  vollkommen  verschwinden,
was  leicht  etwas  verwaschen  wirkt.  Wiederum  in  anderer
Art  malte  zur  Zeit  der  Tang-Dynastie  Wu-Sheng,  der  mit
wenig  Farbe,  aber  mit  viel  Tusche  arbeitete,  was  sehr
charakteristisch  wirkt.
Ein  Europäer  Li-Ma-tou,  der  unter  den  Ming  in
China  lebte  und  auch,  und  zwar  hauptsächlich,  Seebilder
malte,  sagt  der  chinesischen  Malerei  nach,  sic  wisse  nicht
plastisch  zu  malen;  offenbar  hat  er  nie  wirklich  gute
Kunstwerke  gesehen,  sonst  würde  sein  Urteil  wohl  günstiger ­
  ausgefallen  sein.  Li-Ma-tou  ist  dann  von  Tiao-Ling-chyn
  vielfach  kopiert  worden,  der  aber  auch  für
Kaiser  Kang-Hsi  andere  Vorwürfe,  wie  pflügende  Bauern,
Weber  an  ihren  Stühlen  und  dergleichen  dargestellt  hat.
Wenn  der  ganz  gewiß  sehr  eigenartigen  chinesischen ­
  Malerei  manche  Vorzüge  der  europäischen,  wie
Naturtreue  und  Realistik,  abgehen  mögen,  so  hat  sie  dafür
andere;  in  erster  Linie  nenne  ich  ihren  Gedankenreichtum ­
  und  ihre  Symbolik.  Mit  wenig  Pinselstrichen  weiß
sie  außerordentlich  viel  auszudrücken  und  viel  zu  sagen;
es  gehört  eingehendes  Studium  dazu,  sie  verstehen  und
in  ihre  Gedankenwelt  eindringen  zu  können.  Und  je
schwerer  ein  Werk  zu  verstehen  ist,  desto  höher  ist  meist
sein  Wert.  Da  also  der  Gedanke  die  Hauptsache  ist,  wird
die  Naturtreue  manchmal  etwas  stiefmütterlich  behandelt.
Zum  Schluß  möchte  ich  der  chinesischen  Malerei
wünschen,  daß  sie  die  deutsche  Malerei  kennen  lernt,  und
zwar  die  alten  Meister  und  von  den  beiden  modernen
Richtungen  die  gemäßigten  inneren  Flügel  von  beiden.
Ich  bin  überzeugt,  daß  dies  für  ihre  Fortentwicklung  nur
von  großem  Nutzen  sein  kann,  besonders  wenn  sie  das
in  Deutschland  Geschaute  und  Gelernte  mit  den  Vorzügen ­
  der  chinesischen  Malerei  zu  vereinigen  weiß  und
dies  nicht  etwa  in  blinder  Nachäffung  über  Bord  wirft.
Und  dann  möchte  ich  unseren  Malern  wünschen,  daß
unser  Land  sich  auf  seine  Pflichten  der  Kunst  gegenüber
besinnt  und  seinen  Beutel  für  Museen  und  Kunstschulen
öffnet,  wie  das  in  Deutschland  geschieht  und  geschehen ­
  ist.
            
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