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Internationale Sammler-Zeitung.
Nr. 18
auf eint miesperson schließen ließ, mit einer tiefen
Verb. ,ig den Weg vertrat, sieh als Gräfin Adelgunde
Fr, ;ke G. aus einer preußischen Ostprovinz vorstellte,
(j verblüfften Altmeister mit einem liebenswürdigen
Lächeln ihre Sehnsucht nach dem »Vergnügen seiner per-
. önlichen Bekanntschaft« schilderte und die bisher ein
seitig geführte Unterhaltung mit einem vielsagenden Blick
auf ihr goldenes Notizbuch und der Bitte um ein Auto
gramm schloß. Ich kannte des alten Herrn Empfindlich
keit in solchen Dingen, und seine Stirnrunzeln hätten der
schönen Bittstellerin ein Warnungszeichen sein können*
eine geeignetere Gelegenheit zur Erfüllung ihres »Her
zenswunsches« abzuwarten. Als die junge Dame aber in
vollständiger Verkennung von Menzels Gesichtsausdruck
ihre Bitte zum zweitenmal vorzutragen begann, war es
mit der Geduld des alten Herrn vorbei. Er unterbrach
sie mitten in der Schilderung ihres »unaussprechlichen
Vergnügens« mit den Worten: »Aber ich verzichte auf
dieses Vergnügen und bitte Sie dringend, zu bemerken,
daß ich mich auf einem Spaziergange befinde, den ich un
gestört weitergenießen will,« und wandte sich dann zu
mir, indem er auch für weiter wegstehende, zahlreiche
Zeugen dieses peinlichen Intermezzos vernehmlich genug
sagte: »Kommen Sie, wir gehen weiter.« Ich muß ge
stehen, diese Abfertigung einer Dame, die ich durch eine
höfliche Verbeugung vor der Verblüfften etwas weniger
fühlbar zu machen suchte, war mir peinlich, und ich war
ordentlich froh, als Menzel seine nervöse, fast me
chanisch gewordene Nestelei am Schlußbande des ihn nie
verlassenden Regenschirmes mit der Bemerkung unter
brach: »Hier haben Sie das schöne Plätzchen, an dem
Sie mich mit dem Reichskanzler photographiert sahen.
Wir haben damals . . .« Ich atmete erleichtert auf, als
ich sah, daß die Erinnerung an jene Stunde seine Stirne
wieder glättete, kannte ich doch seine Eigenheiten zu
genau, um nicht zu wissen, daß dieses äußere Zeichen
wieder gut- Wetter kündete. Aber mir ging die arme, so
kurz abgefertigte Gräfin nicht so rasch aus dem Kopfe,
und es mag die Folge einer Ideenassoziation gewesen
sein, daß ich ganz unvermittelt — denselben Wunsch
aussprach, der meiner schönen Vorgängerin eben eine
so unerwartete Antwort eingetragen hatte. Menzel sah
mich einen Augenblick scharf an, lächelte und erwiderte:
»Sie bleiben doch noch einige Tage hier, Sie sollen Ihren
Wunsch erfüllt erhalten.« Und in der Tat, am Tage
meiner Abreise fand sich der alte Herr bei mir ein und
überreichte mir ein Buch, auf dessen ersten beiden Seiten
ich eine in ungewöhnlich großen und für einen Neunzig
jährigen verwunderlich kräftigen Zügen geschriebene
Widmung fand. Als wenige Monate später Baronin
Bertha v. Suttner sich gern bereit erklärte, dem Alt
meister Menzel im Album Gefolgschaft zu leisten, und
bald darauf auch Eleonore Düse meine Bitte um ein
Autogramm erfüllte, kam mir der Gedanke, das Buch
nach Möglicnkeit mit den Namen der prominentesten Per
sönlichkeiten der Welt zu füllen.«
Seitdem haben sich die Größten und Würdigsten
unserer Zeit in diese Blätter eingetragen. Von Königshof
zu Königshof, von Ministersitz zu Ministersitz, aus dem
Arbeitszimmer des weltbekannten Gelehrten in das stille
nachdenkliche Heim der großen Dichter, aus den weiten,
stolzen Ateliers unserer großen Maler und Bildhauer in
das ruhige Zimmer der Komponisten von Weltruf zieht
dieser ungekrönte König mit seinem dicken, rotledernen
»Menzel-Album« und wird als ein interessanter Gast
überall mit Spannung und Neugierde und Liebenswürdig
keit aufgenommen. Kaiser Franz Josef I. hat ihn in
der Hofburg empfangen, der Papst hat ihn hei sich im
Vatikan eingelassen, Kaiser Wilhelm II., König
Eduard VII., sein Sohn König Georg V., und sein
Enkel, der Prinz von Wales, der König und die Königin
von Italien, das Königspaar von Dänemark, Ex-Kömg
Manuel und seine Mutter Königin Amelie, der König
und die Königin von Rumänien haben sich in dieses
Album eingetragen; und dazwischen liest man die er
lesensten Namen, die in der Geschichte der Literatur, der
Politik, der Wissenschaften und der Künste unserer Zeit
bereits Ewigkeitswert erhalten haben. 909 unserer zeit
genössischen Weltgrößen haben bereits diesem Album in
44 Sprachen ihr Gedenkblatt eingefügt. Hundert der hier
Verewigten weilen nicht mehr unter uns. Barth aber be
wahrt das Buch am Tage in einer tiefen Tasche unter
seinem Rock und in der Nacht unter seinem Kopfkissen
wie einen Talisman, der teure und seltene Erinnerungen
für ihn birgt.
Im März 1910 kamen Nachrichten von einer Ver
schlimmerung im Befinden des nun verstorbenen Königs
Eduard von England. Ein Schreiben eines Vetters
des Königs machte diesen auf das interessante Menzel-
Album aufmerksam und empfahl seinen Besitzer Ludwig
Barth zu einer Audienz. Der König weilte eben in Biar
ritz, als Hofmarschall Dawidson am 22. März — vier
Wochen vor dem Tode des Königs — Barth zur Audienz
meldete. Der König empfing ihn mit großer Liebenswür
digkeit, hieß ihn Platz nehmen und bot ihm eine Zigarre
an. Als Barth sich die Bitte gestattete, als »leidenschaft
licher Nichtraucher« ablehnen zu dürfen, lachte der König
herzlich und sagte: »Ein Ungar und Nichtraucher? Ich
wollte, ich könnte es mir abgewöhnen.« Und nach einer
kurzen Pause: »Wo ist die schöne Jugendzeit, die ich im
Ungarland verbrachte?« Beim Blättern im Albuin traf
der König auf das Bild unseres Kaisers. Er hielt still und
rief plötzlich liebevoll: »Mein lieber, guter Freund, Eljen!«
Ueber die Kaiserplakette des Bildhauers Marschall,
die dicht daneben lag, urteilte der König: »Sehr schön!
Allerdings noch nach einem Jugendbildnis!« Dann
brachte Barth seine Bitte um ein Autogramm des Königs
vor. Der König lächelte zuerst, bedeutete Barth, daß er
gewöhnlich nur Blutsverwandten seine Handschrift
überlasse, griff aber dann zur Feder und zeichnete mit
kräftigen Zügen auf die erste Seite:
»Eduard, Ex et Imperator,
March 1910.«
Dann sagte der König: »Einen großen Fehler aber
hat das Album.« Hcfmarschall Dawidson und Barth sahen
einander und dann den König neugierig an. König Eduard
aber setzte scherzend fort: »Daß dieser große Schatz
nicht mir gehört.« Damit war die Audienz beendet. Am
nächsten Tage traf bei Barth ein Bote der gleichzeitig in
Biarritz weilenden Königin-Mutter Amelie von Por
tugal ein, und überbrachte ihm die Einladung der
Königin zum Five o’clock tea. König Eduard hatte am
vorangegangenen Abend von dem Menzel-Album erzählt
und in der Königin den Wunsch geweckt, es gleichfalls
zu sehen. Die Königin trug, nachdem sie lange in dem
interessanten Buche geblättert hatte, ihren Namen unter
dem Autogramm König Eduards ein und sagte es Barth
gern zu, ihm bei seinem Besuch in Lissabon eine Audienz
beim König und seine Unterschrift erwirken zu wollen.
Barth traf noch rechtzeitig in Lissabon ein. Wenige Tage
später mußte König Manuel das Schloß und sein Reich
verlassen.
Vor einigen Wochen war Barth beim belgischen
Königspaar zu Gast geladen. Länger als eine Stunde
währte die Audienz, in der das Königspaar sich mit dem
»König der Autogrammsammler« über sein seltsames
Buch unterhielt und in der der König und die Königin und