Nr. 20
Internationale S a in in I e r - Z e i t u n g.
Seite 313
solchen Reichhaltigkeit kaum ein nennenswertes Blatt fehlen
wird. Man stößt da auf Exemplare von größter Seltenheit, so
zum Beispiel auf einen prachtvollen Abdruck der nur in fünfzig
Exemplaren gedruckten ersten Ausgabe von »Le sergent
rapporteur«, auf frühe Abdrücke von »Le fumeur«, »Le philo-
sophe«, »Les courses«, auf sehr rare Probedrücke von Jagd-
cinjadungen etc. Die Blätter zu Kugle rs »Geschichte Fried
richs des Großen« und zu den »Werken Friedrichs des
Großen« sind ausnahmslos prachtvolle Probedrucke und
Sonderdrucke auf losem Chinapapier, die Blätter der letzteren
Serie teilweise auf dünnem Büttenpapier.
Mit interessanten Blättern sind Josef Felix Braque-
m q n d (fast lebensgroßes Brustbild Edmonds de Qoncour t,
Fig. 13), Arnold B ö c k 1 i n, Felix B u h o t (Liseuse ä la lampe,
Fig. 14), Jean Louis Fe ra i n (Le retour de l’enfant prodigue,
Hauptblatt des Künstlers, Fig. 15), Oskar F r e n z e 1, Francisco
de Goya, Pierre Guerin (Le vigilant, Fig. 16), Ernst
H e n s e 1 e r, K 1 i n g e r, Meissonier, M i 11 e t, Jacques
T i s s o t, William Unser, Fritz Werner, Anders Zorn
u. v. a. verzeichnet.
Von Felicien R o p s, dessen Arbeiten heute sehr gesucht
sind, weist die Sammlung 23 Blätter auf, darunter einige höchst
seltene. So die hier reproduzierte Lithographie »Chez les
trappistes« (Eig. 17). Ottokar Mascha, der beste Rops-
Kenner und Verfasser des ausgezeichneten Rops-Werkes, das
wir in der Doppelnummer vom 1. August d. J. (s. Nr. 15 und 16
der »Internationalen Sammler-Zeitung«) gewürdigt haben, gibt
von dem Blatte folgende Beschreibung: »Fünf Trappisten um
einen großen Folianten, der auf einem Lesepulte ruht. Der
Foliant ist gerade bei »Destruction de Sodome« aufgeschlagen.
Unter den Physiognomien fällt das Gesicht des linken Mönchs,
daun der Seitenblick des rechten bärtigen Mönchs auf den
neben ihm stehenden erstaunten Novizen rechts auf. Signiert
rechts unten: Felicien Rops.«
Die beiden Abbildungen (Fig. 18 und 19) stammen aus
Rops »Les Cytheres Parisiennes«, achtzehn humorvollen
kleinen Darstellungen auf einem Blatte. Der Abdruck vor der
Adresse von Delatre am Unterrand ist von größter Seltenheit,
doch beruht die Angabe des Katalogs, daß er Dr. Mascha unbe
kannt geblieben sei, auf einem Irrtum. Ein Hinweis auf den Ab
druck findet sich auf Seite 153 von Maschas schon zitiertem
Rops-Buch (»Feiician Rops und sein Werk«. Verlag Albert
Langen, München).
Vom Professor Pietsch selbst enthält die Sammlung
26 wertvolle Arbeiten, unter denen besonders das Brustbild
eines Parteiführers aus dem sturmbewegten Jahre 1848 her
vortritt (Fig. 20). Die Inschrift, die von der Hand des Darge-
stellten herriihrt, lautet:
»Der Schatten mein Führer, mein Obdach der Wald,
Am Quell in der Wüste mein Aufenthalt.
Scheel.«
Das Biid ist signiert »Cöthen 5./5. 48. L. P.«
Können und sollen unsere deutschen Museen noch Kunst
werke älterer Zeit sammeln?
Von Wilheim Bode, Generaldirektor der Königlichen Museen (Berlin).*)
Ein wichtiges Problem bewegt unsere Zeit gerade in
Deutschland, die Frage, ob unsere deutschen Museen
noch berechtigt und imstande sind, ihre Sammlungen
nach der Richtung der älteren Kunst zu bereichern. Wer
nach den Anschaffungen, welche die meisten deutschen
Museen heutzutage machen, und nach den Kundgebungen
in der Presse und selbst in den Fachzeitschriften sich ein
Urteil bildet, wird erwidern, diese Frage sei ja bereits
fast einstimmig verneint worden; die Berliner Museen
möchten wohl noch eine Zcitlang nach gewissen Rich
tungen ihre Sammlungen alter Kunst zu bereichern
suchen, und die Provinzial- und Lokalmuseen hätten die
Aufgabe, ihre Sammlungen von lokaler und vaterländi
scher Kunst weiter zu vervollständigen, fast alle anderen
öffentlichen Kunstsammlungen müßten sich aber darauf
beschränken, neuere Kunst, vor allem die allcrneueste,
zu sammeln. Als Grund für diese Ansicht wird die Pflicht
von Staat und Stadt, die lebenden Künstler, namentlich
die aufstrebende Jugend, zu fördern, hervorgehoben, um
so mehr, als die heutigen Preise für alte Kunst jede Kon
kurrenz unserer deutschen Museen unmöglich mache.
Daß diese Ansicht auch in offiziellen Kreisen die herr
schende ist, daß die Ministerien wie die städtischen Ver
waltungen so denken, beweist der Umstand, daß schon
seit längerer Zeit, wenn ein Direktor für eine größere
öffentliche Kunstsammlung gesucht wird, regelmäßig be
tont wird, daß er Verständnis für moderne Kunst haben
müsse, die ganz oder fast ausschließlich gesammelt wer
den solle. Wie weit die Museen moderne Kunst sammeln
sollen und ob ihre Direktoren berufen sind, die pace-
niakers zu machen für die neuesten Richtungen unserer
*) Wir entnehmen den interessanten Aufsatz der »Voss,
Zeitung«, die damit eine Folge von Essais über die bedeut
samsten Probleme der Gegenwart eröffnete.
Kunst, die sich mit der blitzartigen Schnelligkeit wie die
Runden der Radfahrerkünstler folgen, diese Frage will
ich hier beiseite lassen; ich fürchte, man werde mir er
widern, ich sei als Leiter von Sammlungen alter Kunst
nicht befähtigt und berechtigt, darüber zu sprechen, und
bei meinem Alter könne ich nur ein laudator temporis
acti sein. Hat man doch das gleiche jetzt Karl Justi bei
der Feier seines achtzigsten Geburtstages in aller
Freundschaft zugerufen! Aber auf die zweite Frage, ob
wir heute in Deutschland noch alte Kunst sammeln
können, bin ich berechtigt und fühle ich mich imstande,
zu antworten. Wenn man die großen Preise liest, die auf
den namhaften Versteigerungen der letzten Jahre, in den
Auktionen Doucet, Taylor, Weber, Lanna u. s. f. bezahlt,
und gar die Summen, die hei Einzelverkäufen neuerdings
erzielt worden sind, so ist es begreiflich, daß man glaubt,
unsere deutschen Museen könnten gegen die amerika
nische Konkurrenz nicht ankämpfen, und daß die meisten
Direktoren verzweifelt die'Hände in den Schoß legen und
nur noch moderne Kunst kaufen. Aber selbst jene Ver
steigerungen haben gezeigt, daß wir Deutschen sehr wohl
dabei zu Worte kommen können: in der Versteigerung
Weber hat die Hamburger Kunsthalle eine Auswahl der
besten Bilder erworben, und in den Lannaschen Auk
tionen haben gerade verschiedene deutsche Sammlungen,
auch abgesehen von den Berliner Museen, die Haupt
stücke bekommen. Fast jede große Auktion bietet durch
Zufälligkeiten die Gelegenheit, das eine oder andere gute
Stück preiswert oder selbst billig zu erwerben. Daneben
bietet der Kunsthandel, obgleich die Zahl der käuflichen
Kunstwerke sich in kurzer Zeit uni das Vielfache ver
ringert und die Preise um das Vielfache erhöht haben,
noch weit mehr und weit bessere Gelegenheiten, wenn
man zu suchen und zu wählen versteht. Eine Hauptauf
gabe der Sannnlungsvorstände ist es, sich im Kunst-