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MAK

Full text : Jahrgang 4 (1912) (9)

Seite  130

Internationale  Sammler-Zeitung.

Nr.  9

gekündigt,  daß  er  in  einem  Kloster  eingekerkert  war  und
erst  als  90jähriger  Greis  in  einem  Lustschlosse
Metternichs  gestorben  ist.
Bald  bemächtigte  sich  aber  die  Publizistik  auch  der
Kritik  einzelner  Persönlichkeiten.  Unter  den  meistgeliaßten
  Publizisten  der  damaligen  Zeit  ist  M.  G.  Saphir
wohl  in  erster  Reihe  zu  nennen,  und  seine  Persönlichkeit
ist  denn  auch  Gegenstand  einer  ganzen  Reihe  von  Flugschriften, ­
  in  denen  der  gefürchtete  Kritiker  nicht  zum
allerbesten  wegkommt.
Die  tiefe  Verbitterung,  welche  das  1  reiben  Saphirs
in  den  vornehmen  literarischen  Kreisen  Wiens  im  Vormärz ­
  hervorgerufen  hat,  ist  aus  Aeußerungen  ü  r  i  11-p
  a  r  z  e  r  s  und  B  a  u  e  r  ufelds  in  deren  Schriften  und
Tagebüchern  bekannt.  Man  darf  ohne  Uebertreibung  behaupten, ­
  daß  dieses  Treiben  mit  zu  dem  Entschlüsse
Grillparzers  beigetragen  hat,  seine  dichterische  Produktion ­
  der  Oeffentlichkeit  gegenüber  einzustellen  und  seine
Werke  in  seinen  Schreibtisch  zu  verschließen.  Der
persönliche  Groll,  den  Grillparzer  gegen  Saphir  hegte,
entlud  sich  in  mehreren  Epigrammen  aus  dem  Jahre  1835,
am  stärksten  aber  in  dern  kleinen  Spottgedichte:  »Fehlgeburt« ­
  aus  dem  Jahre  1839,  dessen  Wortlaut  ja  allgemein ­
  bekannt  ist.
Wenn  sich  ein  Grillparzer  zu  solch  außergewöhnlicher ­
  Form  grimmigen  Spottes  hinreißen  läßt,  ist  man
wohl  berechtigt,  anzunehmen,  daß  der  Haß  gegen  Saphir
sich  in  weniger  feinfühligen  literarischen  Kreisen  noch
viel  ungebärdiger  geäußert  hat.  Aber  diese  Aeußerungen
konnten  nicht  an  die  breite  Oeffentlichkeit  kommen,  so
lange  die  Zensur  ihres  Amtes  waltete,  denn  die  Polizei
hielt  ihre  schützende  Hand  über  Saphir.  Graf  Sedln
  i  t  z  k  y  war  sein  Beschützer  und  es  ist  bezeichnend,
daß  Bauernfeld  in  einer  seiner  Bemerkungen  diesen
Sachverhalt  feststellend,  Sedlnitzky  damit  entschuldigt,
daß  die  wirklichen  Beschützer  Saphirs  in  den  höchsten
Regionen  zu  suchen  seien.  Als  nun  durch  die  Aufhebung
der  Zensur  die  künstlichen  Schutzdämme  eingerissen
waren,  die  bis  dahin  so  manches  geschützt  hatten,  was
eines  Schutzes  nicht  wert  war,  ergoß  sich  die  Sturmflut
der  Entrüstung  auch  über  den  Mann,  der  bisher  ein
Privilegium  besessen  hatte,  solche  zu  verunglimpfen,
welche  der  Polizei  und  der  Regierung  nicht  genehm
waren,  und  die  lange  angestaute  Wut  ergoß  über  ihn
volle  Kübel  von  Beschimpfungen.
Die  charakteristische  Form  solcher  gegen  Institutionen ­
  und  Personen  gerichteten  Veröffentlichungen
bildet  das  anonyme  Flugblatt.  Einige  solcher  Flugblätter,
die  sich  mit  M.  G.  Saphir  befassen,  finden  sich  in  meiner
Sammlung.  Das  erste  knüpft  an  einen  Artikel  im
»Humorist«  Nr.  110  vom  8.  Mai  1848  an,  in  welchem
Saphir  die  Auszeichnung  der  Konstanze  Geiger,  die
ihr  durch  Ueberreichung  eines  Kolliers  seitens  der
Kaiserin  Maria  Anna  zuteil  wurde,  zu  einem  gehässigen ­
  Angriffe  gegen  die  Künstlerin  benützt  hatte.  Der
Pamphletist  verweist  nach  einer  Einleitung,  in  welcher
der  Sachverhalt  dargestellt  wird,  auf  die  Tatsache,  daß
Saphir  zwei  Jahre  vorher  aus  der  Hand  der  hohen  Frau
eine  Auszeichnung  angenommen,  gerade  damals,  als
durch  einen  Artikel  in  der  »Allgemeinen  Zeitung«  Nr.  47
vom  16.  Februar  1846  seine  Polemik  gegen  Direktor
Pokorny  gebrandmarkt  worden  war.  Er  nennt  ihn
einen  renommierten  Schuft  und  literarischen  Hanswurst
und  fragt:  »Und  er  entsetzt  sich  nicht  ob  der  Auszeichnung? ­
  '1  rat  nicht  beschämt  durch  die.  hohe  Gunst  dazumal ­
  zurück  und  gestand,  daß  er  diese  Erhebung  nicht
verdiene?  .  .  .  wie?  dazumal  Edelsteine  und  Gold  in
dem  Augenblicke,  wo  er  vor  unseren  Augen  als  niederträchtiger ­
  Schuft  erklärt  wurde,  dazumal  dem  ehrenschänderischlumpigallerortsausgepeitschten

  Schurken
eine  Auszeichnung  an  den  Stufen  des  Thrones?«  Nach
Zitierung  einer  schon  vor  zwei  Jahren  gegen  Saphir  erschienenen ­
  Bemerkung  fährt  er  fort:  »Und  nun  wende
ich  mich  an  Euch,  Ihr  Großen  und  Würdenträger  der
Kunst;  an  Euch,  Ihr  Inhaber  der  Institute  für  Bildung  und
Erhebung  des  Volkes;  an  Euch,  Ihr  Richter  alles  dessen;
also  an  Euch,  Ihr  Künstler,  Direktoren,  Journalisten,  was
habt  Ihr  seit  zwei  Jahren  getan?  Habt  Ihr  nur  Eure
Privatinteressen  besprochen?  Wäret  Ihr  wohl  gar
Egoisten,  Scheinheilige,  Feige?  Habt  Ihr  alle  zusammen
Euch  vor  einem  Menschen,  allerorts  wegen  seiner  Unverschämtheit ­
  und  Niederträchtigkeit  vertrieben,  in
Eurem  Besitztum  stören,  beleidigen,  beschimpfen  lassen?
Habt  Ihr  den  Mann  geduldet,  der  in  jeder  anderen  Kunst,
sei  es  der  Gauner-  oder  Spiegelfechterei,  gewandter,  als
in  der  Kunst  des  wahren  Wissens  und  der  Art,  die  Ehre
und  die  Achtung  seines  Mitbruders  zu  schützen?  Habt
Ihr  wohl  gar  Euch  nicht  geschämt,  unter  das  Joch  dieses
Elenden  mit  Schmeichelei  und  Geschenken  zu  drängen?
Ihn,  der  längst  schon,  wenn  es  ein  öffentliches  Gericht
für  Ehrenschänderei  gegeben,  der  längst  schon  dem
Tode  verfallen  wäre?  Habt  Ihr  Euch  von  dem  uiisaubern
  Munde  eines  geckenhaften  Schwätzers  wohl  bevormunden, ­
  von  dem  Verbrecher  an  der  öffentlichen
Sittlichkeit  Euch  zurechtweisen,  von  dem  Strafbarsten
der  Sträflinge,  da  jeder  Spielberger  nicht  so  schlecht,  da
es  oft  der  Fehler  eines  Augenblicks,  eines  unglücklichen ­
  Gedankens  war,  den  er  mit  ewigem  Gefängnis
büßen  muß;  doch  dieser  Elende  mit  Ehrenmörderei  sich
noch  brüstet  und  paradiert,  und  habt  Ihr  dabei  etwa
bloß  die  Achsel  gezuckt,  Euch  zugeflüstert:  »Wer  kann
es  ändern?  Wir  müssen  es  so  leiden!  Wir  verdienen
es!«  (?  )«
»Ja,  Ihr  habt  es  so  getan,  Ihr  habt  es  so  getan!!«
Der  Pamphletist  schließt  seine  Philippika  mit  dem
Rate  an  Saphir,  sich  rasch  in  den  Hintergrund  zu  verlieren, ­
  »daß  wir  nicht  erklären  müssen,  daß  er  ein
Schandkerl,  der  die  Ehre,  das  heiligste  Eigentum  seines
Nächsten,  schonungslos  auf  die  schmählichste  Weise
verstümmelt  .  .  .«  Unterschrieben  ist  das  Flugblatt:
»Eine  Stimme  aus  dem  Volke«.  Der  Autor  hat  sich  wohlweislich ­
  gehütet,  einen  Druckort  anzugeben.  Es  ist  aber
nicht  ohne  Antwort  geblieben,  diese  Antwort,  gleichfalls
ein  Flugblatt,  ist  bei  U.  Klopf  sen.  und  A.  Eurich  gedruckt
und  führt  den  Titel:  »Man  soll  Herrn  Saphir  durchaus
nicht  verteidigen!«  Es  lautet:  »Unter  den  tausendfachen
elenden  Flugschriften,  welche  in  unserer  Zeit  kursieren,
zeichnet  sich  eine  über  Saphir  erschienene,  durch  ihre
Eiendlichkeit  besonders  aus;  diese  schändliche
Schmähschrift  rief  allgemeine  Entrüstung ­
  hervor.  Nur  ein  Aus  w  u  r  f  de  r
Menschheit  kann  dieselbe  geschrieben
haben,  oder  der  Schreiber  müßte  wirklich
im  höchsten  Grade  wahnsinnig  sein!«
»Daher  möge  cs  niemanden  einfallen,  jene  Schandschrift
  widerlegen  und  Saphir  verteidigen ­
  zu  wollen,  denn  solche  Worte  reißen
sich  von  selbst  herunter  —  solche  Redensarten  stellen
sich  von  selbst  an  den  Pranger.«
»Die  elende  Persönlichkeit,  welche  noch  in  jener
Schmähschrift  erwähnt  wird,  läßt  wohl  leicht  mutmaßen,
wer  der  Verfasser  sei  -  aber  es  bedarf  gar  keiner
Mutmaß  u  n  g,  denn  es  wäre  eine  Schande  für  W  i  e  n
—  eine  Schande  für  unsere  Literatur,  wenn  der  verruchte ­
  und  elende  Verfasser  nicht  von  den  Gerichten
ausfindig  gemacht  würde.  —-  Solche  Injurien  würde  man
wahrhaftig  einem  millionenfach  minderen  Schriftsteller
als  Saphir  auch  nicht  ungestraft  sagen  lassen.«
            
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