Nr. 1
Internationale Sammler-Zeitung.
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während wir selbst mit der Bezeichnung Rokoko ziem
lich frei umgehen. Die Muschel wird zwar vorüber
gehend schon in der Hochrenaissance verwendet, tritt
aber vorherrschend erst im eigentlichen Rokoko, also
um die Mitte des 18. Jahrhunderts auf, während die Ro-
caillemode mehr von dem mehrfach genannten C —
dieses auch gewendet — ferner in der Mitte der Ein
biegung mit Ansatz, gewöhnlich schräg gestellt, zehrt.
Endlich ist im eigentlichen Rokoko sehr hervortretend
die Verwendung des Motivs, ursprünglich als Giebel
spaltung, dann als rein dekoratives Ornament.
Wir wollen daran festhalten, daß der Stil der
Regence sich durch die nach außen in geschwun
gener Linie verlaufende und nach außen, nicht nach
innen geschweifte Umrahmung, besonders beim Bureau,
bei der Kommode und beim Tisch, charakterisiert. Die
Ecken sind mit plastischen, in Bronze ziselierten Ranken
im Muschelstil, nach den Füßen zu sich auflösend, ge
ziert, die Füße selbst tragen Montierung als Löwen
füße, Tigerfüße oder auch im Muschelcharakter. Dieser
Stil der Regence, der weit vornehmer als der Stil Louis
Quatorze, nicht so überladen wie der Stil Louis
Q u i n z e, an Eleganz aber seinesgleichen sucht und
hierin den eigentlichen Rokokostil übertrifft, wurde
durch Charles Cressent (geb. 1685 zu Amiens als
Sohn des Holzschnitzers Francois Cressent, gestorben
1788) festgelegt, von ihm rühren die Mehrzahl der oben
gepriesenen Möbel her. Champeaux widmet ihm
eine ziemlich eingehende Besprechung. Und in der Tat
darf er als einer der größten Möbelkünstler aller Zeiten,
der an Vornehmheit im Aufbau noch Boullc* hinter sich
läßt, gepriesen werden. Er war der erste Ebeniste des
Herzogs von Orleans während der Regentschaft.
Charakteristisch ist, daß er, Sohn eines Bildhauers,
selbst gelernter Bildhauer war, während er vom Groß
vater Charles Cressent, welcher Tischlermeister war,
die Tischlerei erlernt hatte. Ueber das weitere Leben
Cressents weiß man leider so gut wie nichts.
Für die Cressentschen Möbel ist gewiß die Ver
wendung der Bronzebeschläge charakteristisch; Cham
peaux unterschätzt aber unseres Erachtens den Künst
ler, wenn er meint, seine Möbel seien nur gemacht, um
ihm Gelegenheit zu geben, seine Bronzcziselierkunst zu
zeigen. Denn tatsächlich sind die Beschläge bei seinen
* Boulle »soll« der Lehrer Cressents gewesen sein.
besten Arbeiten sehr sparsam angebracht und der Bau
der Möbel ist außerordentlich gelungen. Dem Stim
mungscharakter nach gehören die Möbel Cressents zu
dem Milieu Watteaus, dem bedeutendsten und charak
teristischsten Vertreter des Regencestiles in der Malerei,
der mit seinen zwar etwas süßlichen, aber äußerst deli
katen, zart empfundenen und technisch ausgezeichneten
Pastoralen als einer der bedeutendsten französischen
Maler aller Zeiten gelten darf, ln den Linien erinnern die
Cressentschen Möbel oft an Robert de C o 11 e und in
den Reliefs an die Zeichnungen G i 1 1 o t s.
Betont sei, daß, was die technische Ausführung be
trifft, dieselbe weit gewissenhafter gewesen zu sein
scheint, als bei den Boulle-Möbeln, da Cressents Möbel
sich weit besser erhalten haben (Chartres, Bagnolet,
Charolais, Harant). Eines der schönsten Cressentschen
Möbel ist das Bureau ä la Diane im Besitze des M. de
Seile. Besonders die Ecken und Füße sind vorzüg
lich modelliert; sie zeigen Frauenbüsten auf hermen
artig behandelten Akanthusblättern, in Bronze ausge
zeichnet modelliert. Zwischen den Schubfächern sieht
man Masken. Auf dem Bureau steht ein Aufsatz, »car-
tonnier«, welcher eine Uhr trägt, die von einer Diana
bekrönt wird, während links und rechts Tiergruppen
dargestelit sind. Dieses Bureau galt früher mit Unrecht
als dasjenige C o 1 b c r t s. Weiter besitzt Sir Richard
W a 11 a c e noch zwei Möbel mit Bronzen, welche Affen
zeigen, die Musik machen; damals ein beliebtes Motiv.
Die meisten Cressentschen Möbel sind Champeaux
zufolge im Besitz des Barons Ferdinand Rothschild
in London, zwei Kommoden mit der Darstellung von
Kindern, welche mit einem Affen spielen, -eine dritte
Kommode, ein großes Bureau u. s. w. Ferner enthält
das Ministerium der Marine in Paris wertvolle Cres-
sentsche Möbel, darunter zwei Büfetts, deren Vorder-
flache durch Pilaster in fünf Felder geteilt ist, welche
Medaillons mit Flachreliefs zeigen (bestellt seinerzeit
für das Hotel de la Marine in Versailles).
Champeaux erwähnt dann noch eine »superbe«
Kommode mit zwei Schubfächern, die auf Bronzefüßen
steht und Kinder in den Zweigen eines Baumes spielend
zeigt (abgebildet bei Champeaux, S. 140).
Im Jahre 1741 wurde der Saal Antikenkabinett der
Bibliotheque Royale vollendet, in dem man in
den Paneelen eingelegte Gemälde von Boucher, Carle
van Loo und Natoire findet. Von den Möbeln sind leider
nur einige Tische im Stil Robert de Cottes erhalten.
Der japanische Farbenholzschnitt.
iip
Seine Technik und der Charakter seiner Darstellung.
Von Karl Mienzil, k. u. k. Oberstleutnant d. R. (Wien).
Zwischen der Technik des europäischen und der
des japanischen Holzschnittes besteht im allgemeinen
kein wesentlicher Unterschied. Beide gehören dem Tief-
druckverfahren an und die Tätigkeit des Künstlers und
Handwerkers sowie das hiezu benützte Material gleichen
sich mehr oder weniger. Doch cs gibt Abweichungen,
die ich nun schildern will und die die Ursache sind, daß
das Bild des japanischen Farbenholzschnittes im Charak
ter und Farbengebung von dem unseren so verschie
den ist.
* Siehe Nr. 15 und 16 des vorigen Jahrganges der »Inter
nationalen Sammler-Zeitung«.
An der Herstellung eines Holzschnittes arbeiten in
der Regel drei Personen, deren Tätigkeit wohl zu unter
scheiden ist. In Europa sind es Künstler und Handwerker,
während in Japan zumeist nur Künstler daran arbeiten.
Diese drei Personen sind: 1. der Künstler (Maler oder
Zeichner), 2. der Holzschneider (Xylograph) und 3. der
Drucker.
Der Künstler liefert das Originalbild, das im Holz
schnitte vervielfältigt werden soll. In Europa benützt
der Maler oder Zeichner zur Darstellung des Originales
die Feder oder den Stift, äußerst selten den Pinsel. Der
Japaner dagegen arbeitet ausschließlich nur mit dem
Pinsel, den er senkrecht mit freier Hand über das Papier