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MAK

Full text : Jahrgang 5 (1913) (15/16)

Nr.  15/16

Seite  243

Internationale  S

Gmundner  Stammgescliäft  der  alten  Familie  Schleiß  und
sommersüber  in  einem  Laden  an  der  Ischler  Esplanade  entdeckt ­
  man  jetzt  diese  ganz  eigenartige  Heimatskunst.  Franz
Schleiß  und  seine  Frau  Emilie,  aus  der  Wiener  Schule  hervorgegangen, ­
  was  man  an  Hoffmann-,  Powolny-Reminiszenzen
deutlich  merkt,  sind  die  eigentlichen  und  hauptsächlichsten  Mitarbeiter ­
  der  Gmundner  Keramik.  Kopenhagener  Porzellan  ist
sehr  mondän,  aber  diese  Gmundner  Bauerntrachtstücke,  das  alte
Kirchgangweibcrle,  die  lieben  Salzkammergutkinder  mit  Tieren
in  Händen  oder  in  irgendeiner  impulsiven  lebensvollen  Bewegung, ­
  eine  Knnolinenlinzerin,  haben  österreichische  Seelen.
Sie  sind  voll  alten  Kunstgeistes  und  trefflicher  moderner  Technik. ­
  Ihre  Stärke  und  ihr  Reiz  ist  bedingt  durch  einen  Farbenschmelz, ­
  der  im  Ton  aufs  glücklichste  die  alten  Bauernfarben
aufnimmt,  in  der  Weichheit  und  Ausgeglichenheit  den  besten
und  berühmten  Mustern  —  Berlin,  Kopenhagen  —  nachstrebt.
AI,s  einer  der  wenigen  freundlichen  Züge  unserer,  der  künstlerischen ­
  Verarmung  und  Industrialisierung  verfallenen  Gewerbetätigkeit ­
  sei  er  ein  wenig  ans  Licht  gerückt.
(W  ie  Mirbeau  zu  einem  Cezanne  ka  m.)  In
Frankreich  sind  gegenwärtig  die  Bilder  von  Paul  Cezanne,
die  noch  vor  zwanzig  Jahren  verachtet  und  verspottet  wurden, ­
  sehr  gesucht,  und  Octave  Mirbeau,  der  für  den  großen
Meister  schwärmt,  erzählt  im  »üil  Blas«,  wie  er  in  den  Besitz
eines  der  besten  jener  Gemälde  gelangt  ist.  »Als  ich  eines
Tages,«  schreibt  er,  »bei  meinem  Verleger  Charpentier
war,  mußte  ich  plötzlich  einen  diskreten  Ort  aufsuchen. ­
  In  dem  kleinen  verschwiegenen  Zimmerchen
  hing  ein  Bild,  das  mir  ein  Meisterwerk  zu
sein  schien.  Um  es  genauer  zu  betrachten,  kletterte  ich  auf
den  Sitz  und  schrie  von  meinem  eigenartigen  Throne  aus  laut
auf:  »Das  ist  ja  ein  Cezanne,  ein  herrlicher  Cezanne!«  Man
stürzte  herbei  und  suchte  die  Türe  einzuschlagen,  denn  man
glaubte,  daß  ich  verrückt  geworden  sei  oder  einen  Schlaganfall ­
  erlitten  hätte.  »Was  haben  Sie  denn,«  fragte  Charpentier, ­
  als  ich  die  Türe  freiwillig  geöffnet  hatte.  »Wissen  Sie,
was  das  ist?«  antwortete  ich  feierlich,  indem  ich  auf  das  Bild
zeigte.  »Ein  Schund,  ein  ganz  wertloses  Bild,«  sagte  mein
Verleger,  ohne  aus  der  Ruhe  zu  kommen,  »ein  ganz  abscheulicher ­
  Schund,  den  Zola  von  einem  offenbar  verrückten
Menschen  bekommen  und  den  er  mir  angeschmiert  hat,  wie
man  einem  ein  falsches  Geldstück  anschmiert.  Ich  habe  das
Bild  schon  mehreren  Freunden  angeboten,  aber  keiner  hat  es
haben  wollen.  Einer  wollte  mich  sogar  verklagen,  wenn  ich
es  ihm  schenkte.  Da  habe  ich  es  auch  Rache  hier  untergebracht.« ­
  »Sie  sind  ein  Barbar  und  ein  Böotier  obendrein,«
sagte  ich.  »Sie  finden  das  Bild  also  schön?«  unterbrach  mich
Charpentier;  »dann  nehmen  Sie  es  sich  nach  Hause,  und  ich
werde  Ihnen  dafür  noch  dankbar  sein!«  Mirbeau  ließ  sich  das
nicht  zweimal  sagen:  er  trug  das  Bild  rasch  in  seine  Wohnung, ­
  reinigte  es  gründlich  und  wurde  so  Besitzer  eines  der
schönsten  Bilder  des  jetzt  so  begehrten  großen  Meisters.
(Rembrandt  als  Spekulant.)  Man  weiß,  daß
R  ein  b  ran  dt  im  Jahre  1654  sich  in  schwieriger  finanzieller
Lage  befand,  das  Haus,  das  er  verschiedene  Jahre  vorher  in
der  St.  Anthony-Breedstraat  in  Amsterdam  gekauft  hatte,  war
noch  nicht  bezahlt,  von  allen  Seiten  hatte  er  Geld  geliehen  und
seine  Gläubiger  wurden  stets  dringender  und  ungestümer.  Schon
oft  hat  man  die  Frage  aufgeworfen,  wohin  das  Geld,  das  Saskia
in  die  Ehe  mitgebracht  hat,  gekommen  ist;  Rembrandt  selbst
wurde  für  seine  Gemälde  sehr  gut  bezahlt,  jedenfalls  besser  als
ein  anderer  holländischer  Maler  seiner  Zeit,  auch  steht  fest,  daß
er  durchaus  kein  Verschwender  gewesen  ist,  man  weiß  nur.
daß  er  ein  leidenschaftlicher  Liebhaber  von  Kunstgegenständen
aller  Art  war,  daß  er  es  liebte,  sich  mit  jeder  denkbaren  künstlerischen ­
  Pracht  zu  umgeben,  und  daß  er  dafür  auf  den  Auktionen ­
  große  Summen  ausgegeben  hat.  Seine  Wohnung  war
denn  auch  ein  kleines,  kostbares  Museum.  Man  hat  bis  jetzt
seine  bedrängte  Lage,  die  schließlich  zur  Zwangsversteigerung

ä  mtri  1  e  r  -  Z  e  i  t  u  ri  g.

seines  Hauses  und  seiner  Kunstsammlungen  führte,  ausschließlich ­
  als  Folge  dieser  Liebhaberei  betrachtet,  wiewohl  sie  den
großen  Bankerott  des  Künstlers  nicht  genügend  erklärt.  Jetzt  hat
sich  herausgestellt,  daß  noch  ein  anderer  Umstand  schuld  daran
war.  Dr.  Abraham  B  r  e  d  i  u  s,  der  bekannte  Rembrandt  -
Forscher,  hat  in  Rotterdam  ein  Schriftstück  entdeckt,  in
welchem  der  Künstler  bekennt,  »durch  Verluste  in  der
Negotie  sowie  durch  Schaden  und  Verluste  auf  der  S  e  e«  in
die  bedrängte  Lage  gekommen  zu  sein,  die  ihn  verhindere,  seine
Gläubiger,  darunter  auch  den  Bürgermeister  Kornelius  W  i  t  s  e  n,
zu  befriedigen.  In  jener  Zeit  der  fieberhaften  Jagd  nach  Reichtum, ­
  wo  Handel  und  Schiffahrt  riesenhafte  Gewinne  abwarfen,
beteiligten  sich  alle  Kreise  der  Bevölkerung  an  Spekulationen,
der  Bürgermeister  von  Amsterdam  ebensogut  wie  Bedienstete
und  geringe  Bürger,  und  es  liegt  nahe,  anzunehmen,  daß  sich
Rembrandt  durch  Freunde  und  Bekannte  überreden  ließ,  sich
auf  Spekulationen  einzulassen.  Auf  Gemälde,  und  Kunstgegenstände
  werden  sich  diese  wohl  schwerlich  bezogen  haben,
vielmehr  waren  es  die  riesenhaften  Gewinne,  welche  der  Handel
nach  Indien  damals  abwarf,  welche  ihn  verführten,  sich  an  der
»Befrachtung«  der  Indienfahrer  zu  beteiligen.  Auch  gibt  nach
dem  Tode  des  Künstlers  der  Vormünd  Titias,  der  Tochter  von
Rembrandts  Sohn  Titus,  als  den  Grund  seiner  Forderung,  nur
unter  der  Wohltat  des  Inventars  Rembrandts  Nachlassenschaft
für  sein  Mündel  anzutreten,  ebenfalls  die  durch  Geschäftsverluste ­
  herbeigeführte  klägliche  Vermögenslage  an.
(Fälschungen.)  Aus  Washington  wurde  kürzlich ­
  nach  Paris  gemeldet,  daß  dort  in  einem  alten  Hause  der
Hinrichtungsbefehl  für  die  Witwe  Capet,  d.  h.  für  die  Königin
Marie  Antoinette,  aufgefunden  worden  sei,  und  ein
Pariser  Blatt  gab  sogar  die  Photographie  des  Dokumentes
wieder.  Auf  dieser  Photographie  war  auch  die  Nummer  sichtbar, ­
  die  dieses  Aktenstück  in  der  Sammlung  des  Nationalarchivs ­
  erhalten  hatte.  Man  mußte  also  annehmen,  daß  es  einem
Besucher  des  Archivs  gelungen  sei,  dieses  Papier  zu  entwenden. ­
  Ein  Mitarbeiter  des  »Ternps«  hat  sich  aber  in  das
Archiv  begeben  und  konstatiert,  daß  das  Todesurteil  der  unglücklichen ­
  Fürstin  dort  noch  immer  unter  der  Nummer  1358
in  dem  Glaskasten  121  ausgestellt  ist.  Der  amerikanische
Sammler,  der  das  Dokument  von  Washington  erworben  hat,
ist  also  durch  eine  Fälschung  getäuscht  worden.  Er  rühmt
sich,  noch  andere  interessante  Dokumente  zu  besitzen,  die  sich
auf  den  Halsbandprozeß  beziehen,  aber  es  ist  zu  befürchten,
daß  auch  sie  bloße  Nachahmungen  oder  Fälschungen  sind.
(Ein  Flugblatt  aus  dem  Jahre  150  9.)  Neben  der
Hauptwurzel  des  Zeitungswesens,  dem  Briefe,  spielt  das  Flugblatt ­
  eine  große  Rolle  in  dessen  Entwicklung;  im  Grunde  genommen ­
  auch  ein  Brief,  nämlich  der  Bericht  irgend  eines
Mannes  an  einen  Freund  über  ein  wichtiges  Zeitereignis,  nimmt
die  Flugschritt  doch  insofern  eine  besondere  Stellung  ein,  als
die  Versender  dieser  Flugschriften  sich  schon  ziemlich  früh  der
Buchdruckerkunst  zu  ihrer  Verbreitung  bedienten.  Einer  der
Fürsten,  der  sich  dieser  frühesten  Zeitungen  zur  Förderung
seiner  Interessen  mit  besonderer  Vorliebe  bediente,  war  Kaiser
Maximilian  1.,  der  »letzte  Ritter«.  Eine  solcher  Flugschriften ­
  hat  Isak  C  o  11  i  j  n  zu  Upsala  auf  der  Universitätsbibliothek ­
  entdeckt;  es  ist  die  Kopie  und  Abschrift  eines"  Briefes
über  die  Niederlage  der  Venetianer  im  Jahre  1509;  er  ist  aus
der  Druckerei  von  Hans  Borchard  in  Hamburg  hervorgegangen. ­
  Auch  die  Hamburger  Stadtbibliothek  besitzt  eine  solche
Inkunabel,  die  aber  nicht  aus  Hamburg,  sondern  aus  der
Mohrenkopfdruckerei  in  Lübeck  stammt.  In  den  Mitteilungen
der  Stadtbibliothek  ist  dieser  frühe  Vorgänger  unserer  heutigen
Zeitungen  unter  dem  Titel  »Van  dem  nedderval  der  Veneddyer.
Zwei  niederdeutsche,  in  Lübeck  und  Hamburg  gedruckte  Ausgaben ­
  einer  Maximilianischen  Flugschrift  aus  dem  Jahre  1509.
Mit  fünf  Blättern  in  Faksimilie«  zum  Abdruck  gelangt.  Der
Herausgeber  Collijn  hat  die  Stellung  der  Flugschrift  in  Literatur
und  Geschichte  sehr  interessant  dargestellt,  nur  scheint  ein
Hinweis  darauf  zu  fehlen,  daß  diese  Flugschriften  in  jener  Zeit
            
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