Nr. 10/11
Internationale Sammler-Zeitung
Seite 141
Dichter-Autographen.
Der neueste, die Nummer 188 tragende Katalog
des Berliner Antiquariats Leo Liepmannssohn
mutet wie ein Ausschnitt aus der deutschen Literaturgeschichte
an. Da ist von der klassischen Periode an,
die mit Goethe beginnt, fast kein deutscher Schriftsteller,
sicherlich aber kein irgendwie namhafter, der
nicht mit einem Autogramm vertreten wäre.
Um gleich bei Goethe auzufangen, finden wir
neben einer ausgeschnittenen Unterschrift des Altmeisters
Briefe von seiner Hand an den Hofbaumeister
Thouret in Stuttgart betreffs Übersendung
von Zeichnungen und einen an einen unbekannten
Adressaten betreffs Bibliotheksauktionsgelder. Goethes
Sohn ist mit drei, seine Schwiegertochter Ottilie, geborene
von Pogwisch mit vier Briefen vertreten. Aus
dem weiteren Goethekreise wären hervorzuheben
Autographen von Charlotte von Ahlefeld, Herzogin
Amalia von Sachsen-Weimar, Bettina von Armin,
Julie von Bechtolsheim, I. F. Blumenbach, dem berühmten
Anatomen und Physiologen, Boisseree, Bode,
Heinrich Cotta, Dalberg, Diabelli, Julie Gräfin von
Egloffstein, Freiherrn von Einsiedel, Gerstenbergk,
genannt Müller, dem Philologen Göttling, Jacobi,
Charlotte Kestner geborene Buff, Goethes „Lotte“,
Karl Ludwig von Knebel, Kotzebue, Lavater, Ulrike
von Levetzow, der letzten Liebe Goethes, dem Maler
Lips, Friedrike von Maltitz, Merkel, dem „Kunstmeyer“,
Nicolai, Fürst Radziwill, Remde, Riedesel,
den beiden Schlegel, Schwabe, den beiden Grafen
Stolberg, Tieck, Varnhangen von Ense, usw. Vom
Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar,
dem bekannten Gönner Goethes, sind elf militärische
Schriftstücke an Friedrich Wilhelm II. von
Preußen vorhanden.
Goethes Jugendfreund Phi. Christoph Kayser,
der Komponist von „Jery und Bätcly“ und „Scherz,
List und Rache“ ist mit einem wundervollen Trostbrief
aus Anlaß des Todes seiner Mutter an seinen
Vater Vertreten. In herrlichen Worten, die seine ganze
Gefühlsinnigkeit offenbaren, sucht er dem Vater über
den schweren Verlust hinwegzuhelfen. Doch
ungeachtet alles dessen, bey aller Ausbildung der
Vernunft und Anerkennung der allgewaltigen Hand
des Schicksals, das uns Tag täglich die gewöhnlichsten
Dinge und die ungewöhnlichsten E r scheinungen als
den Lauf der Welt vor Augen stellt .... wie schmerzt
dennoch der Verlust einer Mutter, wie betäubend ist
der Gedanke : Da hast nun auch sie verlohren, Du
wirst sie nicht mehr sehen, sie wird nicht mehr Dome
Stütze, nicht mehr Dein Stab, Dein Rath und Deine
Hülfe seyn! Und ach! nicht mehr wirst Du ihr Gedanke,
ihre Lust, ihr Daseyn, ihr Gefühl, ihr Trost,
der Körper ihres Körpers seyn! .... Ja mein Vater,
aufs neue und fester sey die Kette der Liebe um
Vater und Kinder geschlossen, aufs neue und inniger
sey das Band geknüpft, das allein uns an der Welt
hält und den einzigen Werth unserm Leben gibt!
Wir haben alles verlohren, wir haben noch alles in
dem Vater, den uns Gott noch lange und bis in das
späteste Alter erhalten wolle! Wir haben alles verlohrcn;
— unser Vater wird das fühlen, wird fühlen,
was es heißt, wenn ein Sohn, der die Vierzig Jahre
erreicht hat, das mit Thränen der Wehmuth ausruft
— und in ihm, dem Vater uns alles lassen. Es -war
eine gute Mutter, — sie war eine brave Frau, von
gesundem, natürlichen Verstände, eile gute Hauswirthin,
eile Wohlthäterin der Armen, womit sie mich
Tausend Mahle in meiner Kmdheit erbauete, eine
Theilnehmerin, besonders an der Menschen Schicksale
und Leiden, eine Verehrerin des Unsterblichen, eine
vaterländische Bürgerseele .... sie war Mensch. Gott
habe sie seelig, tröste uns aus dem Grund der L’.ebe,
den wir unvergeßlich für sie in unserm Herzen tragen,
mache uns in Einfalt des Herzens, schlecht und recht
ihr gleich und helfe uns zur Wiedervereinigung des
Geistes mit ihr ....
Ein vom 25. September 1840 datierter Brief des
„Mahlers Müller“ gewinnt durch eine Kritik Goethes
Interesse. Goethe hatte schon viel früher durch seine
Kritik der Müllerschen Werke den Haß Müllers zugezogen,
und diesem Haß gibt er in diesem Brief, der
offenbar an einen den Romantikern nahestehenden
Freund gerichtet ist, in der freimütigsten Weise Ausdruck.
„Ihre Bedenklichkeiten bey der polemischen
Stelle gegen Goethe, rechtfertigt übrigens das bey
Ihnen herrschende, freilich etwas bängliche Zartgefühl
.... Daß Goethes Verdienste in Deutschland,
wie sie sich ausdrücken, allgemein anerkannt sird,
will ich gerne gelten lassen, allein daß sein Ansehn
wie weiter Sie beyfiigen, so fest gegründet, daß ein
Angriff dieser Art, für mich nur die wiedrigste
Folgen haben könne, will mir, ich gestehe es Ihnen
aufrichtig, nicht ganz einleucnten .... wird darum
weil Deutschland ihn als seinen Matador betrachtet,
der Genius der Dichterkunst ihn der Zahl der großen
Dichter anreyhen wollen, ich zweifle sehr. Er mag
für einen niedern Meister gelten, aber ihn unter die
großen Dichter zu zählen, fehlen ihm Hauptclementen,
fürnemlich die Phantasie, woraus denn der Mangel an
EHiidung und Idealität herfließt. . . . Seine Kräfte
stehen unp.oporzio lirt ja mangelhaft gegen
einander . . . .“
Besonders scharf fällt seine Kritik über den
Wilhelm Meister und die Wahlverwandtschaften aus:
,,Was ist der ganze Zweck beym Wilh. Meister und
greller noch in den Wahlverwandtschaften aufgestellt
anders als solche gemeinen Wirkungen zu huldigen
und . . . um das gemeine zu heben . . . Möchte man
nicht den Autor mit Ruthen streichen der seine
Kunst anwendet solche das Gefühl von Billigkeit
verlezende Missverhältnisse zu stiften . . .“ Ausführlich
geht er dann auf die Charaktere der Hauptpersonen
ein, deren Zeichnung ihm völlig verfehlt
erscheint. Ausführlich betont er, daß ihn nicht Selbstüberhebung
zu so scharfen Worten treibt: „Ich höre
Sie bey sich selbst sp echcn: du der du den Splitter in
deines Nachbarn Auge siehst, -wirst du auch den
Balken in deinem eignen gewahr? es mag sein daß
ich mich in solch einer Lage befinde . . aber
schließlich erklärt er sich zur Streichung der inkriminierten
Stelle bereit, falls sein Verleger Besorgnisse
hegen sollte. Allgemein literarische Mitteilungen,
u. a. mit ErwähnungTiecks und GöiTes’, schließenden
Brief.
Spärlich ist der Schiller-Kreis in der Sammlung
vertreten, doch werden bescheidenere Sammler auch
da auf ihre Rechnung kommen. So finden wir Briefe
von Schillers Schwestern, Christophine und Nanette,
von seinem ältesten Sohne Karl, ferner von Ahel,
Ludwig Bechstein, Follenius, der zu Schillers
„Geisterseher“ eine Fortsetzung schrieb, Iffland.
Matthisson, Heinrich Voß, Sophie Weickard u. a.
Schiller selbst ist nur durch ein Faksimile seines
humoristischen Gedichtes „An die Consistorialrath
Körnerische weibliche Waschdeputation“ repräsentiert,
das mit M 6 bewertet ist.