MAK
Seite 204 
Internationale Sammler-Zeitung 
Nr. 16/17 
einen lehrreichen Einblick in die Technik des Künstlers. 
Erst vor kurzer Zeit, als in der Galerie einige Umhängungen 
vorgenommen und aus dem Magazin neuangekaufte Bilder 
ausgewählt wurden, um in der Sammlung aufgehängt zu 
werden, fand auch das Bild Tizians einen würdigen Platz. 
Hier hat es Geheimrat Bode gesehen. 
Die Erzählung des Dieners, der auf das Gemälde erst 
aufmerksam gemacht haben will, bezeichnet Rektor Bacher 
als den Tatsachen nicht entsprechend.“ 
Die Mitteilungen des Rektors erfuhren bald noch eine 
interessante Ergänzung durch den bekannten Kunst 
schriftsteller und Maler Professor F. A. Seligmann, 
der in* einem Feuilleton der „Neuen Freien Presse“ 
(siehe Nummer vom 14. Oktober) u. a. folgendes schrieb: 
„Das beiläufig einen Meter hohe und etwas schmälere 
Bild, das zwei Halbfiguren in knapper Lebensgröße darstellt, 
wurde vor vier Jahren von dem inzwischen verstorbenen 
Kustos der Galerie, Gerisch, um 4000 Kronen*) in einer 
Auktion des Kunsthändlers Pisko erworben. Gerisch bezeich- 
nete das Bild sofort als Tizian; einige Professoren der 
Akademie traten dieser Ansicht bei und das Bild wurde, wie 
das bei den Neuerwerbungen dieser Galerie stets der Brauch 
ist, auf einer Staffelei zur allgemeinen Besichtigung aufgestellt; 
so blieb es durch mehr als ein Jahr allen Besuchern 
der Sammlung zugänglich. Warum es aber dann'ins Depot 
gewandert ist, wird einem jeden Kunstverständigen klar, 
sohald er es in Augenschein genommen hat: es ist ein bloß 
untermaltes, gänzlich unwertiges Werk, das in einigen 
kleinen, nebensächlichen Partien die Hand des Meisters 
erkennen läßt, sonst aber eine so ausnehmend schwache 
Arbeit, daß man wahrhaftig damit keinen Staat machen 
kann, ja daß man sich erstaunt fragt, wie der Schöpfer der 
Assunta oder der Madonna des Hauses Pesaro überhaupt 
ähnliches zu produzieren vermochte. Bedenkt man, daß die 
Galerie der Akademie nur über sehr unzureichende Räume 
verfügt und daß darin statutengemäß — leider! — die sämt 
lichen Stücke der ihren Haupt- und Grundstock bildenden 
Sammlung des Grafen Lamberg aufgestellt sein müssen — 
worunter sich einige unsterbliche Meisterwerke, aber auch 
eine sehr große Anzahl mittelmäßiger, ja gänzlich wertloser 
Gemälde befindet — so versteht man, warum dieses Bild, 
nachdem es ein Jahr lang ausgestellt worden und bei niemandem 
sonderlichen Anteil gefunden hatte, vorläufig wieder ins 
Magazin geschafft wurde, um so eher, als ja die Galerie einen 
vortrefflichen Tizian, den kleinen „Amor“ besitzt, der einen 
unvergleichlich besseren Begriff von der Meisterschaft des 
großen Venezianers gibt. 
,, . . . Das Bild stellt einen Mann in der Tracht der venezia 
nischen Kavaliere jener Zeit dar, der eine Frau im Schlaf 
gewand mit gezücktem Dolche bedroht. Der linke Arm der 
Frau ist gegen die Brust des Mannes gestemmt, der rechte 
hoch erhobene wird von dem Angreifer gefaßt und zurück 
gebogen. Den Hintergrund bildet ein schöner dunkelroter 
Vorhang, so ziemlich das einzige Farbige an dem Bilde; auch 
das Wams des Ritters ist rot, das Gewand der Frau weiß und 
außer ihren hellblonden Haaren und der stark ins Rötliche 
spielenden Karnation des Männerkopfes findet sich sonst 
keine eigentliche Farbe auf dem Bilde. Die koloristische 
Wirkung ist stark und interessant: der weibliche Körper 
weist dagegen so peinliche, mehr als schülerhafte Verzeich 
nungen auf, die Art, wie die beiden Figuren am unteren Bild 
rand sich überschneiden, ist so ungeschickt, daß man auf die 
V ermutung kommt, der Meister habe diesen mehr als flüchtigen 
Entwurf stehen gelassen, weil er bei der Ausführung die Mängel 
der Zeichnung ohne radikalste Änderungen nicht mehr zu 
*) Hier irrt Professor Seligmann. Das Bild, das am 
11. November 1907 bei der Versteigerung der Sammlung 
• Jauner von Schroffenegg im Salon Pisko unter den 
Hammer kam, erzielte bloß 620 Kronen. 
beseitigen wußte. Dies würde auch erklären, daß er, lediglich 
um die Farbenwirkung auszuprobieren, diese ganz unzu 
längliche Untermalung (man sehe etwa die rechte Hand des 
Mannes mit dem Dolche!) mit Lasurfarben übergangen hat, 
was nach der Verfahrungsweise der venezianischen Schule 
erst dann geschah, sobald durch die Untermalung eine einiger 
maßen korrekte und definitive Modellierung und Lichtwirkung 
gegeben War. Denn wenn auch Tizian und seine Zeitgenossen 
oft genug mit Deckfarben in die durchsichtigen Lasuren 
hineingearbeitet haben mögen, so hat es doch keinen Sinn, 
eine zeichnerisch gänzlich fehlerhafte Untermalung zu lasieren, 
die ja dann später wiederum durchaus mit Deckfarben übermalt 
'werden mußte, um schließlich-abermals lasiert zu werden — 
ein Vorgehen, das überdies für die Haltbarkeit sehr gefährlich 
ist. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach handelt es sich 
hier also um einen Entwurf, der von Haus aus in vielen Punkten 
so verunglückt war, daß der Meister ihn nur zum Probieren 
und Experimentieren verwendete. In diesem Sinne ist das 
Werk denn auch sehr lehrreich. Es zeigt uns den leidenschaftlich 
dramatischen, impressionistischen Altersstil Tizians, seine 
interessante, willkürliche, allem Akademischen widersprechende 
Pinselführung und Farbenbehanclung (die übrigens zweifellos 
mit einer Abnahme der Sehschärfe zusammenhängt); es zeigt 
aber auch, bis zu welchem schier unfaßlichen. Grade ein Genie 
ersten Ranges sich „verhauen“ kann, wenn es seine Probleme 
ganz einseitig faßt. Es ist hier der Punkt, wo sich die Extreme 
berühren und wo das Genie Hand in Hand mit dem Dilettan 
tismus- erscheint; dieselbe Mischung von transzendentaler 
Virtuosität und schülerhafter Unzulänglichkeit, die wir auch 
manchmal beim Tintoretto finden und die in den meisten 
Werken des Greco, Goya, aber auch in vielen des späteren 
Delacroix zur festen Manier erstarrt, manchmal den Im 
pressionisten zum Vorbild und als Entschuldigung gedient hat, 
deii modernen Kenner entzückt und den Kunstwert der be 
treffenden Bilder oft bis zum Nullpunkt, ja noch weiter berab- 
cirückt. Mit seinem früher zitierten Ausspruch von den häß 
lichen Malereien, welche durch die Manier Tizians verursacht 
worden, hat Vasari ein geradezu prophetisches Gemüt bekundet 
und wohl keine Ahnung davon gehabt, wie viele Nägel damit 
noch auf die Köpfe getroffen werden sollten! 
Niet t uninteressant ist es übrigens, daß der Mann mit dem 
Dolch in'fast der nämlichen Stellung sich schon auf einem Fresko 
des etwa dreißigjährigen Tizian findet: „Der Eifersüchtige, der 
seine Frau ersticht“ in der Scuola del Santo zu Padua, woselbst 
drei Wundertaten des heiligen Antonius dargestellt sind. 
Das Gemälde war in der Auktion als „Othello und Des- 
demona“ bezeichnet*); Bode meint, es stelle Tarquinius und 
Lukretia vor. Die Geschichte von Othello hat Tizian als venezia 
nische Lokalsage gewiß gekannt, vielleicht sogar in der Fassung 
des Novellisten, dem Shakespeare später den Stoff entlehnt 
hat. In den Stoffkreis und die Gedankenwelt Tizians paßt 
das klassische Motiv vielleicht besser. Doch ist der Titel 
schließlich Nebensache, die Szene an sich so verständlich, 
daß es gleichgültig ist, wie die Akteurs heißen. 
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß unser 
«euer- Tman-zwar-im ganzen- sehr wohl erhalten ist, daß er 
. aber doch schon einmal in den Händen eines Restaurators 
gewesen sein muß. An der rechten Faust des Mannes findet 
sich eine deutlich erkennbare ergänzte Stelle, etwa von der 
Große einer Kinderhand, vermutlich ein Loch, das verkittet 
worden ist und wo der Restaurator in etwas primitiver Weise 
das hier fehlende rauhe Korn der Leinwand durch mit dem 
Pinselstiel eingegrabene Furchen ersetzt hat.“ 
Dies das trockene Material, aus dem sich unsere 
Leser ihr Urteil über das Bild selbst bilden mögen. 
Den viel besprochenen Tizian gibt unsere Abbildung 
(Fig. 1) wieder. 
*) Die Bezeichnung lautete, wie wir durch Einsicht 
nahme in den Katalog feststellen konnten, genau: „Paolo 
Veronese: Othello“. i;
	        
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