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MAK

Full text : Jahrgang 7 (1915) (4)

Seite  54

Nr.  4

Internationale  Sammler-  Zeitung

das  Zeichen  Cranachs,  die  nach  links  gerichtete  Schlange  mit
den  Fledermausflügcln  und  dem  Ring,  am  unteren  linde  des
oberen  schrägen  Dachbalkens  zwar  sehr  schwach,  aber  doch
hinreichend  deutlich  zu  erkennen.  Das  Sclilußglied  des  Beweises ­
  für  die  Echtheit  dieses  Bildes,  das  ums  Jahr  1518  entstanden ­
  sein  muß,  ergibt  sich  aus  seiner  Geschichte.  Die  Tafel
wird  zum  erstenmal  in  der  1784  zu  Halberstadt  erschienenen
Biographie  des  bekannten  Fabeldichters  Licht  wer  erwähnt,
der  ein  Vorfahre  des  jetzigen  Eigentümers  war.  Lichtwer  erbte
das  Bild  zusammen  mit  den  Cranachschen  Porträts  Luthers
und  seiner  Frau  von  seinen  Vorfahren,  die  bei  dem  sächsischen
Kurfürsten  in  Dresden  als  hohe  Beamte  tätig  waren.  Das  Gemälde ­
  war  also  bereits  wenigstens  im  17.  Jahrhundert  im  Besitz
einer  kunstliebenden  sächsischen  Familie.
(Das  Schongauer-Werk  von  Lehrs.)  Jetzt,  während
des  Krieges  erscheint  eine  in  Friedenszeiten  lange  vermißte,
mustergültige  Ausgabe  der  Kupferstiche  eines  der  größten
deutschen  Meister,  des  Colmarer  Malers  und  Stechers  Martin
Schongauer.  Der  beste  Kenner  des  ältesten  deutschen  Kupferstiches, ­
  Geheimer  Regierungsrat  Professor  Dr.  Max  Lehrs,
der  Direktor  des  Dresdener  Kupferstichkabinetts,  hat  das  Werk
geschaffen,  und  die  Graphische  Gesellschaft  in  Berlin  gibt  es
als  außerordentliche  Veröffentlichung  heraus.  Die  115  Blatt
Kupferstiche,  die  heute  als  Schöpfungen  dieses  vor  Dürer
bedeutendsten  Meisters  des  Stichels  gelten,  sind  da  in  mustergültigen ­
  Kupfertiefätzungen  wiedergegeben.  Bisher  gab  es
nur  eine  französische  Ausgabe  der  Schongauerschen  Werke,
denn  vor  1870  belegten  die  Franzosen  mit  historischer  Gewaltsamkeit ­
  diesen  guten  Deutschen,  der  aus  Schwaben  um  1450
ins  damals  noch  kerndeutsche  Elsaß  einwanderte,  für  sich  mit
Beschlag.  Für  wissenschaftliche  Zwecke  war  die  französische
Ausgabe  wegen  Überarbeitung  der  Platten  längst  entwertet.
Lehrs  hat  nun  aus  16  Sammlungen  die  besten  Abdrücke  der
Schongauerschen  Stiche  zusammengesucht,  um  sie  den  Wiedergaben ­
  zugrunde  zu  legen.  Für  die  meisten  Blätter  kamen  die
an  Leuchtkraft  und  Tiefe  unübertroffenen  Exemplare  des
Berliner  Kabinettes  in  Betracht.  Der  an  Fülle  der  Erfindungskraft, ­
  Beherrschung  der  graphischen  Technik  und  weiterer
Wirkung  im  ganzen  Abendlande  fast  einzig  dastehende  deutsche
Meister,  an  dessen  Arbeiten  noch  der  junge  Michelangelo  gelernt ­
  hat,  was  deutsche  Phantasiekraft  vermag,  hat  damit
eine  würdige  Veröffentlichung  seiner  Hinterlassenschaft
erhalten.
(Die  Fitgerschen  Wandgemälde  zerstört.)  Bei
einem  in  der  Nacht  auf  den  26.  v.  M.  im  Bremer  Künstlervereinshause ­
  ausgebrochenen  Brande  ist  der  große  Saal-mit
den  Wandgemälden  Artur  Fitgers  zerstört  worden.  Das
Künstlerhaus  lag  in  einem  Anbau  des  Bremer  Doms.  Aus  dem
Mittelalter  stammen  die  untere  Halle  und  der  Domumgang,
ein  Kreuzgang,  an  dessen  Wand  alte  Steinfiguren  stehen.  Über
der  Halle  lag  eine  große  Aula,  in  welcher  der  Künstlerverein
zuerst  seine  Veranstaltungen  abhielt,  ln  den  siebziger  Jahren
des  vorigen  Jahrhunderts  wurde  das  Gebäude  vollständig  umgebaut. ­
  Die  alte  Halle  und  ein  Teil  des  Kreuzganges  blieben
erhalten,  der  große  Saal  wurde  in  neugotischem  Stil  umgebaut.
Ende  der  neunziger  Jahre  erhielt  er  einen  hervorragenden
malerischen  Schmuck  durch  den  Bremer  Maler  und  Dichter
Artur  Fitger.  Fitger  hatte  auf  die  Hauptwand  einen  figurenreichen, ­
  farbenprächtigen  Dionysiuszug  gemalt:  Im  Morgenglanze
  schweben  die  Musen  dem  Zuge  voran,  ihnen  folgen
Zentauren  und  Bacchantinnen,  Herkules  mit  seiner  Siegesbeute, ­
  der  trunkene  Silen,  und  in  bunten  Gruppen  ziehen
Opfertiere  und  Dorfmusikanten  vorüber.  Die  gegenüberliegende ­
  Längswand,  von  der  aus  man  den  Saal  betrat,  hatte
Fitger  mit  den  Bildern  der  Grazien,  der  fackeltragenden
Nacht,  dem  Triumphwagen  des  Bacchus,  und  Sokrates,  dem
Meister  der  Rede  und  Freund  des  Weines,  geschmückt.  Über
dem  Orchesterpodium  sah  man  die  heilige  Cäcilie  an  der  Orgel,
Orpheus  inmitten  von  Jagdgenossen  und  den  musizierenden
Luther.  Die  Flächen  der  Deckenkassetten  zeigten  Medaillons

mit  den  farbigen  Brustbildern  von  Dichtern  und  Künstlern.
Der  herrliche  Saal  mit  dem  Werk  Fitgers  ist  nun  den  Flammen
zum  Opfer  gefallen.
(Das  Malerische  bei  Rembrandt.)  In  der  Januarsitzung ­
  der  Kunstwissenschaftlichen  Gesellschaft  zu  München
hat  Professor  Wölfflin  einen  sehr  interessanten  \ortrag
über  das  Malerische  bei  Rembrand  t  gehalten.  Er  hat  darin
eine  wichtige  und  treffende  grundsätzliche  Unterscheidung
gemacht  zwischen  dem  Malerischen  des  Sehens,  dei  Auffassung, ­
  das  vom  Gegenstände  unabhängig  ist,  und  dem  Stofllich-Malerischen,
  das  dem  ersteren  gegenüber  einen  relativ
objektiven  Charakter  hat,  und  all  das  umfaßt,  was  man  als
malerische  Gruppierung,  malerische  Beleuchtung,  malerische
Ansicht  und  dergleichen  bezeichnet.  In  diesem  Sinne  ist  die
Ruine  malerischer  als  das  neue  Gebäude,  die  verkürzte  Ansicht
malerischer  als  die  unverkürzte  usw.  Die  malerische  Aulfassung ­
  kann  sich  mit  dem  Objektiv-Malerischen  verbinden,
ist  aber  nicht  darauf  angewiesen.  Rembrandt  hat  Bettler
in  zerlumpter  Kleidung  als  malerische  Motive  gewählt,  Velasquez
  dagegen  hat  viele  Hoftrachten  malen  müssen,  und  seine
Malerei  ist  dadurch  um  kein  Haar  weniger  malerisch  geworden.
Bei  Rembrandt  ist  das  Verhältnis  dieses:  je  mehr  er  fortschreitet ­
  in  der  malerischen  Auffassung,  um  so  mehr  verzichtet ­
  er  auf  die  „pittoresken"  Motive.  In  der  Radierung
des  barmherzigen  Samariters,  zum  Beispiel,  findet  man  alle
Requisiten  einer  malerischen  Regiekunst,  aber  das  Blatt
ist  wenig  malerisch  gesehen.  Das  Gemälde  von  1648  mit  dem
gleichen  Gegenstand  ist  im  selben  Maße  szenisch  vereinfacht,
als  es  malerischer  in  der  Darstellung  geworden  ist.  Die  Entwicklung, ­
  die  Rembrandt  durchmacht,  ist  eine  typische,  nicht
nur  für  einzelne  Individuen,  sondern  auch  für  Entwicklungen,
die  ganze  Generationen  umfassen.  Als  nahcliegcnd.cs  Beispiel
für  diese  Erscheinung  wies  Wölfflin  auf  die  Geschichte  der
Landschaftsmalerei  des  19.  Jahrhunderts  hin,  die  den  Apparat
an  sogenannten  malerischen  Motiven  immer  mehr  vereinfacht
und  verkleinert  hat,  um  dafür  zu  einer  rein  malerischen  Auffassung ­
  der  Natur  zu  gelangen.

Handschriften.
(Die  Handschriften  der  „Mitschuldigen“.)  Von
Dresden  aus  ist  die  Nachricht  von  einem  bedeutsamen
„Goethefunde“  verbreitet  worden.  In  der  Hinterlassenschaft
einer  Dame  habe  sich  eine  bisher  unbek  mnte  Handschrift
von  Goethes  „M  i  t  s  c  h  u  1  d  i  g  e  n“  gefunden,  die
gemäß  den  Bestimmungen  der  Erblasserin  dem  Goetheund
  Schiller-Archiv  in  Weimar  übersandt  worden  sei.  Es
handelt  sich  hier  offenbar  um  einen  Irrtum.  Allerdings  befand ­
  sich  lange  Zeit  hindurch  ein  Manuskript  des  Goetlieschen
  Jugendlustspiels  in  Dresden,  und  zwar  im  Besitze
der  Frau  Franziska  Wenzel,  geb.  Gräfin  Hülsen,  deren
Gatte,  der  bekannte  Sammler  Regierungsrat  Wenzel,
es  vor  Jahren  auf  einer  Dresdener  Auktion  mit  einem
von  ihm  zufällig  erstandenen  Bücherkonvolut  erworben
hatte.  Diese  Handschrift  ist  außerordentlich  wichtig;
denn  sie  stellt  Goethes  eigenhändige,  mit  der  Jahreszahl ­
  1769  bezeichnete  Niederschrift  der  ersten  Bearbeitung
des  Stückes  in  ebnem  Akt  dar.  Doch  sie  ist  durchaus  nicht
unbekannt,  so  daß  die  jetzt  in  den  Blättern  verbreitete
Notiz,  die  Goethe-Philologen  hätten  von  ihrem  Vorhandensein ­
  gewußt,  aber  bisher  vergeblich  nach  ihr  geforscht,  nicht
zutrifft.  Schon  1891  konnte  das  Manuskript  für  die  große
Weimarische  Goethe-Ausgabe  (9.  Band,  vergl.  S.  460)
durch  das  Entgegenkommen  der  Besitzerin  benutzt  werden.
Nun  aber  befindet  sie  sich  bereits  seit  mehreren  Jahren  im
Weimarer  Archiv,  Dort  fand  sie  Max  Morris  schon  1912  vor;
er  druckte  sie  dann  in  seiner  Neuausgabe  des  „Jungen
Goethe“  (Band  6)  vollständig  ab.  Ohne  Zweifel  ist  mit
den  jetzigen  Dresdener  Mitteilungen  dies  Manuskript  gemeint;
            
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