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Seite 110 
Internationale Sammler - Zeitung 
Nr. 12 
Zeit trat zum ersten Male neben der runden Medaille 
die eckige Plakette auf (man sagte und schrieb damals 
noch „Plaque“ für einseitige und ..Plaquette“ für 
doppelseitige Plaketten). Scharff ermangelte nicht, 
mir zu erzählen, daß eben ein neuer Zug in die Medaillen 
kunst komme, weil sich jetzt auch Personen aus bürger 
lichen Kreisen bei festlichen Veranlassungen (Hoch 
zeiten, Gedenktagen usw.) Porträtplaketten prägen 
lassen, was bis dahin doch nur bei Fürstlichkeiten und 
berühmten Männern gebräuchlich war. 
Wer einmal die Geschichte der Wiener Kunstme 
daille schreibt, wird dem Lebenswerk Professor Stephan 
Schwartz’, des geschätzten Künstlers und Lehrers 
so vieler jüngerer Kräfte, wohl einen breiten Raum 
zuweisen müssen. Ich lernte ihn zunächst als Kleinplastiker 
und später erst als Medailleur kennen. Um in einer 
Kunstzeitschrift seine anläßlich des Kaiserjubiläums 
1898 in der damals noch bestandenen Wiener Kunst 
gießerei ausgeführte ,,Kaiserhuldigung“ zu veröffent 
lichen, trat ich mit dem Meister in persönliche Be 
ziehung und ein Gipsabguß der stilvoll anmutigen 
Plastik, der seither meinen Arbeitstisch schmückt, 
bringt mir den liebenswürdigen Künstler stets in Er 
innerung. Eine seiner älteren Arbeiten, die ich besitze, 
ist die sehr verbreitete, von der Wiener Künstler 
genossenschaft zum zweihundertjährigen Geburtstage 
Raphael Donners (1898) geprägte Medaille. Sein 
Spezialgebiet, auf dem er unerreicht dasteht, ist jedoch 
soweit Schwartz nicht Großplastiker ist — die in 
Silber getriebene Plakette. 
Eine neue Phase meines Sammeleifers begann, als 
ich Rudolf Mar sch all kennen und würdigen lernte, 
dessen geniale Begabung allen Hindernissen zum Trotz 
den damals noch ganz jungen Künstler in erstaunlich 
kurzer Zeit mächtig in die Höhe hob. Eines seiner 
ersten Stücke, die Paul 1 Icyse-Plakette, neben den 
vielen außerordentlichen Werken, welche der gereifte 
Künstler seither geschaffen hat, doch, wie ich glaube, 
eines der allerbesten, veranlaßte unseren Verkehr. 
Wiener Freunde und Verehrer Paul Heyses hatten den 
jungen Marschall nach Gardone geschickt, um den 
Dichter zum siebzigsten Geburtstage zu porträtieren. 
So entstand in Heyses Landhaus am Gardasee dieses 
von unvergänglichem Reiz umflossene und dabei künst 
lerisch vollendete Bildnis. Die kraftvolle Lobmeyr- 
Medaille und die zum Papstjubiläum im Jahre 1900 
für die Stadt Wien ausgeführte Medaille auf Leo XIII. 
bildeten nebst anderen Stücken weitere wertvolle Be 
reicherungen meiner Sammlung. Gewohnt, seine Por 
träts nur nach dem Leben zu modellieren, führte 
Professor Marschall der Weg zweimal nach Rom, um 
den Kopf Leos XIII. festzuhalten; er hat seither in 
derselben ernsten Weise Pius X. porträtiert und arbeitet 
jetzt an einer Medaille des im Kriege auf den Stuhl 
Petri gelangten Benedikt XV. 
Bekannt ist, daß Professor Marschall als Kammer 
medailleur der Medailleur unseres Monarchen und des 
österreichischen Hofes ist, dem man die unstreitig 
besten Reliefdarstellungen Kaiser Franz Josephs dankt, 
denen sich seine neueste große Arbeit, das jüngst 
vollendete Porträt Kaiser Wilhelms II., würdig anreiht. 
Eine Art Fortsetzung seiner Medaille zur goldenen 
Hochzeit des seither verstorbenen Erzherzogs Rainer 
bildend, diese Arbeit aber weit überragend, ist die 
neun Zentimeter große Medaille, welche Marschall 
gleichfalls im Aufträge der kaiserlichen Akademie der 
Wissenschaften in Wien zum fünfzigjährigen Kurator 
jubiläum des Erzherzogs ausgeführt hat. Dieser künst 
lerisch restlos durchgearbeitete Charakter köpf mit 
seinen tausend Linien und Fältchen, richtig gesehen 
und richtig hingesetzt, bedeutet wohl einen Gipfelpunkt 
des Medaillenporträts überhaupt. Nicht zu vergessen, 
die göttliche Pallas Athene des Avers, die mit sieg 
reichem Blick dem fürstlichen Jubilar den Lorbeer 
reicht. Gerade dieses Stück zu besitzen, hat meine 
Sammlerfreude nicht wenig gesteigert. Doch ich wollte 
hier nur die Anfänge meiner Beziehungen zur Medaillen 
kunst schildern, sonst müßte ich alle Werke Marschalls 
aufzählen, denn alle sind für die österreichische Me 
daillenkunst geradezu richtunggebend geworden. 
Eine interessante Bereicherung meiner Sammlung 
widmete mir einmal Professor Kaspar von Zumbusch. 
Es ist die Plakette zu seiner goldenen Hochzeit mit 
dem Selbstporträt und dem Bildnis seiner Gattin. 
Eine feine Arbeit des damals schon achtzigjährigen 
Bildhauers. Nur für den engeren Kreis seiner Familie 
bestimmt, bat mich der Meister, die Plakette ja nicht 
im Bilde zu veröffentlichen, welchen Wunsch ich 
natürlich befolgte. Der berühmte Schöpfer des Maria 
Theresia-Denkmals und der Reiterstatuen Erzherzog 
Albrechts und Radetzkys, der Künstler, welcher die 
Kolossalfigur eines Beethoven geformt hatte, wollte 
offenbar nicht als Kleinplastiker der Nachwelt im 
Gcdächnis bleiben. 
Meinen seltenen Stücken zuzuzählen ist gewiß auch 
die erste in Stahl geschnittene und in Stahl geprägte 
moderne Plakette. Als Meister Blümelhuber, wohl 
einer der originellsten Künstler, die Österreich auf 
weisen kann, in der Eisenstadt Steyr sein berühmtes 
Meisterätelier für Stahlschnitt eröffnete, widmete er 
allen Förderern der Anstalt eine Plakette. Sein Jünger 
und Schüler Gerstmayr schnitt den. Prägestempel 
unmittelbar in Stahl, wie solches die Medaillen 
meister des Mittelalters getan haben, eine Kunstübung, 
die seither fast ganz aufgehört hatte, und einzelne 
Stücke wurden statt in Bronze in Stahl geprägt. Diese 
(in der „Internationalen Sammlcrzeitung“ veröffentlichte) 
Plakette zeigt im Avers den markanten Kopf Michel 
Blümelhubers und im Revers die Steyrer Meisterschule. 
Schöne Erinnerungen bewahre ich an Karl Wascb- 
mann, den trefflichen Metallkünstler, der wie kein 
zweiter eine Gußmedaillc oder ein Relief in Silber zu 
ziselieren vermochte. Wenn ich ihn mir in seiner Kunst 
werkstatt arbeitend vorstelle, muß ich immer an die 
Meister des Cinquecento denken. Ebenso wie Scharff 
und den fleißigen F. X. Pawlik, den Schöpfer mancher 
schönen Reliefkomposition, deckt ihn schon längst der 
Rasen. Der verstorbenen Wiener Medailleure, denen 
ich im Leben begegnet bin, gedenkend, fällt mein Blick 
auf zwei ganz frische Gräber, welche ich im Vorbei 
gehen mit einem Kranze schmücken muß. Rudolf 
Neuberger und Karl Maria Schwerdtner sind beide 
ganz plötzlich und mitten in ihrer künstlerischen 
Schaffensfreude vom Tode ereilt worden. Neuberger, 
welcher in der kaiserlichen Münze nach dem Hirgarg 
Scharffs den Rang seines Lehrers bekleidete, starb, 
56 Jahre alt am 20. Februar d.. J. und der jurge 
Schwerdtner — ein Sohn des trefflichen Graveurs 
Johann Schwerdtner, dem sich das lebhafte Mit 
gefühl aller Freunde zuwendet ••— am 10. Mai d. J.; 
er ist nur 42 Jahre, alt geworden. 
Ich habe Neubergers Medaillen in der „Internationa 
len Sammler zeitung“ wiederholt besprochen, ganz 
zuletzt seine Zweikaisermedaille für die Kriegsfürsorge. 
Erinnert sei nur noch an die Medaille, die er seinem 
Lehrer Scharff, dem „Wiedererwecker der Porträt 
medaille in Österreich“, widmete, an die offizielle 
Kaiserin Elisabeth-Medaille zur Enthüllung des Kaiserin 
denkmals im Wiener Volksgarten, an die Tiroler Jahr 
hundertmedaille (1809—1909) mit den Porträts Kaiser 
Franz und Kaiser kränz Josephs, an seine Strauß-
	        
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