Nr. 13
internationale Sammler- Zeitung
Seite 125
Bibliophilie.
(Ein Jean-Paul-Fund.) Beim Sichten und Ordnen
von Büchern aus der Bibliothek des Hauptfideikommisses
des großherzoglich weimarischen Hauses, die in die großher
zogliche Bibliothek in Weimar überging, fand deren neuer
Leiter Dr. Werner Deetien ein Exemplar von Jean Pauls
„Dämmerungen für Deutschland", Tübingen 1809, das eine
handschriftliche Widmung auf ein paar eingeklebten Blättern
enthält. Die in Streckversen verfaßte Widmung ist an den
Prinzen von Sachsen-Weimar Karl Friedrich und seine
Gemahlin Maria Paulowna gerichtet.
(Joachim Ralfs nachgelassene Werke.) Joachim
Rafts noch unveröffentlichte nachgelassene Werke sind von
seiner einzigen Tochter Fräulein Helene Raff, der Münchener
Schriftstellerin, der Musikabteilung der Berliner Königlichen
Bibliothek geschenkt worden. Darunter befinden sich die
interessanten, musikalisch wertvollen Partituren der Opern
„König Alfred“, „Die Parole", „Die Eifersüchtigen", „Bene-
detto Marcello oder Kunst und Liebe“ und „Samson". Bei
den drei letztgenannten Opern rühren auch die Dichtungen
von dem Komponisten hei.
(Eine Shakespeare-Bibliothek.) Der als Bibliophile
bekannte amerikanische Eisenbahnkönig Hutington hat um
den Preis von Fr. 50.000 eine der merkwürdigsten Shakespeare-
Bibliotheken gekauft. Sie gehörte dem amerikanischen Bankier
C. W. Piscott, der in England lebte und Jahre an den Bau
seiner Bibliothek verwendet hat. Das Gestell ist aus Eichen
holz das von den 300 bi? 900 Jahren alten Eichen stammt,
die auf dem Platze von Stratford standen, vor der Kirche,
in der Shakespeare getauft worden ist. Das Postament der
Bücherei aber besteht aus Holz, das aus dem Geburtshause
Shakespeares herrührt. Die Bibliothek enthält u. a. die schöne
hundertbändige Ausgabe „Knights Edition of Shakespeare“
und mehr als 13.000 Stiche, die vollständige Ikonographie
des Dichters und seiner Werke, die es gibt.
(Die Bücherbehandlung im 14. Jahrhundert.)
Bekanntlich sind die reichhaltigsten Bibliotheken zum Bei
spiel Petrarcas und Boccaccios beinahe vollständig ver
loren gegangen. Beim Verlust der alten Manuskripte spielten
selbstverständlich oft Naturunglücke (Feuersbrünste usry.)
mit; Hauptschuldiger war jedoch die Nachlässigkeit, mit der
man die wertvollsten Schriften behandelte. Der „Philobiblon“
schildert überaus anschaulich, wie die Studenten des 14. Jahr
hunderts mit den Büchern umgingen: „Es ist kalt; die Stu
denten sind erkältet; sie husten, speien, niesen auf die Blätter,
die sie lesen. Ihre Finger sind schwarz wie die Kohle; diesen
Vorzug benützen sie, um die Stellen zu bezeichnen, die ihnen
besonders gefallen; oder sie legen hiezu Stroh zwischen die
Blätter. Da die Blätter aber keinen Magen haben, so bleiben
die Hahne liegen, zerstören den Einband und faulen. Beim
Lesen essen wieder andere Studenten Flüchte und Käse und
trinken fortwährend; oder mit übereinandergelegten Armen
schlafen sie über den Büchern. Sobald der Frühling kommt,
macht der Student aus dem Buch ein Herbarium, indem er
Veilchen, Schlüsselblümchen und Rosen hineinverstreut. Die
staubigen Handschuhe reinigt er am weißen Pergament.
Sticht ihn ein Floh, so stößt er an sein Buch mit plötzlicher
Bewegung; das Buch fällt und bleibt offen auf dem staubigen
Boden liegen. . . Und wie viele Leser bringen Notizen und
Zeichnungen in den Büchern an oder schneiden die Ränder
ab, um sich Papier zum Briefschreiben zu verschaffen!“ Der
„Philobiblon", der diese Schilderung enthält, ist das Werk
Richards de Bury, der von 1333 bis 1345 in Durham als
Bischof wirkte. Das Werk ist kürzlich ins Italienische über
setzt worden, und E. Rodocanachi widmet ihm im letzten
Heft des „Journal des Savants" einen lesenswerten Aufsatz«
Der „Philobiblon“, von dessen wenigen zeitgenössischen
Kopien sich auch eine in Basel befindet, stellt zweifellos den
ältesten vorhandenen Traktat der Bibliophilie dar. Er erteilt
eingehende Ratschläge darüber, wie sich eine schöne Bibliothek
zusammensetzen sollte und wie die Bücher am besten zu schonen
seien. Aber recht ausführlich behandelt er auch die Schädigungen
von Büchern und weist sehr ungalant auf die Feinde hin,
die das Buch zu fürchten hat. „Sein schlimmster Feind“,
schreibt er, „ist jenes zweifüßige Tier, das man Frau nennt.
Sobald sie in einem Winkel ein Buch entdeckt, das mit dem
Gewebe einer verstorbenen Spinne bedeckt ist, so nimmt sie
es weg und zeigt seinen Nutzen, indem sie es gegen eine Haube
oder gegen ein Stück Seidenstoff eintauscht.“
Bilder.
(Ein neuer Tizian.) Seit einigen Tagen geht durch die
Presse in Wien und Berlin die Mitteilung, daß ein besonders
wertvoller Tizian, eine liegende Venus, aus Wiener Privat
besitz in das Eigentum des Kaiser Friedrich-Museums
in Berlin übergegangen sei. Nach unseren Informationen ist
die Nachricht in dieser Form unrichtig. Wohl hat sich das
Kaiser Friedrich-Museum ein Vorkaufsrecht auf das Ge
mälde gesichert, doch hängt die Erwerbung von der Beschaf
fung der Geldmittel ab — man nennt die Summe von einer
halben Million Mark — die dem Museum zurzeit nicht
zur Verfügung steht, die es aber durch private Zuwendungen
bald zu erhalten hofft.
(Eine wertvolle Gemäldesammlung verbrannt.)
Eine Sammlung alter Meister und von mehr als 300 Bildern
und Skulpturen der jung-amerikanischen Künstlerkolonie in
Maine (Kalifornien) sind, nach Berichten amerikanischer
Blätter, im Atelier des bekannten New-Yorker Bildhauers
Pietro durch Brand zerstört worden. Unter den älteren Bil
dern befand sich ein Franz Hals, im Werte von K 700.000,
eines der bekanntesten Bilder Paolo Veroneses, während die
Werke der Jung-Amerikaner auf zirka K 1,200.000 geschätzt
werden.
Numismatik.
(Lagergeld.) An österreichisch-ungarischem Lagergeld
(siehe die Nummern 4, 6 und 9) liegt uns weiters vor: Vom
Kriegsgefangenenlager Kleinmünchen bei T.inz in Ober
österreich ein ganzer Satz, umfassend Metallmünzen zu
1, 2, 10, 20 und 50 Heller, Papiernoten zu 1, 2, 5, 10, 20,
50 Heller, K 1- , K 2—, K 5—, I< 10 — und K 20—. Preis
des Satzes: K 43-68. —■ Vom Interniertenlager Katzenau
bei Linz Papiernoten zu 1, 2, 10, 20 Heller, K 1—, K2- —,
K 5- •, K 10— und K 20—. Preis des ganzen Satzes I< 42-16.
Diese Sätze sind wie die früher angezeigten vom Kriegsfür
sorgeamt des k. u. k. Kriegsministeriums in Wien, IX., Berg
gasse Nr. 22 zu beziehen.
Philatelie.
(Neue Marken in Deutschland.) Anläßlich der bevor
stehenden Einführung einer außerordentlichen Reichsabgabe
in Deutschland, die mit den Post- und Telegraphengebühren
voraussichtlich vom I. August ab erhoben werden wird, wird
die deutsche Reichspostverwaltung vorerst folgende Postwert
zeichen neu herausgeben: Freimarken zu 2(4, 7(4 und
15 Pfennig. Postkarten zu 7(4 Pfennig. Postkarten mit Ant
wortkarte zu 7(4 -f 7(4 Pfennig. Freimarkenheitchen mit
30 Freimarken zu 2(4 Pfennig (Verkaufspreis 75 Pfennig). —
Die bayrische Postverwaltung wird eigene neue Marken
herausgeben.