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Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 13
Uhren.
(Die Sammlung der Baronin Ebner-Eschenbach.)
Uhrensammlern in Wien ist jetzt die Gelegenheit geboten, die
großartige Uhrensammlung der verstorbenen Baronin Marie
Ebner-Eschenbach zu besichtigen. Die kürzlich in der
,, Internationalen Sammlerzeitung“ beschriebene Sammlung
ist bis auf weiters täglich (Montag ausgenommen) von 9 bis
1 Uhr bei freiem Eintritt im Österreichischen Museum
(Stubenring 5) zu sollen.
Verschiedenes.
(Handzeichnungen Liebermanns.) Aus Dresden
wird berichtet: Die Galerie Ernst Arnold hat eine umfang
reiche Ausstellung von Handzeichnungen Max Lieber
manns eröffnet, die gegen 300 Blätter aus allen Schaffens
perioden des Künstlers von 1872 an bis auf die Gegenwart
umfaßt und die noch durch 14 Gemälde, teilweise aus Dres
dener Privatbesitz, einen besonderen Reiz erhält. Dresden
ist neben Berlin und Hamburg wohl ohne Zweifel die Stadt,
in der man den Meister von jeher am höchsten geschätzt
hat. Das Kupferstichkabinett war die erste Zentralstelle,
wo seine Radierungen und Steindiucke planmäßig gesammelt
wurden, und wo man zugleich eine gewählte Sammlung seiner
schönsten Handzeichnungen und: Pastelle findet. Die Galerien
Rothermundt und Schmitz, enthalten eine Fülle seiner
Gemälde, und die königliche Gemäldegalerie ist neuerdings
eifrig bestrebt, ihren Liebermann-Besitz zu vermehren. Hier
tritt die gegenwärtige Ausstellung ergänzend ein, und es ist
eine Freude, die Säle zu durchwandern, in denen die Studien
blätter des großen Berliner Meisters, mit feinfühligem Ge
schmack angeordnet, alle Wände füllen. Dr. Hans Wo.lff
vom Kupferstichkabinett zeigt sich im illustrierten Katalog
als warmherziger und kenntnisreicher Führer durch das Laby
rinth von Schwarz und Weiß.
(Ein Frauenbund zur Förderung deutscher
bildender Kunst) wurde in Hamburg begründet. Er
beabsichtigt, in der Hauptsache Bilder und plastische Werke
anzukaufen, um sie deutschen Museen, die andere Kunst
sammeln, zu überweisen. Es sollen in allen größeren Städten
I)eutschlands Ortsgruppen gebildet werden. Dem Hauptaus
schuß gehören an: Frau Richard Dehme 1, Dr. pla.il. Rosa
Scliapiro, Frau Anton Kling, Frau Dr. Paul Rauert
und Freifrau v. d. Heydt (Elberfeld).
(Der Tod eines, deutschen Kunstforschers in
London.) Wie aus London mitgeteilt wird, ist dort der
bekannte deutsche Kunsthistoriker und Altertumsforscher
Freiherr Otto von Schleinitz im 78. Lebensjahr kürzlich
gestorben. Schleinitz war einer der bekanntesten und eif
rigsten Vermittlet englischen Kunstlebens an Deutschland.
Als- Mitarbeiter zahlreicher deutscher Künstzeitschrifjten ent
faltete er eine ausgebreitete Tätigkeit und hat bei uns be
sonders die Präraffaeliten bekanntgemacht, indem er viel
gelesene Monographien über Burne-Jones, Walter Grane,
Watts, Holman Hunt und Morris verfaßte. Auch den Er
eignissen auf dem englischen Kunst- und Büchermarkt wandte
er rege Aufmerksamkeit zu. Durch sein inhaltreiches Buch
über die Kunstdenkmäler Londons, das in der Sammlung der
,,Berühmten Kunststätten" erschien, bot er den nach England
reisenden Deutschen ein aufschlußreiches und anschaulich
geschriebenes Handbuch, aus dem sie über Geschichte und
Kultur der englischen Hauptstadt das Wissenswerte erfahren
konnten. Schleinitz, der einen großen Teil seines Lebens in
England verbrachte und dort die Freundschaft führender
Mänuer auf dem Gebiete der Kunst und Kultur besaß, ist
i.i seinem Herzen doch stets der deutschen Heimat treu ge
blieben und hat den wohl wertvollsten Teil seiner Lebens
arbeit der deutschen Kunstgeschichte gewidmet, indem er —-
ebenfalls in den „Berühmten Kunststätten“ — ein treffliches
Werk über Trier erscheinen ließ. Als Sohn des in Trier
verstorbenen Regierungspräsidenten Friedrich Julius von
Schleinitz war er von Jugend auf mit der Geschichte und
Kunst der alten einstigen römischen Kaiserstadt verknüpft:
Seine kunstgeschichtlichen Arbeiten werden auch im Rhein
land besonders geschätzt; sie verraten in ihrem frischen Plauder
stil manchen Zug, der an die völkischen Eigenheiten des
Moselaners streift.
(Erbschaftsprozeß wegen Kunstwerken der
italienischen Malerei.) Knapp vor Kriegsausbruch starb
in London ein reicher Engländer, welcher der Londoner
Nationalgalerie seine wertvolle Gemäldesammlung vermachte.
Diese befindet sich in der Casa Capello, einem zwischen der
Ca’d’Oro und der Casa di Desdemona am Canale Grande zu
Venedig gelegenen Palaste, der dem Erblasser gehört, und
enthält 70 Gemälde aller italienischer Meister, darunter der
berühmtesten, welche die italienische Malerkunst der Re
naissance überhaupt aufzuweisen hat. Soweit w r äre alles in
Ordnung, wenn der Verstorbene seiner letztwilligen Verfügung
nicht ein Kodizill hinzugefügt hätte des Inhalts: „die Familien-
und anderen Porträte vermache ich meinem Neffen“.
Nun befinden sich unter den 76 Gemälden der Casa Capello
keine Familienbilder, wohl aber dreizehn herrliche Porträte von
Tizian, Gentile Bellinj, Morctto von Brescia, Moroni, Filippino
Lippi, Antonello da Messina, Rosalba und Pietro Longhi.
Die Direktion der Londoner Nationalgalerie steht auf dem
Standpunkt, daß der Erblasser seinem Neffen in Wirklichkeit
bloß die Familienporträte hinterlassen wollte, nicht aber die
Meisterwerke, die gerade den wertvollsten Teil der ganzen
Sammlung darstellen und deren Ausscheidung daher die
Bedeutung des Legates sehr herabsetzen müßte. Denn die
63 übrigen Gemälde stammen insgesamt von weniger bekannten
italienischen Malern her und gehören keineswegs zu den Meister
werken der Renaissance. Der Neffe dagegen beruft sich auf
die zwei Worte „anderen Porträte“ im Kodizill und bean
sprucht aus der Bildergalerie seines Oheims in der Casa Capello
alles, was Porträt ist. Vor dem zuständigen Gerichtshof hat
sich darüber ein langwieriger Erbschaftsprozeß entwickelt,
der in erster Instanz zugunsten des Neffen entschieden worden
ist. Die Londoner Nationalgalerie hat gegen das erstrichter
liche Urteil Berufung eingelegt, und es ist vorauszusetzen,
daß der interessante Streitfall, bei dem es sich nicht bloß um
hohe Kunstwerke, sondern auch um Millionenwerte handelt,
die Gerichte bis zum obersten Gerichtshof beschäftigen wird.
Es wäre denn, daß die Nationalgalerie sich entschließt, dem
natürlichen Erben des Schenkers einen billigen Vergleich
vorzuschlagen.
(Handlose Scbreibkünstler.) Die berühmte Schrift
sammlung Soennecken in Bonn besitzt, wie die „Geschichts
blätter“ ausführen, mehrere Kunstproben handloser Leute.
Das erste Blatt zeigt in reicher Zierschrift eine in zwei Tagen
vollbrachte Leistung von Joh. H. Evert, „ohne Hände und
ohne Füße geboren in Königsberg i. Pr., den 7. Marti! 1773“.
Er schrieb dies Kunstwerk zu Elberfeld am 22. und 23. August
1773. Nicht minder interessant ist ein Blatt des armlosen
Schönschreibers Thomas Schweickert aus Schwäbisch-Hall,
das im Jahre 1506 mit den I'üßen geschrieben wurde.
Schweickert besaß seinerzeit einen bekannten Namen und ist
ix. a. mit einem primitiven Holzschnitt vom Jahre 1582 von
Wilhelm Boß hei der Arbeit wiedergegeben. Eine berühmte
„Schreib“-Künstlerin war auch eine armlose Frau, die
um 1688 im Spital zu Straßmirg i. E. ihren Namen mit den
Füßen in die Schnupftücher der Besucher nähte. Von einer
Engländerin Elisabeth Simson weiß man, daß sie um 1626
ihren Namen kunstvoll mit dem Munde schreiben konnte.
Ferner ist. aus dem Jahre 1655 die Handschrift eines Johann
Kuhn bekannt:
„ Johann Kuhn werd’ ich genandt,
Hab’ nur ein’ Finger an jeder Hand.“