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Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 15/16
denen die Bedeutung des „Roten Kreuzes" einiger
maßen fremd sein dürfte. Deutschland und England
haben Rote,Kreuz-Marken nicht ausgegeben, dagegen
haben Kanada und Neuseeland Marken mit Kriegs
zuschlägen von je einem Cent eingeführt, deren Über
schuß natürlich in die Staatskasse fließt.
Eine ganze Reihe von Neuausgaben, die während
des Krieges erschienen sind, haben im wesentlichen
dem Zwecke gedient, durch Abgabe an Sammlerkreise
die Staatseinnahmen zu vermehren. So hat Ungarn
im Jahre 1915 zwei ganze Reihen neuer Briefmarken
ausgegeben, von denen jede 17 Werte umfaßt; der
größte Teil dieser Ausgaben ist an Sammler und Händler
gegangen. Ein eigenes Kapitel der Kriegsbriefmarken
kunde bilden die belgischen Marken. Die belgische
Regierung hat in London für den kleinen Rest des
Landes, über den sie noch verfügt, neue Marken drucken
lassen, d.ie, wie sich versteht, weniger auf das postalische
Bedürfnis dieses Landrestes als auf die Sammler be
rechnet sind. Dabei ist Belgien bis auf 10-Frankenwerte
gegangen, die es früher nie hatte; im ganzen umfaßt
die Reihe der belgischen Kriegsbriefmarken 14 Werte.
Zu den eigenartigsten Schöpfungen des Krieges auf
dem Markengebiete gehören die Marken der War
schauer Stadtpost, hübsch gezeichnete Werte in
„Groszy", die mit Zustimmung der deutschen Behörden
für die Ortsbeförderung hergestellt worden sind.
Die Türkei, die vor dem Kriege ihre Marken im
Auslande hatte drucken lassen, hat unter den gegen
wärtigen Verhältnissen auf ihre alten Markenbestände
zurückgegriffen, die sie mit neuen Werten überdruckt
hat. Eine solche Reihe umfaßt nicht weniger als
77 Werte die bei den Händlern sehr begehrt sind
man bezahlt bereits etwa M 100 für eine Reihe tür
kischer Kriegswerte.
Schließlich mag noch die Kriegsmarke des Ge
fangenenlagers Ruhleben als Seltenheit erwähnt
sein. Dort, im englischen Lager, kam ein findiger
Kopf auf den Gedanken, für die Briefvermittlung
zwischen den einzelnen Baracken eine richtige Privat
post einzurichten. Er erhielt die Zustimmung der
zuständigen Stellen zu diesem Plane, die Post arbeitet
wirklich, und der Postmeister macht vermutlich ein
hübsches Stück Geld. Die Ruhlebener Marken aber sind,
da sie nur innerhalb des Lagers verwendet werden
dürfen, von allerhöchster Seltenheit.
Chronik.
Bibliophilie.
(Die Bibliothek-des Hofrates Pfersclie.) Aus Prag
wird uns berichtet: Die bedeutende juristische Bibliothek
des kürzlich verstorbenen ehemaligen Reichsratsabgeordneten
Universitätsprofessors Hofrat Dr. Emil Pfersche ist von der
K. Andreschen Buchhandlung käuflich erworben worden.
Besonders reich sind in dieser Bücherei römisches und gemeines
deutsches Recht vertreten.
(Zur Literatur über Conrad Ferdinand Meyer.) Eine
bedeutsame Bereicherung der Conrad Ferdinand Meyer-For
schung steht den Freunden des Dichters und Bibliophilen
bevor. Im Verlag von H. Haessel in Leipzig wird Professor
Adolf Frey in zwei Bänden die nun beendeten Prosadichtun
gen C. F. Meyers herausgeben. Während der erste Band
prinzipielle Studien über die poetischen Stoffwerke und die
Fragmente im Hinblick auf das dichterische Lebenswerk
C. F. Meyers enthalten wird, bringt der zweite Band die Faksi
milia der Fragmente selbst.
(Eine Strauß-Stiftung für die Königliche Biblio
thek in Berlin.) Wieder hat die Musikabteilung der
Königl. Bibliothek in Berlin ein wertvolles Geschenk erhalten.
Generalmusikdirektor Dr. Richard Strauß hat ihr seine
sechzehnstimmige „Deutsche Motette" in der Original-Rein
schrift gespendet. Die Motette ist dem König]. Opernchor
und dessen verdientem Dirigenten Professor Hugo Riidel
gewidmet Und von diesem 1913 zur Uraufführung gebracht.
Es fehlt nunmehr in der Musikabteilung kaum noch die Hand
schrift eines zeitgenössischen Musikers von Bedeutung, da,
um nur einige hervorzuheben, auch Tonsetzer wie Schillings,
Reznicek, Friedrich Klose, Siegmund von Hausegger, Felix
Weingartner, Anton Beer-Walbrunn, Friedrich E. Koch,
Leo Blech, Eugen d’Albert, Felix Woyrsch, Philipp Wolfram
und Xaver Scharwenka Originalhandschriften spendeten.
(Das Keller-Steiningersche Theaterarchiv) wurde
von München nach Berlin verlegt und ist dort in der Sesen-
heimer Straße 28 in Charlottenburg aufgestellt worden. Es wird
von seinem Gründer Otto Keller geleitet, der seit 1876 syste
matisch auf Theater und Musik bezügliche Notizen und Ar
beiten sammelt und bis heute, nach der Vereinigung seines
Materials mit dem Stein ingerschen und Freiherrlich von Mitis-
schen, über etwa 2 Millionen Ausschnitte verfügt, von denen
sich allerdings etwa die Hälfte noch in Dresden befindet.
(Die Jubiläumsausgabe eines Buches als 'Ge
schenk an die Feldtruppen.) Aus Berlin wird gemeldet:
Max Eyths köstliches Werk „Hinter Pflug und Schraubstock"
erlebt in diesen Tagen seine 100. Auflage. Während dieses Er
eignis sonst gern zur Veranstaltung kostbarer Luxusausgaben
für einen kleinen Kreis von Bücherfreunden Anlaß gegeben
hat, schlägt der Verlag des Eythschen Buches, die Deutsche
Verlags-Anstalt in Stuttgart, einen neuen und unserer Zeit
angemesseneren Weg ein, um das Buch und seinen Verfasser
zu ehren. Er widmet die ganze 100. Auflage, die nicht in den
Buchhandel kommen wird, unseren Truppen im Felde
und hat die Verteilung dieser Jubiläumsspende dem „Gesamt
ausschuß zur Verteilung von Lesestoff im Felde und in den
Lazaretten“ und der „Deutschen Christlichen Studenten
vereinigung" übertragen.
(Eine türkische Volksbibliothek.) Das türkische
Schrifttum hat bisher unter dem Mangel an Veröffentlichungs-
mitteln und dem gänzlichen Fehlen eines kapitalkräftigen
Buchhandels sehr gelitten. Um diesem Mißstand abzuhelfen,
wurde kürzlich nach einer Mitteilung des „Osmanischen
Lloyd" unter dem Vorsitz des türkischen Unterrichtsministers
Schükri Bei eine von der Regierung finanziell unterstützte
„Bibliothek nützlicher Werke" gegründet. Als erste Nummer
dieser Bibliothek ist jetzt eine Anzahl der schönsten Gedichte
des großen türkischen Dichters Abdul Hakk Hamid unter
dem Titel „Uliami Watan" erschienen. Das Werk ist in der
kaiserlichen Druckerei in vorzüglicher Weise gedruckt worden.
Andere Bände derselben Bibliothek sollen in nächster Zeit
erscheinen.
(Amerikanische Neudrucke.) Wie wir den in Chigago
erscheinenden „Public Libraries" entnehmen, hat die Howard
Memorial Library in New-Orleans auf Veranlassung ihres
Bibliothekars William Beer mit der Sammlung aller verges
senen und unbeachteten Literaturnotizen begonnen, die
sich auf den Staat Louisianaund auf die StadtNcw Orleans