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Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 19
Blottendorf) bis zu den feinsten Transparentmalereien
eines Mohn oder Kothgasser oder zu den ein
gelegten Pasten in Desprezart ist ein weiter Weg.
Während sich der Glasschnitt noch einmal anstrengt,
in Panoramen oder figuralen Darstellungen möglichst
Zartes herauszubringen, zeigt die Glashüttenchemie
eine bis dahin unbekannte Entwicklung sämtlicher
Farbennuancen. Auch davon birgt die Sammlung
Schwarz zahlreiche Beispiele, die den gewöhnlichen
Durchschnitt überragen, namentlich allerlei Bade
gläser, wie sie heute schon als zahllose Nachahmungen
den Markt unsicher machen, während es sich hier
durchwegs um Originale handelt.
Erwähnenswert wären noch die schönen Glaspastcn
von Pichler u. a. aus dem Anfang des verflossenen
Jahrhunderts. Aus der neuesten Zeit sind nur einige
wenige Proben hinzugefügt, z. B. ein Metallreduktions
glas des Duc de Carranza. So sehr man es auch
bedauern mag, daß eine mit so viel Liebe und Kenntnis
zusammengetragene Sammlung durch besondere Fa
milien- und Zeitverhältnisse veranlaßt, in alle Winde
zerstreut werden wird, so mögen wir uns doch freuen,
daß dies in der gegenwärtigen Kriegszeit geschieht,
in der der auswärtige Wettbewerb zum guten Teil
ausgcschaltet ist, so daß die öffentlichen Sammlungen,
wie einzelne Liebhaber gewiß Gelegenheit haben
werden, manche vorteilhafte und günstige Erwerbung
zu machen. Selbst unseren größten Sammlungen kann
das eine oder das andere Stück eine wertvolle Be
reicherung bedeuten, um so mehr werden kleinere
Museen, die bisher das Glasgebiet noch stark ver
nachlässigt haben, zugreifen können, da sich solche
Anlässe nach menschlicher Voraussicht nicht mehr
häufig wiederholen dürften.
Vergleichungen.
Von Dr. Alois Karpf, Kustos und Leiter der k. u. k. Familien-Fideikommiß-Bibliothek i. R. (Wien).
Am 22. Dezember 1915 fanden sich zwei Lehramtskandi
daten auf dem Wege zum Seminar, wo unter Beiziehung von
Schülern der Übungsschule und ihrer Angehörigen eine Be
sprechung stattfinden sollte.
Sie unterhielten sich mit dem Austausch ihrer Erfahrungen
gelegentlich erwarteter Beantwortungen von an die Schüler
gestellten Prüfungs- und Entwicklungsfragen.
Ein Schüler übersetzte: ,,habit bleu“, „Ein Kleid blaues“.
Ein anderer übersetzte: „Cicero hat die catilinarische Ver
schwörung aufgedeckt“, „Cicero patefecit conjurationem Cati-
linariam“, anstatt „Cicero conj urationem Catilinariam pate
fecit“. Ein Schüler bezeichnete das Wort „überragen“ in dem
Satz „Die Felswand überragt die Schlucht“ als Eigenschafts
wort. Ein anderer Schüler hatte sich geweigert, den Satz
„Er ist abwesend“ in der ersten Person zu konstruieren. Ein
anderer Schüler nahm Anstand, den Ausdruck „leidende
Form“ eines Zeitwortes zu gebrauchen; ein anderer Schüler
hatte sich geweigert, nachzusagen, daß das Imperfektum im
Latein auch eine in der Vergangenheit dauernde Handlung
bezeichnet (s, Karl Schmidts Lateinische Schulgrammatik,
Wien, 1910, Seite 147 und Dr. Johann Haulers Lateinisches
Übungsbuch für die zweite Klasse der Gymnasien, Wien,
1911, Seite 199), weil es nach seiner Meinung wohl nur den
Gedanken einer Person an eine in der Vergangenheit dauernde
Handlung bezeichnen könne. Ein anderer Knabe weigerte
sich, die Aufgaben 3 /r von 28, 2 /s von 36, 4 /? von 35 unter die
Lehre von den Brüchen zu subsummieren. Peinliche Über
raschung zeigte sich bei einem Schüler, dem zugemutet wurde,
aus 64 Quadratmetern die Kubikwurzel zu ziehen. Sollte
wohl heißen „die dritte Wurzel“. Die Bezeichnung Kubik
wurzel stammt von den Kubikzahlen 8, 27, 64, 125 usw.;
griechisch kybos, lateinisch cubus, ein Würfel. Die Lösung
der Aufgabe ist am Rechenapparat (siehe Intern. Sammler-
Zeitung, VII. Jahrg., Seite 168), die Rechtecke als Quadrate
vorgestellt in der ergänzt gedachten Gruppe der Vierer, bezw.
in der Gruppe der Achter durch planmäßige, einheitliche
geometrische Konstruktion von stetigen Potenzgrößen leicht
verständlich darstellbar. Zu vergleichen auch: Neue Freie
Presse Nr. 8962, Seite 4 über die Veranschaulichung und
Beibringung der Zahlenbegriffe auf dem Prinzip des Räum
lichen nach dem in den WUener städtischen Samm
lungen befindlichen Exemplar dieses Rechenapparates mit
Prismen, im Gegensatz zu den für den Gebrauch in den
Elementarschulen ausreichenden, leicht handlichen einzeln
fixierten und um eine Axe drehbaren doppelfärbigen Prismen
grundrissen.
In einem anderen Fall handelte es sich um die Erklärung
des Wortes Quotient seitens eines verschüchterten Knaben.
Um ihm nachzuhelfen, erinnerte die Lehrkraft den Knaben
an die Bedeutung des W'ortes quoties ? wievielmal ? und fügte
die Aufgabe hinzu: Wie oft sind sieben Einer in einundzwanzig
Einern, bezw. in vierzehn und sieben Einern enthalten ? Um
ihm weiters nachzuhelfen, hatte ihn die Lehrkraft um Ge
schehnisse gefragt, welche im Verlauf einer Minute, dann von
mehreren Minuten bis zu einer Stunde, dann von mehreren
Stunden bis zu einem Tag, dann von mehreren Tagen bis zu
einer W r oche, dann von mehreren Wochen bis zu einem Monat,
dann von mehreren Monaten bis zu einem Jahr usw. wieder
kehren.
Scheinbar erleichtert fing der Knabe an, aufzuzählen:
Das Atmen, der Pulsschlag, die Pendelbewegung der Uhr,
das Schließen und W'iederöffnen der Augenlider, das Schlagen
der Stunden von einer Uhr, das Feuermachen im Herd, das
Anziehen der Strümpfe, das Aufstehen vom Bett, das Früh
stücken, der Gang in die Schule, das Aufziehen der Sackuhr,
das Niesen, das Baden, das Aufspannen des Regenschirmes,
die Gratulation zur Geburtstagsfeier . . . Die Aufzählung
unterbrechend, stammelte der Knabe: „Es gibt keine Wieder
holung, nur einen Wechsel, wie im Kaleidoskop, selbst die
Umdrehungen sind keine Wiederholungen, so wenig wie das
Echo in den Bergen.“ Man meinte einen jungen ITerakliteer
vor sich zu haben.
Der ältere der beiden Kollegen äußerte die Meinung, daß
die Beantwortung der Prüfungsfragen, bei welchen es sich
vornehmlich um die Wiedergabe von Teilen des seit Jahr
tausenden angehäuften und mitgeteilten Gelernten handelt,
den Schülern mit genügend treuem Gedächtnis (zu vergleichen:
Schlechtes Gedächtnis und theoretische Veranlagung. Von
R. P., siehe Reclams Universum, 30. Jahrg., 1913, Nov. d. 3.)
weniger Schwierigkeiten bereitet als die der Entwicklung#!
fragen, insbesondere wenn diese spontan gestellt werden und
den Schüler zum Nachdenken anleiten sollen.
Hier müsse ein besonderes Gewicht auf die Beobachtung
gelegt werden, ob der Schüler überhaupt fachlichlogische
Entwicklungen von all gern ein logischen zu unterscheiden
vermag. Es müsse dem Schüler zum Bewußtsein gebracht
werden, daß die fachlichlogischen Bedingungen für das Ver-