MAK
Nr. 19 
Internationale Sammler-Zeitung 
Seite 169 
Die Gemäldesammlung Schmeil, Dresden. 
Man schreibt uns, aus München: 
In der Galerie Hel hing ist seit einigen Tagen 
die Gemäldesammlung des Dresdener Kommerzienrates 
Schmeil ausgestellt, die am 17. Oktober unter Leitung 
von Hugo Helbing und Paul Cassirer in Berlin 
unter den Hammer kommt. Diese Versteigerung ver 
spricht eines der bedeutendsten Ereignisse auf dem 
Kunstmarkt zu werden, denn es gibt nicht viele private 
Bildersammlungen, bei deren Zusammenstellung das 
Prinzip der Qualität so unentwegt und mit so sicherem 
Urteil durchgeführt wurde wie bei dieser. 
144 Nummern umfaßt der prächtig ausgestattete 
Katalog, aber es ist kaum ein Stück darin, das man 
als gleichgültig ausgeschieden wissen möchte. Und, 
was noch wichtiger, die Sammlung ist als Ganzes von 
einer so bestimmt umrissenen Eigenart, zeigt soviel 
Charakter, daß man einen opferfreudigen Mäzen 
wünschen möchte, der sie so, wie sie ist, erwerben 
würde. Ohne engherzig nationale Grenzen zu ziehen, 
illustriert sie, was innerhalb der letzten zwanzig bis 
dreißig Jahre die Besten erstrebt und erkämpft haben, 
und wenn man als ihre Brennpunkte Leibi, Schuch, 
Diez und Cour bet nennt, so kennzeichnet das die 
Liebhaberindividualität ihres kunstfrohen Schöpfers 
wohl am besten. 
Von Leibi, dem endlich erkannten und anerkannten, 
sind nicht weniger als fünf Ölbilder und drei Hand 
zeichnungen zu sehen, meist Bildnisse aus dem Freundes 
kreise des Künstlers, die eben darum den ganzen Reiz 
der Intimität und einer von außen ganz unbeeinflußten 
künstlerischen Subjektivität haben. Mit absoluter 
Lebenswahrheit, ohne jede Pose, geben sie schlicht 
und echt nur den Menschen, wie der Künstler den ihm 
Nahestehenden sah und erfaßte. Wirken die fertig 
ausgeführten Ölbilder wohl alle durch ihre sprechende 
Lebendigkeit, so zeigen die skizzenhaften und die 
graphischen Arbeiten mit offenbarender Deutlichkeit 
die fabelhaft sichere individuelle Handschrift des 
Meisters. Interessant ist der Vergleich eines Bildnisses 
aus dem Jahre 1876 mit den Porträts der Familien 
Reindl und Rieder sowie der alten Bäuerin. Man 
versteht, wie auch dieser große, im eminentesten Sinne 
selbstherrliche Menschenschilderer nur durch strenge 
Schulung zu der souveränen Freiheit kam, die uns 
das stilistisch Starke in seinen späteren Werken als 
so selbstverständlich und natürlich empfinden läßt. 
Es bedarf wohl keiner Begründung, wenn man mit 
Leibi zusammen Wilhelm Tr üb n er, Hans Thoma, 
Karl Schuch, Karl Hagemeister, Karl Haider 
und E. Lugo nennt, die bei Schmeil alle mit guten, 
teilweise mit sehr bedeutenden Arbeiten vertreten 
sind. Von Trübncr ein subtil gemaltes Stilleben, ein 
lachender Bauernbursche von köstlicher Drastik, ein 
mit breitem Pinsel kraftvoll und sicher hingesetztes 
Malerporträt; von Thoma eine in all ihrer Einfachheit 
wundersam feine Schwarzwaldlandschaft und ein 
Interieur; von Schuch sechs Arbeiten, darunter das 
wichtige Matteo-Stilleben von 1879, ein prachtvoll 
gemaltes Melonen-Stilleben und mehrere Blumen 
stücke; Hagemeister steuerte märkische Landschaften 
bei von einer weichen, breiten Technik, die die Farben 
zu einem reizvoll tonigen Ganzen zusammenklingen 
läßt. Haiders ,,Neue Stutzen“ bietet einen besonders 
herrlichen Genuß. Wie „modern“ doch Haider im 
Jahre 1883 schon empfand, trotz all den tifteligen 
Details! Ostini hat recht, wenn er dieses Bild eins 
der wichtigsten deutschen Werke jener Periode nennt. 
Uber Böcklin hört man heutzutage nicht nur liebe 
volle Urteile. Keiner, der irre geworden, sollte die 
Gelegenheit dieser öffentlichen Ausstellung versäumen, 
sich die „Susanna im Bade“ anzusehen. Das Original 
ist wenig bekannt, wohl weil es immer in Privatbesitz 
war, es bringt den saftigen derben Humor dieser schon 
bei den alten Meistern sehr beliebten Episode restlos 
zu verblüffend lebendigem Ausdruck. 
Für Wilhelm von Diez’ aristokratische Kunst 
zeugen die bei der Gedächtnisausstellung im GlaS- 
palast mit Recht viel bewunderten „Hl. Martin“- 
sowie Soldaten- und Strauchritterszenen . aus der 
napoleonischen und früheren Zeit. Um ihren Meister 
scharen sich auch hier wieder, durchweg würdig ver 
treten, Mayr (Graz), Zimmermann, Erdtelt, 
Laeverenz u. a. m. Die Piloty-Schule wird durch 
bemerkenswerte Arbeiten ihrer berühmtesten Vertreter 
repräsentiert. Defreggers „Heimkehr der Sieger“ ist 
wohl eine Vorarbeit zu dem Bilde der Nationalgalerie 
in Berlin. Von Lcnbach ; stammt ein mit dem Pinsel 
prachtvoll gezeichneter Bismarck und ein sehr feiner, 
kleiner Männerakt, von Nikolaus Gysis eine „Mutter 
am Krankenbette der Tochter“. 
Hugo von Habermann hat eine interessante Serie 
von sieben Bildern beigesteuert, die von seiner Frische 
und Originalität ein geradezu frappierendes Zeugnis 
ablegen; ein in der Auffassung famoses, in den Farben 
noch sehr zurückhaltendes Selbstporträt aus dem 
Jahre 1892, breit und überlegen sicher gemalt; ein 
Frauenbildnis in ganzer Figur von köstlicher Zartheit 
der Farbe, zwei weibliche Halbakte von herrlicher 
Plastik und jenen nervös-bizarren, rassigen Linien, 
die den Meister unfehlbar charakterisieren, die „Reue“ 
endlich, der in kühner Verkürzung virtuos gezeichnete 
Halbakt eines jungen Weibes, in wildem Schmerz über 
einen Diwan geworfen. 
Neben Habermann ist A. von Keller zu nennen 
mit seinem wundervollen „Römischen Frauenbad“, 
einer geheimnisvoll altmeisterlichen Gruppe „Am 
Feuer“ und einer „Kreuzigung“ von fast schreckhafter 
Gewalt des Ausdruckes. Von Fritz August von Kaul- 
bach ist ein ideal schöner Frauenhalbakt, von Stuck 
eine Nymphe, die sich, auf dem Rücken eines wild 
dahinsprengenden Kentauren rittlings sitzend, in toller 
Lust dahintragen läßt. Friedrich Stahl, der eben 
erst im Glaspalast einen sensationellen Erfolg davon 
trug, hat bei Schmeil eine durchaus typische „Vene 
zianische Hochzeit“ in Komposition und Farbe gleich 
meisterhaft, ein unendlich feines Blumenstück von 
altmeisterlichem Schmelz der Farbe und eine sehr 
originelle Darstellung des Sündenfalls im Stil und in 
der Tracht der italienischen Renaissance. Ganz pracht 
voll ist Weltis zauberhaft farbige „Frühmesse in der 
Münchner Frauenkirche“. Adolf Stäblis Bilder 
zeichnen sich namentlich durch die packende Wieder 
gabe düsterer atmosphärischer Strömungen aus. 
Carl Spitz weg gehört eigentlich einer früheren 
Periode an, wirkt aber hier mit seinen sieben Bildern, 
die zum Teil schon Gemeingut des Volkes geworden 
sind, so durchaus modern, daß einem der Zeitunter 
schied kaum zum Bewußtsein kommt. Die feine Stim 
mungskunst dieser Landschaften, die breite, flüssige 
Technik und die Sicherheit der Komposition im „Da 
chauer Fronleichnam“ — sie heben den Altmeister 
unendlich hoch über das Niveau des Anekdotenmalers, 
auf das ihn viele in vollständiger Verkennung seiner 
künstlerischen Wesensart herabdrücken wollen. Eduard 
Schleich d. Ae., Otto Frölicher, Toni Stadler, 
Ludwig Willroider zeigen in Landschaften von
	        
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