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internationale Sammler- Zeitung
Nr. 8
jedem Blick bewahrte. Jahraus, jahrein war die Tür
mit dem hübschen Barockgitter oben geschlossen und
lange bimmelte die Türglocke — der Glockenzug hat
einst am Tor einer alten Burg gedient - ehe jemand
Big. 2.
Amerling, Waldlamlscliaft.
kam, den Besucher einzulassen. Hatte einer die Schwelle
des Hauses überschritten, dann war er auch schon
aus seiner Zeit heraus und um mehr als ein Jahrhundert
zurückgeraten. Das Häuschen, das inmitten des Gartens
stand, ein Stockwerk hoch, mit schmaler, erker-
bewehrtcr Front, hatte nichts von modernen Zins
burgen; es war der einstige Sitz der Grundherren
von Gumpendorf, der Grafen Mollard, und was
spätere Besitzer daran verdorben haben mögen, das
hat der feinsinnige Künstler beseitigt und durch die
reizvollsten Dinge ersetzt, als er sein Heim dort auf-
schlug. Im engen Flur standen alte geschnitzte Truhen,
an den Wänden waren schöne, bejahrte Grabsteine
längst verstorbener Geschlechter und die schmale
Treppe führte zu Gemächern, die überfüllt waren von
den kostbarsten Dingen, die eines Sammlers Herz
höher schlagen machen können.
Rechts von der Treppe war ein weites quadratisches
Gemach, in dem hatte Amerling seine Freunde und
seine schönsten Lebenserinnerungen — Porträts, eine
Unzahl von Porträts, die alle ihre Geschichte haben
und in jeder dieser Geschichten kommt Amerling vor.
Da war Massimo d’Azeglio, der Patriot mit dem
heißen, glühenden Herzen, da war der bedeutende
Kopf Thorwaldsens, hier sah man Oelenschläger,
Koch, Overbck. Der längst vergessene Dichter
Stieglitz erschien hier im Bilde und jener schwedische
Oberst, den ein unglücklicherweise glückliches Duell
in die römische Künstleridylle geschleudert hatte, an
ist als Vorwort zu dem Katalog der Amerling-Auktion ge
schrieben, die vom 3. bis 6. Mai stattfindet. Brauchte Amer
ling heute noch einen Fürsprecher, so hätte er sich wahrlich
keinen besseren wählen können, als Friedrich Stern, den
sehr geschätzten Wiener Kritiker, der die Glanzzeit der Wiener
Malerei miterlebt und zu deren vornehmsten Repräsentanten
er freundschaftliche Beziehungen unterhalten hat.
welche Amerling diese Bilder alle mahnten. Auch
Wiener Namen waren in manche Bilder mit dem
Pinselstiel geritzt: fast alle haben wir sic gekannt..
Aber da sahen ihre Träger anders aus. als in diesen
Bildern; als wir sie kannten, waren sic Greise und
hier waren sie jung; die Leuchten des Burgtheaters
der alten Zeit, die Dichter, die Künstler aus dem
Vormärz, alle hat sie der Pinsel Amerlings festgehalten,
oft nur mit wenigen kecken Strichen skizziert, einfach
untermalt, nur einzelne in voller künstlerischer Durch
führung. Vieles von all dem wird man jetzt in der
Sammlung wiederfinden und überraschende Werke
dazu, von denen der gelegentliche Besucher selten
etwas zu sehen bekommen hat, wie die interessanten
dekorativen Landschaftsbilder, vor allem die prächtige
große Leinwand, die man als einen in die Halme ge
schossenen Marko ansprechen möchte, die Porträt
studien nach schönen Frauen, die Aktbilder, die feinen
Kopien nach alten Meistern — dann die echten alten
Niederländer. Und dann die Bronzen, die Fayencen
und Majoliken, die Kuriosa aller Art und die herrlichen
Kostümstücke und reichen Stoffe — sind es doch
900 Nummern, die der Katalog aufzählt und ist nichts
gleichgiltiges und wertloses darunter.
In diesem Raume hat Amerling auch bis in seine,
letzten Lebensjahre hinein gema.lt, hier hat er seine
Schülerinnen arbeiten lassen, deren er gerne noch
annahm und die gerne dem Altmeister noch etwas
von seiner Kunst abgucken wollten. Die Erholung
nach der Arbeit an der Staffelet bot ihm — das Billard,
das oben auf dem Speicher stand, oder seine liebe,
treue Orgel, der er so geheimnisvoll schöne Klänge
zu entlocken verstand. Der Alte wußte wohl, wie gut
es ihm ließ, wenn die Sonnenstrahlen, durch farbige
Glasscheiben brechend, sein weißes Haupt umwoben,
wenn er, wie verzückt, am Organon spielend saß.
Natürlich im Samtrock, von dem ließ er nicht . . .
Als er hochbetagt aus diesem Idyll schied, schloß
ein erfolgreiches Leben, das mit schweren Kämpfen
gegen Armut und Not begonnen hatte. Der Vater war
Golddra.htzieher und Friedrich der älteste von 14 Ge
schwistern. Die zwei Stuben — eine davon Werkstatt
in der heutigen Stiftgasse, welche die vielköpfige
Familie beherbergten, sahen viel stille und ver
schwiegene Not, die aber der nach außen hin streng
gewahrten Respektabilität der Familie nichts anhahen
konnte. Als Kind schon bewies Amerling ein großes
Zeichentalent, als er aber mit 13 Jahren an die Aka
demie nach St. Anna kam, hatte die Sache doch nicht
lange Bestand. Farben, Leinwand, Papier, das alles
kostete Geld und der hoffnungsvolle Kunstjünger
konnte da nicht mit. Betrübten Herzens wanderte er
zu einem Zimmermaler in. die Lehre und lebte alle
Lehrlingsleiden durch, die ihm sein tief unter ihm
stehender Meister bereiten konnte. Da kam es denn
auch nach nicht zu langer Zeit zu einer Katastrophe.
Nach einem ausgiebigen Schopfbeutler schrieb unser
Lehrbub an eine frisch grundierte, der Patrone harrende
Wand den anspruchslosen Vers:
Mit diesem dummen Zimmermalen
Kann sich der Meister selber prahlen,
und ging dann auf Nimmerwiedersehen. So kam es,
daß Friedrich Amerling niemals ein Zimmermaler-
meister wurde.
Jetzt begann eine Zeit der wilden Kunstübungen.
— Amerling malte Porträts, das Stück zu zwei Gulden,
Fhrblätter, Ladenschilder, er illuminierte für Trent-
senski, gab Unterricht im Gitarrespiel, das er selbst
als Autodidakt erlernt hatte, kurz, er griff nach allem,
was ihm den Lebensunterhalt bringen konnte. Und
als er so zwanzig Jahre alt geworden war, sah er,