MAK
Seite 70 
internationale Sammler- Zeitung 
Nr. 8 
jedem Blick bewahrte. Jahraus, jahrein war die Tür 
mit dem hübschen Barockgitter oben geschlossen und 
lange bimmelte die Türglocke — der Glockenzug hat 
einst am Tor einer alten Burg gedient - ehe jemand 
Big. 2. 
Amerling, Waldlamlscliaft. 
kam, den Besucher einzulassen. Hatte einer die Schwelle 
des Hauses überschritten, dann war er auch schon 
aus seiner Zeit heraus und um mehr als ein Jahrhundert 
zurückgeraten. Das Häuschen, das inmitten des Gartens 
stand, ein Stockwerk hoch, mit schmaler, erker- 
bewehrtcr Front, hatte nichts von modernen Zins 
burgen; es war der einstige Sitz der Grundherren 
von Gumpendorf, der Grafen Mollard, und was 
spätere Besitzer daran verdorben haben mögen, das 
hat der feinsinnige Künstler beseitigt und durch die 
reizvollsten Dinge ersetzt, als er sein Heim dort auf- 
schlug. Im engen Flur standen alte geschnitzte Truhen, 
an den Wänden waren schöne, bejahrte Grabsteine 
längst verstorbener Geschlechter und die schmale 
Treppe führte zu Gemächern, die überfüllt waren von 
den kostbarsten Dingen, die eines Sammlers Herz 
höher schlagen machen können. 
Rechts von der Treppe war ein weites quadratisches 
Gemach, in dem hatte Amerling seine Freunde und 
seine schönsten Lebenserinnerungen — Porträts, eine 
Unzahl von Porträts, die alle ihre Geschichte haben 
und in jeder dieser Geschichten kommt Amerling vor. 
Da war Massimo d’Azeglio, der Patriot mit dem 
heißen, glühenden Herzen, da war der bedeutende 
Kopf Thorwaldsens, hier sah man Oelenschläger, 
Koch, Overbck. Der längst vergessene Dichter 
Stieglitz erschien hier im Bilde und jener schwedische 
Oberst, den ein unglücklicherweise glückliches Duell 
in die römische Künstleridylle geschleudert hatte, an 
ist als Vorwort zu dem Katalog der Amerling-Auktion ge 
schrieben, die vom 3. bis 6. Mai stattfindet. Brauchte Amer 
ling heute noch einen Fürsprecher, so hätte er sich wahrlich 
keinen besseren wählen können, als Friedrich Stern, den 
sehr geschätzten Wiener Kritiker, der die Glanzzeit der Wiener 
Malerei miterlebt und zu deren vornehmsten Repräsentanten 
er freundschaftliche Beziehungen unterhalten hat. 
welche Amerling diese Bilder alle mahnten. Auch 
Wiener Namen waren in manche Bilder mit dem 
Pinselstiel geritzt: fast alle haben wir sic gekannt.. 
Aber da sahen ihre Träger anders aus. als in diesen 
Bildern; als wir sie kannten, waren sic Greise und 
hier waren sie jung; die Leuchten des Burgtheaters 
der alten Zeit, die Dichter, die Künstler aus dem 
Vormärz, alle hat sie der Pinsel Amerlings festgehalten, 
oft nur mit wenigen kecken Strichen skizziert, einfach 
untermalt, nur einzelne in voller künstlerischer Durch 
führung. Vieles von all dem wird man jetzt in der 
Sammlung wiederfinden und überraschende Werke 
dazu, von denen der gelegentliche Besucher selten 
etwas zu sehen bekommen hat, wie die interessanten 
dekorativen Landschaftsbilder, vor allem die prächtige 
große Leinwand, die man als einen in die Halme ge 
schossenen Marko ansprechen möchte, die Porträt 
studien nach schönen Frauen, die Aktbilder, die feinen 
Kopien nach alten Meistern — dann die echten alten 
Niederländer. Und dann die Bronzen, die Fayencen 
und Majoliken, die Kuriosa aller Art und die herrlichen 
Kostümstücke und reichen Stoffe — sind es doch 
900 Nummern, die der Katalog aufzählt und ist nichts 
gleichgiltiges und wertloses darunter. 
In diesem Raume hat Amerling auch bis in seine, 
letzten Lebensjahre hinein gema.lt, hier hat er seine 
Schülerinnen arbeiten lassen, deren er gerne noch 
annahm und die gerne dem Altmeister noch etwas 
von seiner Kunst abgucken wollten. Die Erholung 
nach der Arbeit an der Staffelet bot ihm — das Billard, 
das oben auf dem Speicher stand, oder seine liebe, 
treue Orgel, der er so geheimnisvoll schöne Klänge 
zu entlocken verstand. Der Alte wußte wohl, wie gut 
es ihm ließ, wenn die Sonnenstrahlen, durch farbige 
Glasscheiben brechend, sein weißes Haupt umwoben, 
wenn er, wie verzückt, am Organon spielend saß. 
Natürlich im Samtrock, von dem ließ er nicht . . . 
Als er hochbetagt aus diesem Idyll schied, schloß 
ein erfolgreiches Leben, das mit schweren Kämpfen 
gegen Armut und Not begonnen hatte. Der Vater war 
Golddra.htzieher und Friedrich der älteste von 14 Ge 
schwistern. Die zwei Stuben — eine davon Werkstatt 
in der heutigen Stiftgasse, welche die vielköpfige 
Familie beherbergten, sahen viel stille und ver 
schwiegene Not, die aber der nach außen hin streng 
gewahrten Respektabilität der Familie nichts anhahen 
konnte. Als Kind schon bewies Amerling ein großes 
Zeichentalent, als er aber mit 13 Jahren an die Aka 
demie nach St. Anna kam, hatte die Sache doch nicht 
lange Bestand. Farben, Leinwand, Papier, das alles 
kostete Geld und der hoffnungsvolle Kunstjünger 
konnte da nicht mit. Betrübten Herzens wanderte er 
zu einem Zimmermaler in. die Lehre und lebte alle 
Lehrlingsleiden durch, die ihm sein tief unter ihm 
stehender Meister bereiten konnte. Da kam es denn 
auch nach nicht zu langer Zeit zu einer Katastrophe. 
Nach einem ausgiebigen Schopfbeutler schrieb unser 
Lehrbub an eine frisch grundierte, der Patrone harrende 
Wand den anspruchslosen Vers: 
Mit diesem dummen Zimmermalen 
Kann sich der Meister selber prahlen, 
und ging dann auf Nimmerwiedersehen. So kam es, 
daß Friedrich Amerling niemals ein Zimmermaler- 
meister wurde. 
Jetzt begann eine Zeit der wilden Kunstübungen. 
— Amerling malte Porträts, das Stück zu zwei Gulden, 
Fhrblätter, Ladenschilder, er illuminierte für Trent- 
senski, gab Unterricht im Gitarrespiel, das er selbst 
als Autodidakt erlernt hatte, kurz, er griff nach allem, 
was ihm den Lebensunterhalt bringen konnte. Und 
als er so zwanzig Jahre alt geworden war, sah er,
	        
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