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Nr. 19
Internationale Sammler-Zeitung
sächlichsten Fundgebiet der ersten Kiugsammler ent
nommene Name „Gres flamand“ mußte unterschiedslos
alle Erzeugnisse der verschollenen Betriebsorte decken.
Hierin schufen erst am Anfang der siebziger Jahre die
Forschungen des Kölner Kaplans Dornbusch gründ
lichen Wandel, der die alten Töpferplätze Siegburg,
Frechen und Raeren sozusagen von neuem entdeckte.
Nach seinem Beispiel oder auf seine Anregung be
gannen die beutereichen Ausgrabungen in den Brüch-
lingslagern und Scherbengruben dieser Orte, die nicht
nur der historischen Erkenntnis eine sichere Grundlage
schufen, sondern auch dem Sammeleifer einen mäch
tigen Anstoß gaben.
Überall, wo Museen und Kunstfreunde die Schätze
des alten Kunstgewerbes wieder zu heben und zu
vereinigen strebten, wurden nun auch die Steinzeug
krüge begehrt und heiß umworben, um so mehr, als
sie dem der deutschen und niederländischen Renaissance
zugeneigten Zeitgeschmack, von 1870 bis 1890 unge
fähr, am vollkommensten entsprachen. In ihren kraft
voll geschwungenen Umrissen, den klar gegliederten
Formen und dem bilderreichen Reliefschmuck hat sich
die Renaissance des Nordens eindrucksvoll verkörpert.
Seit die rheinische Heimat des Steinzeugs der Renais
sance festgestellt war, wurde Köln wieder ein Mittel
punkt des Krughandels, der es schon im 16. und 17.
Jahrhundert gewesen war. Wie damals die Erzeugnisse
von Raeren, Frechen, Siegburg, Höhr und Grenz-
hausen von Köln aus auf den Rheinschiffen nach den
Niederlanden und England, nach Hamburg und Skan
dinavien verfrachtet wurden, so haben die meisten in
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen
Steinzeugsammlungen aus dem Kölner Kunsthandel
geschöpft, und viele von ihnen, wie die Sammlungen
■Garthe und von Minutoli, Disch, von Parpart,
Fig. i.
Großer Flachkrug, Raeren.
Paul Meurer, Hartei, Gedon, Eugen Felix, The-
walt u. a., sind auch in Köln wieder durch Versteige
rung aufgelöst worden. Es ist kaum ein ansehnliches
Stück Steinzeug durch die Kunsthandlung der Ge
brüder Bourgeois in Köln, die den Krughandel als
ihre Spezialität pflegten, gegangen, das nicht zuerst
Fig. 2.
Wappenscheibe, Süddeutschland, Mitte 16. Jahrh.
dem Baron A. von Oppenheim, als dem stärksten
Kunstsammler Westdeutschlands, vorgelegt worden
wäre. Diese günstige Lage hat A. von Oppenheim voll
auf auszunützen verstanden, immer darauf bedacht,
als vorsichtiger und kluger Kenner nur durch die
gewählteste Qualität, nicht durch die Menge, seine
Sammlung zu vervollständigen und zu verbessern.
So ist diese keramische Sammlung im Laufe eines
Menschenalters zustande gekommen als eine Auslese
des Besten, was damals an Werken des rheinischen
und fränkischen Steinzeugs auf den Kunstmarkt ge
bracht wurde.
ln einem eichengetäfelten Saal des alten Patrizier
hauses in der Glockengasse, das noch seinen ursprüng
lichen Kapellenerker mit den frühgotischen Glas-
gemäldcn bewahrt hatte, übersichtlich und wirkungs
voll aufgestellt, war die Krugsammlung ebenso wie die
Bildergalerie von Oppenheim eine Sehenswürdigkeit
der Stadt Köln, von allen Freunden der Keramik
aufgesucht und vom Besitzer mit allezeit bereitem
Entgegenkommen der Besichtigung und dem einge
henden Studium offen gehalten. Für alle, die an der
Geschichte der zisalpinen Renaissancekeramik mitge
arbeitet haben, ist die Sammlung von Oppenheim ein
unentbehrliches und aufschlußreiches Studienmaterial
gewesen. Sie wurde zuerst 1889 von A. Pabst auf
52 Lichtdrucktafeln (Die keramische Sammlung des
Freiherrn A. von Oppenheim in Köln) nebst ihren
Annexen, den prachtvollen Hafnerkrügen aus Nürn
berg und den Ofenmodellen, veröffentlicht, dann von
Emile Molinier in dem großen Prachtkatalog „Col
lection du Baron Albert Oppenheim, Paris 1904“
beschrieben. Auch M. L. Solon hat in seinem schönen