MAK
Seite 164 
Internationale Sammler Zeitung 
Nr. 20 
Edgar Degas und der Kunstmarkt. 
Edgar Degas, der eben hochbetagt in Paris 
gestorben ist, war ausschließlich der große Maler der 
Privatmenschen.,,Wärennicht‘‘, schreibtLotharBr 1 eger 
in der „Voss. Ztg.“, „mit der“Sammlung Camonde— 
man möchte sagen rein zufällig — zwanzig Degas |n 
den Louvre gekommen, der . Franzose der kommenden 
Generation hätte in Frankreich keine Stelle, Degas gründ 
lich zu studieren. So fremd blieb trotz des großen Namens 
der Maler seinem zu lautem Pathos neigenden Volke. 
Auch der deutsche Kunstmarkt wird in Zukunft 
einmal stark das Manko empfinden, sich für Degas 
nicht rechtzeitig stark genug interessiert zu habeü. 
Eduard Arnhold hat seine prachtvoll charakteristische 
„Tanzstunde der Balletteusen“; Liebermanns spü 
render Scharfsinn — seine Sammlung wird einmal, 
öffentlicher geworden, kein schlechter Beitrag zur 
Psychologie seiner Kunst sein — trat mit seiner ersten 
literarischen Arbeit grade Degas näher, wir finden 
auch Degas in der Berliner Sammlung Gel stenberg. 
Aber viel mehr ist nicht da. Als wir uns, etwas schwer 
fällig, für Degas zu interessieren begannen, da war er 
bereits in „festen Händen“. Diese festen Hände, in 
denen Degas sich früh befand, waren amerikanische. 
Unsere deutsche moderne Kunst ist ja in Amerika 
nicht besonders geschätzt. Wir haben mit tiefer Scham 
bei der Auktion Reißiger im damals noch neutralen 
Fig. 4. Joos van Craesbceck, Dambrettspieler. 
Amerika Meisterwerke unserer neuen Kunst zu geradezu 
kindlichen Preisen kaum oder keine Käufer finden 
sehen. Es liegt nicht an der Kunst. Es liegt an unseren 
ja nicht überragenden diplomatischen Fähigkeiten, 
daß unsere nationale Kunst so wenig Auslandsgeltung 
hat. Aber es ist ein gewisser Trost, daß es der ge 
wandten französischen Kunst kaum anders geht. 
Weder Monet, noch Pissaro, weder Signac noch 
Renoir können in Amerika festen Fuß fassen, sie 
weiden nicht bessei bezahlt als wir. Für den Ameri 
kaner hört die französische Kunst als Marktwert bei 
Corot auf und beginnt' erst wieder bei Cezanne. 
Nur einer hat darin von Anbeginn eine erstaunliche 
Ausnahme gemacht: Edgar Degas. Ihn haben die 
Amerikaner sofort bezahlt wie einen alten Meister, 
sie trieben seine Preise in unerschwingliche Höhen, 
er konnte das alles ruhig ihnen überlassen, war für sie 
gewissermaßen „der“ französische moderne Maler. 
Eine Amerikanerin hat auf der Versteigerung Rouart 
für die „Danseuses ä la barre" Fr 435.000 bezahlt. 
des verstorbenen Pope Sammlung enthielt die schönsten 
Werke von Degas, dieser ganze amerikanische Freundes 
kreis, die Pope, die Wittmore, die Payne, machten 
sich leidenschaftlich jedes neue Werk von Degas zu 
Phantasiepreisen streitig, und bei Havemeyer ent 
hält ein eigenes „goldenes Zimmer“ nichts anderes 
als 20 Arbeiten von Degas. So wurde Degas der wohl 
einzige europäische Maler, bei dem die amerikanischen 
Sammler die europäische Konkurrenz von Anbeginn 
durch Überbieten ausschlosscn, und es ist nicht wahr 
scheinlich, daß aus seinem Nachlaß, bei der exklusiven 
Marktstellung, die er ein nahm., noch genügend zum 
Vorschein kommen wird, um das auch nur einiger 
maßen wieder wett zu machen. 
Das ist schlimm für Europa und besonders für 
Frankreich. Es ist nicht anders, als wenn unsere besten 
Meister in Amerika hingen und jeder deutsche Kunst 
historiker in Zukunft neben seiner üblichen italienischen 
auch erst seine amerikanische Reise machen müßte, 
um mitreden zu können.“
	        
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