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Internationale Sammler Zeitung
Nr. 20
Edgar Degas und der Kunstmarkt.
Edgar Degas, der eben hochbetagt in Paris
gestorben ist, war ausschließlich der große Maler der
Privatmenschen.,,Wärennicht‘‘, schreibtLotharBr 1 eger
in der „Voss. Ztg.“, „mit der“Sammlung Camonde—
man möchte sagen rein zufällig — zwanzig Degas |n
den Louvre gekommen, der . Franzose der kommenden
Generation hätte in Frankreich keine Stelle, Degas gründ
lich zu studieren. So fremd blieb trotz des großen Namens
der Maler seinem zu lautem Pathos neigenden Volke.
Auch der deutsche Kunstmarkt wird in Zukunft
einmal stark das Manko empfinden, sich für Degas
nicht rechtzeitig stark genug interessiert zu habeü.
Eduard Arnhold hat seine prachtvoll charakteristische
„Tanzstunde der Balletteusen“; Liebermanns spü
render Scharfsinn — seine Sammlung wird einmal,
öffentlicher geworden, kein schlechter Beitrag zur
Psychologie seiner Kunst sein — trat mit seiner ersten
literarischen Arbeit grade Degas näher, wir finden
auch Degas in der Berliner Sammlung Gel stenberg.
Aber viel mehr ist nicht da. Als wir uns, etwas schwer
fällig, für Degas zu interessieren begannen, da war er
bereits in „festen Händen“. Diese festen Hände, in
denen Degas sich früh befand, waren amerikanische.
Unsere deutsche moderne Kunst ist ja in Amerika
nicht besonders geschätzt. Wir haben mit tiefer Scham
bei der Auktion Reißiger im damals noch neutralen
Fig. 4. Joos van Craesbceck, Dambrettspieler.
Amerika Meisterwerke unserer neuen Kunst zu geradezu
kindlichen Preisen kaum oder keine Käufer finden
sehen. Es liegt nicht an der Kunst. Es liegt an unseren
ja nicht überragenden diplomatischen Fähigkeiten,
daß unsere nationale Kunst so wenig Auslandsgeltung
hat. Aber es ist ein gewisser Trost, daß es der ge
wandten französischen Kunst kaum anders geht.
Weder Monet, noch Pissaro, weder Signac noch
Renoir können in Amerika festen Fuß fassen, sie
weiden nicht bessei bezahlt als wir. Für den Ameri
kaner hört die französische Kunst als Marktwert bei
Corot auf und beginnt' erst wieder bei Cezanne.
Nur einer hat darin von Anbeginn eine erstaunliche
Ausnahme gemacht: Edgar Degas. Ihn haben die
Amerikaner sofort bezahlt wie einen alten Meister,
sie trieben seine Preise in unerschwingliche Höhen,
er konnte das alles ruhig ihnen überlassen, war für sie
gewissermaßen „der“ französische moderne Maler.
Eine Amerikanerin hat auf der Versteigerung Rouart
für die „Danseuses ä la barre" Fr 435.000 bezahlt.
des verstorbenen Pope Sammlung enthielt die schönsten
Werke von Degas, dieser ganze amerikanische Freundes
kreis, die Pope, die Wittmore, die Payne, machten
sich leidenschaftlich jedes neue Werk von Degas zu
Phantasiepreisen streitig, und bei Havemeyer ent
hält ein eigenes „goldenes Zimmer“ nichts anderes
als 20 Arbeiten von Degas. So wurde Degas der wohl
einzige europäische Maler, bei dem die amerikanischen
Sammler die europäische Konkurrenz von Anbeginn
durch Überbieten ausschlosscn, und es ist nicht wahr
scheinlich, daß aus seinem Nachlaß, bei der exklusiven
Marktstellung, die er ein nahm., noch genügend zum
Vorschein kommen wird, um das auch nur einiger
maßen wieder wett zu machen.
Das ist schlimm für Europa und besonders für
Frankreich. Es ist nicht anders, als wenn unsere besten
Meister in Amerika hingen und jeder deutsche Kunst
historiker in Zukunft neben seiner üblichen italienischen
auch erst seine amerikanische Reise machen müßte,
um mitreden zu können.“