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Internationale Sammler-Leitung
Nr. 3
Beiträge zur Geschichte berühmter Sammler.
I.
Karl von Holtei.
Karl von Holtei hat seinen unbestrittenen Platz
in der deutschen Literaturgeschichte. Jeder kennt
meinen Namen als den Dichter vieler, vieler Theaterstücke,
die freilich mit Ausnahme eines einzigen —
„Lorbeerbaum und Bettelstab“ — längst in verstaubten
Theaterarchiven schlummern, als den Autor
zahlreicher Romane und Erzählungen, die aber selbst
in den reichst ausgestatteten Leihbibliotheken kaum
mehr gesucht werden, schließlich als den Verfasser
der „Vierzig Jahre“, einer Autobiographie, die zu
den glänzendsten Werken dieser Art zählt und doch
auch nur von seltenen Gourmands noch genossen und
geschätzt wird. Wer kennt aber Holtei als Sammler ?
Ich glaube kaum, daß selbst unter den Sammlern
berühmter — Sammlernamen der Name Karl von
Holteis zu einer besonderen Popularität gelangt ist.
Und doch verdiente er auch als solcher einer besseren
Würdigung als sie ihm bisher zuteil geworden ist. Denn
nicht nur, was er sammelte, hatte einen wesentlichen
und die Flucht der Zeit überdauernden Wert, sondern
auch die ungemein interessante Art, in der Holtei
selbst die Geschichte seiner — plötzlich. entstandenen
Sammlerleidenschaft beschrieb, sollte der Vergessenheit
entrissen werden, die erbarmungslos so viel Köstliches
und Wertvolles verschlingt. Daß das Kapitel von
Holt ei als Sammler überhaupt niemals so recht bekannt
gewesen, mag damit Zusammenhängen, daß es seinen
Platz nicht in der sechsbändigen, im Jahre 1845 erschienenen,
Autobiographie Holteis erhalten hat, die
allein den legitimen Titel „Vierzig Jahre“ trägt,
sondern erst in den zwei Nachtragsbänden, die fünf
Jahre später das Licht der Welt erblickten und die
auch bei ihrem Erscheinen nicht jene Aufmerksamkeit
erregten, wie die vorangegangenen Bände, mit denen
das Werk ursprünglich seinen Abschluß gefunden
hatte.
Die Sammlerleidenschaft war, wie Holtei selbst
schreibt, „plötzlich“ über ihn gekommen, wie dies
auch manche andere, allerdings nicht auf antike Dinge
sich erstreckende Leidenschaft zu tun pflegt. Holtei —
der nie lange rastende Wandervogel, lebte damals
in Graz, das allerdings in seiner Schreibweise noch
Gräz heißt — erzählt: „In der letzten Hälfte des
Oktober 1849 fiel ein neues Moment meines alten
Lebens: eine wenn auch nur ruckweise wirkende,
doch für den Augenblick mächtige Auffrischung meines
bereits ziemlich apathisch gewordenen Wünschcns und
Strcbens; um es mit zwei Worten zu sagen: es kam
über mich kurz vor der Abreise nach Hamburg die
Leidenschaft, die Manie, die Wut, die Raserei
des — Sammlers.“
Aber man glaube ja nicht, daß Holtei mit diesen
Worten eine geringschätzige Kritik über diese Leidenschaft
fällen wollte. Nein, er sagt es geradezu heraus,
daß von allen Arten und Gattungen des unter Menschen
gangbaren Wahnsinns ihm diese als die,,beseligendste“
erscheint, wofern sie nicht über die Grenzen unserer
Situation hinaus, das Unerreichbare erreichen will.
Holtei wollte nicht das „Unerreichbare“. Der unsäglich
fleißige und unerschöpflich produktive Dichter,
der als Franzose oder Engländer es zu großen Reichtümern
gebracht hätte, kannte zeitlebens nur ziemlich
beengte Geldverhältnisse, die häufig, allzuhäufig sogar
durch die bitterste, drückende finanzielle Misere unterbrochen
wurden. Als Münzen- und Medaillensammler,
das heißt, als einer der gerne Münzen und Medaillen
sammelt, hätte Holtei, wie er selbst mit wehmütigem
Humor gesteht, sich sehr unglücklich nennen müssen,
denn es fehlte ihm Gold und Silber und wohl auch
anderes hiezu geeignetes Metall, um dagegen Goldund
Silbermedaillen einzutauschen. Er wurde aber ein
Sammler von Dingen, „die er durch Fleiß, Sorgfalt,
Umsicht, Opfer und Unterstützung anderer“ zu gewinnen
vermochte. Holtei fühlte die höchste Befriedigung,
wenn sein Eifer mit Erfolg gekrönt wurde und
lächelte mitleidig, sobald, was ihm öfter widerfuhr,
Freunde liebevoll ein wenig „verrückt“ schalten.
Aber Holtei wurde, so kurios dies auch klingen mag,
ein Sammler durch — Übertragung dieser Leidenschaft.
Und das kam so: Sein Schwiegersohn, für den er
die höchste Liebe empfand, gestand ihm bei einer
Gelegenheit, daß es für ihn einen unendlichen Reiz
habe, Handschriften, insbesondere Briefe hervorragender
Persönlichkeiten zu sammeln und er knüpfte daran
die Bitte, der Schwiegervater möge ihn doch, falls er
solche Schätze besäße, damit beglücken. Schmerzlich
bereute Holtei, daß er bisher sorglos und leichtsinnig
die Schätze, die er in diesem Bereich besessen, verschleudert,
daß er alles an fremde Sammler verschenkt,
womit er jetzt, dem seinen Herzen so Teueren erfreuen
könnte. Sein zweiter Gedanke aber war, daß es noch
Zeit sei, das verlorene wieder zu gewinnen und es ihm
noch gelingen müsse, seiner Familie, der er ohnehin
nichts anderes als Papiere w r erde hinterlassen — auch
eine Autographensammlung zu vereiben, die wenigstens
im Gebiete der schönen Literatur und Wissenschaft
etwas bedeuten werde. Holtei glaubte für seinen Eidam
zu sammeln, aber che er es noch gedacht, w r ar er selbst
vom Sammlerfieber ergriffen, „cs hätte nicht heftiger
sein können, wäre ich für eigene Rechnung der Kranke
gewiesen.“
Von diesem Fieber geschüttelt, erreichte Holtei
Wien, nichts anderes im Sinn als Handschriften!
Wien erwies sich als ein glänzender Boden für Holtei.
Amalie Haizinger, die geniale Künstlerin, öffnete
dem alten geschätzten Freund und einstigen Kollegen
zuliebe mit generöser Freigebigkeit ihre Mappe und
spendete mit vollen Händen: Handschriften von
Staatsmännern, Gelehrten, Dichtern und Künstlern.
Darunter lange, eigenhändige Briefe von Nikolo Paganini
und Benjamin Constant. In Berlin, wo Holtei
viele ihm herzlich zugetane Freunde und Freundinnen
zählte, trug er eine reiche Ernte opferbereiter Großmut
davon. Gubitz, der Herausgeber des damals vielgelesenen
„Gesellschafter", Willibald Alexis, Frau
Birch-Pfeiffer beglückten ihn mit köstlichen Manuskripten.
Jos eff y, der Erbe und Besitzer der Haude-Spenerschen
Buchhandlung, einer der ältesten und
intimsten Freunde Holteis, zögerte nicht, ihm Autographen
zu liefern von: Kant, Klopstock, Lichtenberg,
Wieland, Johannes Müller, Georg Förster,
Chodowietzky, Iffland u. a. Je größer der Reichtum,
um so größer wurde die Habsucht bekennt Holtei
und um diese zu befriedigen, hatte er ein einfaches
aber erfolgreiches Mittel: er schiieb selbst Briefe
überallhin und empfing von überall nicht nur Antworten,
sondern auch Sammlungen für seine Sammlung.
Er schrieb u. a. auch an den großen englischen Schriftsteller
Charles Dickens. Da er selbst nicht der eng*