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MAK

Full text : Jahrgang 9 (1917) (3)

Seite  24

Internationale  Sammler-Leitung

Nr.  3

Beiträge  zur  Geschichte  berühmter  Sammler.
I.
Karl  von  Holtei.

Karl  von  Holtei  hat  seinen  unbestrittenen  Platz
in  der  deutschen  Literaturgeschichte.  Jeder  kennt
meinen  Namen  als  den  Dichter  vieler,  vieler  Theaterstücke, ­
  die  freilich  mit  Ausnahme  eines  einzigen  —
„Lorbeerbaum  und  Bettelstab“  —  längst  in  verstaubten ­
  Theaterarchiven  schlummern,  als  den  Autor
zahlreicher  Romane  und  Erzählungen,  die  aber  selbst
in  den  reichst  ausgestatteten  Leihbibliotheken  kaum
mehr  gesucht  werden,  schließlich  als  den  Verfasser
der  „Vierzig  Jahre“,  einer  Autobiographie,  die  zu
den  glänzendsten  Werken  dieser  Art  zählt  und  doch
auch  nur  von  seltenen  Gourmands  noch  genossen  und
geschätzt  wird.  Wer  kennt  aber  Holtei  als  Sammler  ?
Ich  glaube  kaum,  daß  selbst  unter  den  Sammlern
berühmter  —  Sammlernamen  der  Name  Karl  von
Holteis  zu  einer  besonderen  Popularität  gelangt  ist.
Und  doch  verdiente  er  auch  als  solcher  einer  besseren
Würdigung  als  sie  ihm  bisher  zuteil  geworden  ist.  Denn
nicht  nur,  was  er  sammelte,  hatte  einen  wesentlichen
und  die  Flucht  der  Zeit  überdauernden  Wert,  sondern
auch  die  ungemein  interessante  Art,  in  der  Holtei
selbst  die  Geschichte  seiner  —  plötzlich.  entstandenen
Sammlerleidenschaft  beschrieb,  sollte  der  Vergessenheit
entrissen  werden,  die  erbarmungslos  so  viel  Köstliches
und  Wertvolles  verschlingt.  Daß  das  Kapitel  von
Holt  ei  als  Sammler  überhaupt  niemals  so  recht  bekannt
gewesen,  mag  damit  Zusammenhängen,  daß  es  seinen
Platz  nicht  in  der  sechsbändigen,  im  Jahre  1845  erschienenen, ­
  Autobiographie  Holteis  erhalten  hat,  die
allein  den  legitimen  Titel  „Vierzig  Jahre“  trägt,
sondern  erst  in  den  zwei  Nachtragsbänden,  die  fünf
Jahre  später  das  Licht  der  Welt  erblickten  und  die
auch  bei  ihrem  Erscheinen  nicht  jene  Aufmerksamkeit
erregten,  wie  die  vorangegangenen  Bände,  mit  denen
das  Werk  ursprünglich  seinen  Abschluß  gefunden
hatte.
Die  Sammlerleidenschaft  war,  wie  Holtei  selbst
schreibt,  „plötzlich“  über  ihn  gekommen,  wie  dies
auch  manche  andere,  allerdings  nicht  auf  antike  Dinge
sich  erstreckende  Leidenschaft  zu  tun  pflegt.  Holtei  —
der  nie  lange  rastende  Wandervogel,  lebte  damals
in  Graz,  das  allerdings  in  seiner  Schreibweise  noch
Gräz  heißt  —  erzählt:  „In  der  letzten  Hälfte  des
Oktober  1849  fiel  ein  neues  Moment  meines  alten
Lebens:  eine  wenn  auch  nur  ruckweise  wirkende,
doch  für  den  Augenblick  mächtige  Auffrischung  meines
bereits  ziemlich  apathisch  gewordenen  Wünschcns  und
Strcbens;  um  es  mit  zwei  Worten  zu  sagen:  es  kam
über  mich  kurz  vor  der  Abreise  nach  Hamburg  die
Leidenschaft,  die  Manie,  die  Wut,  die  Raserei
des  —  Sammlers.“
Aber  man  glaube  ja  nicht,  daß  Holtei  mit  diesen
Worten  eine  geringschätzige  Kritik  über  diese  Leidenschaft ­
  fällen  wollte.  Nein,  er  sagt  es  geradezu  heraus,
daß  von  allen  Arten  und  Gattungen  des  unter  Menschen
gangbaren  Wahnsinns  ihm  diese  als  die,,beseligendste“
erscheint,  wofern  sie  nicht  über  die  Grenzen  unserer
Situation  hinaus,  das  Unerreichbare  erreichen  will.
Holtei  wollte  nicht  das  „Unerreichbare“.  Der  unsäglich ­
  fleißige  und  unerschöpflich  produktive  Dichter,
der  als  Franzose  oder  Engländer  es  zu  großen  Reichtümern
  gebracht  hätte,  kannte  zeitlebens  nur  ziemlich
beengte  Geldverhältnisse,  die  häufig,  allzuhäufig  sogar
durch  die  bitterste,  drückende  finanzielle  Misere  unterbrochen ­
  wurden.  Als  Münzen-  und  Medaillensammler,

das  heißt,  als  einer  der  gerne  Münzen  und  Medaillen
sammelt,  hätte  Holtei,  wie  er  selbst  mit  wehmütigem
Humor  gesteht,  sich  sehr  unglücklich  nennen  müssen,
denn  es  fehlte  ihm  Gold  und  Silber  und  wohl  auch
anderes  hiezu  geeignetes  Metall,  um  dagegen  Goldund
  Silbermedaillen  einzutauschen.  Er  wurde  aber  ein
Sammler  von  Dingen,  „die  er  durch  Fleiß,  Sorgfalt,
Umsicht,  Opfer  und  Unterstützung  anderer“  zu  gewinnen ­
  vermochte.  Holtei  fühlte  die  höchste  Befriedigung, ­
  wenn  sein  Eifer  mit  Erfolg  gekrönt  wurde  und
lächelte  mitleidig,  sobald,  was  ihm  öfter  widerfuhr,
Freunde  liebevoll  ein  wenig  „verrückt“  schalten.
Aber  Holtei  wurde,  so  kurios  dies  auch  klingen  mag,
ein  Sammler  durch  —  Übertragung  dieser  Leidenschaft. ­

Und  das  kam  so:  Sein  Schwiegersohn,  für  den  er
die  höchste  Liebe  empfand,  gestand  ihm  bei  einer
Gelegenheit,  daß  es  für  ihn  einen  unendlichen  Reiz
habe,  Handschriften,  insbesondere  Briefe  hervorragender
Persönlichkeiten  zu  sammeln  und  er  knüpfte  daran
die  Bitte,  der  Schwiegervater  möge  ihn  doch,  falls  er
solche  Schätze  besäße,  damit  beglücken.  Schmerzlich
bereute  Holtei,  daß  er  bisher  sorglos  und  leichtsinnig
die  Schätze,  die  er  in  diesem  Bereich  besessen,  verschleudert, ­
  daß  er  alles  an  fremde  Sammler  verschenkt,
womit  er  jetzt,  dem  seinen  Herzen  so  Teueren  erfreuen
könnte.  Sein  zweiter  Gedanke  aber  war,  daß  es  noch
Zeit  sei,  das  verlorene  wieder  zu  gewinnen  und  es  ihm
noch  gelingen  müsse,  seiner  Familie,  der  er  ohnehin
nichts  anderes  als  Papiere  w r erde  hinterlassen  —  auch
eine  Autographensammlung  zu  vereiben,  die  wenigstens
im  Gebiete  der  schönen  Literatur  und  Wissenschaft
etwas  bedeuten  werde.  Holtei  glaubte  für  seinen  Eidam
zu  sammeln,  aber  che  er  es  noch  gedacht,  w r ar  er  selbst
vom  Sammlerfieber  ergriffen,  „cs  hätte  nicht  heftiger
sein  können,  wäre  ich  für  eigene  Rechnung  der  Kranke
gewiesen.“
Von  diesem  Fieber  geschüttelt,  erreichte  Holtei
Wien,  nichts  anderes  im  Sinn  als  Handschriften!
Wien  erwies  sich  als  ein  glänzender  Boden  für  Holtei.
Amalie  Haizinger,  die  geniale  Künstlerin,  öffnete
dem  alten  geschätzten  Freund  und  einstigen  Kollegen
zuliebe  mit  generöser  Freigebigkeit  ihre  Mappe  und
spendete  mit  vollen  Händen:  Handschriften  von
Staatsmännern,  Gelehrten,  Dichtern  und  Künstlern.
Darunter  lange,  eigenhändige  Briefe  von  Nikolo  Paganini
  und  Benjamin  Constant.  In  Berlin,  wo  Holtei
viele  ihm  herzlich  zugetane  Freunde  und  Freundinnen
zählte,  trug  er  eine  reiche  Ernte  opferbereiter  Großmut
davon.  Gubitz,  der  Herausgeber  des  damals  vielgelesenen ­
  „Gesellschafter",  Willibald  Alexis,  Frau
Birch-Pfeiffer  beglückten  ihn  mit  köstlichen  Manuskripten. ­
  Jos  eff  y,  der  Erbe  und  Besitzer  der  Haude-Spenerschen
  Buchhandlung,  einer  der  ältesten  und
intimsten  Freunde  Holteis,  zögerte  nicht,  ihm  Autographen ­
  zu  liefern  von:  Kant,  Klopstock,  Lichtenberg, ­
  Wieland,  Johannes  Müller,  Georg  Förster,
Chodowietzky,  Iffland  u.  a.  Je  größer  der  Reichtum, ­
  um  so  größer  wurde  die  Habsucht  bekennt  Holtei
und  um  diese  zu  befriedigen,  hatte  er  ein  einfaches
aber  erfolgreiches  Mittel:  er  schiieb  selbst  Briefe
überallhin  und  empfing  von  überall  nicht  nur  Antworten, ­
  sondern  auch  Sammlungen  für  seine  Sammlung.
Er  schrieb  u.  a.  auch  an  den  großen  englischen  Schriftsteller ­
  Charles  Dickens.  Da  er  selbst  nicht  der  eng*
            
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