Nr. 3
Internationale Sammler- Zeitung
Seite 25
lischen Sprache mächtig war, ließ er den Brief von
einer Freundin in London übersetzen, deren Gatte
beförderte ihn und Dickens beantwortete ihn mit
einem ungemein liebenswürdigen, herzlichen Schreiben.
Aus dem langen Namensregister, das Holtei mit weh
mütigem Dankgefühl vor uns entrollt, seien hier nur
jene Namen hervorgehoben, deren Glanz noch nicht
verblichen: Gustav Schwab, Gustav Frey tag, Gräfin
Ida Hahn-Hahn, Adolf Glasbrenner, Theodor
Mundt, Karl Simrok und Emanuel Geibel. „Alle
sendeten, gaben, tauschten, erfreuten“.
Nur einer einzigen, traurigen Erfahrung unter
den vielen freudigen gedenkt Holtei und da sie nicht
der Pikanterie entbehrt, sei ihrer auch hier gedacht.
Im Jahre 1827 hatte Holtei bei seinem Aufenthalte
in Paris freundschaftlich mit Meyerbeer verkehrt
und diesem — für zwei seiner Freunde, die leiden
schaftliche Sammler waren — gutherzig eine ganze
Kollektion interessanter Autographen, darunter auch
reizende, humoristische Briefe von C. M. von Weber —
geschenkt. Jetzt wollte Holtei Revanche. Er schrieb
an Meyerbeer, erinnerte ihn an seine moralische Ver
pflichtung und bat ihn zum Ersätze um Handschriften
französischer Zclcbritäten, die zu verschaffen ihm
doch nicht schwer fallen könnte. Meyerbeer schwieg;
auf wiederholtes Drängen sendete er endlich ein ent
schuldigendes Schreiben mit mystischen Versprechungen
und selbst dieses Antwortschreiben war nicht von
seiner Hand!
Holtei schließt das Kapitel, das von seiner. Sammler
leidenschaft handelt mit einem humoristisch gehaltenen,
aber ganz ernsthaft gemeinten Appell an seine Leser,
sie mögen, wenn sie den Verfasser und sein Buch nur
ein wenig lieb gewonnen, doch dieses Gefühl dadurch
dokumentieren, daß sie gelegentlich zur Vermehrung
seiner Sammlung etwas beisteuern. Er verspricht ihnen
dafür nicht nur dankbare Erinnerung, sondern er will
sie mit der Aussicht auf — literarische Ehren ködern.
Holtei erklärt nämlich, er trage sich mit der Absicht,
die interessantesten Auszüge der von ihm gesammelten
Briefe in einem Buche zu veröffentlichen „dabei
wird dann auch natürlich der dankbaren Geber ge
dacht“, die auf diese Weise mit auf die Nachwelt
kommen. . .
Holtei hat in der Tat später eine Sammlung von
300 Briefen berühmter Personen drucken lassen. Aber
die Autographensammlung selbst ist, wenn wir nicht
irren, nicht in den Besitz seiner Erben gelangt; Holtei
scheint, durch die Verhältnisse gezwungen, sie verkauft
zu haben. Catull.
Chronik.
Autographeil,
(Ein wichtiger Körner-Fund.) ist, wie uns aus Dresden
gemeldet wird, dem Direktor der Dresdner städtischen Samm
lung, Professor Minde-Pouet in Warschau geglückt. Er
fand in verschiedenen kleinen Antiquariaten zwanzig Briefe
Christian Gottfried Körners, des Vaters des Dichters, darunter
Briefe an seinen Sohn Theodor, sieben Briefe an Schiller, drei
Briefe an den Berliner Verleger Parthey usw. Es ist gelungen,
diesen wichtigen Fund für die Dresdner Sammlung zu er
werben.
Bibliophilie.
(Versteigerung der Bibliothek Heymel.) Das Anti
quariat Paul Graupe in Berlin wird im Frühjahr die Biblio
thek Alfred Walter v. Heymeis versteigern. Die Bibliothek
ist reich an ersten Ausgaben unserer modernen Dichter und
Luxusdrucken.
(Brand in der Groninger Universitätsbiblio
thek.) Aus bisher noch unbekanntem Grunde brach in der
Bibliothek der Staatsuniversität Groningen Feuer aus-,
welchem mehrere wertvolle Werke und auch eine unersetz
liche Handschrift zum Opfer fielen. Die Groninger
Universitätsbibliothek gehört zu den inhaltsreichsten der
Welt und enthält eine große Anzahl alter Handschriften,
die Unica sind.
Bilder.
(Klingerd Kolosseum in Rom.) Die Kgl. Gemälde
galerie in Dresden hat Max Klingers Gemälde „Kolosseum
in Rom“ käuflich erworben. Das Bild war im vergangenen
Jahre auf der Leipziger Jahresausstellung zu sehen.
(Der konfiszierte „Correggio“.) Ein Leser schreibt
der „Voss. Ztg.“: Mein Vetter, im Nebenfach Kunsthistoriker,
fühi'te mich kürzlich, bei seinem letzten Urlaub, durch das
Kaiser-Friedrich-Museum und freute sich besonders darauf,
j mit mir Correggios „Jo" zu betrachten, die uns früher oft
■ entzückt hatte. Diesmal aber war die Freude umsonst — das
Kunstwerk war buchstäblich von der Bildfläche verschwunden.
Da gab uns ein Aufseher schließlich des Rätsels Lösung: das
Bild habe, so erklärte der Würdige, bei den Besuchern Anstoß
erregt, und daher habe die Museumsleitung es den Blicken des
Publikums entzogen. — Sollte man es für möglich halten, daß
es jetzt Leute gibt, die nichts Besseres zu tun haben, als unser
herrlichstes Museum als Sittlichkeitsfanatiker zu durch
schnüffeln, leider nicht zu ihrem Privatvergnügen, sondern mit
sehr merklichem Erfolge ? \ erwunderlich bleibt dabei nur,
einmal, daß man der ganz in der Nähe befindlichen Le da auch
weiterhin gestattet hat, ihr wollüstiges Spiel mit dem Schwan
zu teilen (oder hält man sie durch das Beisein der Gespielinnen
für entschuldigt?); zweitens, daß Interessenten am Eingänge
ungeniert eine Reproduktion des beanstandeten Bildes zum
Preise von M 1-— erstehen können.
Handschriften.
(Ein Manuskript Shakespeares gefunden.) Sir
Edward Maunde Thompson, früherer Direktor des British
Museum, teilt in einem vor kurzem erschienenen Buche,
„Shakespeares Handwriting“, mit, daß es ihm gelungen ist,
ein Fragment eines Stückes in Shakespeares eigener Hand
schrift festzustellen. Er hat diese Entdeckung im British
Museum selbst gemacht, ln der Harleianischen Handschriften
sammlung dieser Anstalt befinden sich unter der Nummer 7368
Teile eines Stückes, „Sir Thomas More“, von dem wenig
bedeutenden Dichter Anthony Munday, mit Zusätzen und
Veränderungen von fünf anderen Händen. Das Manuskript
selbst, das ungefähr zwischen 1598 und 1600 entstanden sein
mag, ist den Literarhistorikern nicht unbekannt und ist viermal,
einmal auch im Faksimile, gedruckt worden. Drei Seiten
darin, die Mores Auftreten und seine Ansprache an die auf
rührerischen Londoner Handwerksgesellen zum Inhalt haben,
sind in einer besonderen Handschrift geschrieben und schon