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MAK

Full text : Jahrgang 9 (1917) (7)

Internationale
$ammler-2ßifunf)
Zentralblatt  für  Sammler,  Liebhaber  und  Kunstfreunde.
Herausgeber:  Norbert  Ehrlich.
9.  Jahrgang.  Wien,  1.  April  1917.  Nr.  7.

Alte  Gebetbücher.
Kulturgeschichtliche  Plauderei  vom  Hofrate  A.  M.  Pachinger  (Linz),

Noch  vor  wenigen  Dezennien  spielte  ein  gutes  Gebetbuch ­
  in  schöner  Ausstattung  auch  in  der  Familie  des
Großstädters  eine  ganz  andere  Rolle  wie  heute.  Wer
da  seinem  Firmling  ein  hübsch  gebundenes  Gebetbuch
als  Andenken  schenkte,  hob  damit  eine  große  Ehre
auf.  Setzte  es  der  Handwerksbursche  auch  nicht  allzusehr ­
  in  Kontribution  auf  seiner  Wanderschaft,  fehlte
cs  doch  nie  im  Tornister  oder  Zwerchsack,  und  an
hohen  Feiertagen  hielt  man  es  nicht  ohne  Stolz  gelegentlich ­
  des  Kirchenganges  dem  Meister  unter  die  Nase.
Roch  man  aber  beim  Wandern,  an  einem  Pfarrhof
vorübergehend,  würzigen  Bratenduft  und  steuerte  dort
der  Küche  zu,  so  konnte  der  wie  zufällig  durch  eine
Lücke  schimmernde  Goldschnitt  des  Bändchens  Wunder
wirken,  nicht  nur  bei  der  Küchenregentin,  sondern
auch  beim  Pfarrherrn  selber.  Dies  wußten  übrigens
auch  die  Studentlein  und  ließen  diesen  Talisman
deshalb  bei  der  Ferienwanderung  gern  aus  der  Joppentasche ­
  lugen.  Wie  gravitätisch  trug  aber  erst  so  ein
Dirnlein  das  in  Samt  gebundene,  am  Ende  gar  mit
einer  glänzenden  Silberschließe  und  Eckbeschlägen
versehene  „Betbuch"  am  Sonntag  zur  Kirche.
Wie  so  vieles,  ist  auch  das  jetzt  anders  geworden. ­
  Die  Großstadtrange  nennt  einen  Paten,  der
nicht  mindestens  Uhr  und  Kette  spendiert,  einen
„Schrmitzian".  —■  Gebetbuch!  Der  liebe  Gott  soll  zu-  j
frieden  sein,  wenn  man  ein  paar  „Vaterunser"  hersagt,
na  und  die  kann  man  doch  noch  auswendig.
Das  Gebetbuch  dankt  seine  Entstehung  zweifellos
den  Klöstern,  die  im  vierten  Jahrhundert  vom  Oriente
her  rasch  Ausbreitung  und  Mehrung  im  Westen  fanden.
Die  schreibkundigen  Mönche  sammelten  einzelne  litur-  (
gische  Responsorien,  wählten  unter  den  Psalmen  Davids
das  ihnen  Passende,  namentlich  die  sieben  Bußpsalmen,
aus,  Schrieben  es  säuberlich  auf  Pergament,  fügten  noch
schöne  Miniaturmalereien,  Randleisten  und  Ornamente
sowie  einen  klosterüblichen  Einband  hiezu  und  schenkten
das  Ganze  irgend  einer  fürstlichen  Persönlichkeit,  einem
Wohltäter  des  Klosters  oder  einem  verehrten  Abte.
Hatte  die  ostchristliche  Kirche  ihre  prachtvollen
Evangelarien,  Missales,  Breviere  usw.,  so  folgte  die
westchristliche  erst  im  achten  Jahrhunderte,  jedoch
ganz  im  Geiste  ihrer  Vorgängerin.  Das  Evangeliar,
das  ein  gewisser  Godeskalk  um  780  für  Kaiser  Karl
den  Großen  und  seine  Gemahlin  Hildegardis  anfertigte, ­
  ist  ('in  Werk  von  höchster  Pracht.  Auf
purpurfarbigem  Pergamente  mit  Gold  und  Silber

geschrieben,  zeigt  es  in  seiner  Ornamentierung  sowohl
wie-in  den  Initialen  und  den  Figuren  starke  Emanzipation ­
  von  der  byzantinischen  Stilisierung  und  kehrt
ungleich  mehr  den  nordisch-skandinavischen  Charakter
heraus.  Andere,  wie  zum  Beispiel  das  Evangeliar  des
heiligen  Medardus  von  Soissons  greifen  mit  Geschick
auf  die  antiken  Architektur-  und  Ornamentformen
zurück.  Die  Pariser  Bibliothek  enthält  auf  diesem
Gebiete  ganz  einzige  Schätze.  Dank  den  Bestrebungen
Ale  ui  ns,  des  Rates  Karls  des  Großen,  der  drei
Schulen  für  die  Buchillustration  ins  Leben  gerufen
hatte,  die  von  Tours,  Metz  und  Rheims,  von  denen
die  zu  Rheims  ersichtlich  am  meisten  germanischen
Motiven  zuncigte,  während  Tours  die  antiken  bevorzugte. ­
  Das  Hauptwerk  der  Schule  von  Tours  ist  die
Bibel  Karls  des  Kahlen,  die  ihm  850  von  dem  Abte
von  St.  Martin,  Grafen  von  Vivianus;  überreicht
wurde.  Eine  andere  herrliche  Arbeit  dieser  Art  ist
das  Psalterium  des  Klerikers  Luithart  (Paris),  der
dann  mit  seinem  Kollegen  Berengar  das  goldene
Evangeliar  von  St.  Emmeran  schuf,  das  nun  die
Münchener  Staatsbibliothek  besitzt.  Das  letzte  Werk
solcher  Art  aus  der  Karolingerzeit  ist  die  Bibel  von
San  Calisto,  jetzt  in  San  Paolo  fuori  bei  Rom,  wahrscheinlich ­
  um  880  für  Karl  den  Dicken  hergestcllt.
Später  dann  übernehmen  deutsche  Künstler  im
Mönchshabit  die  Führung  auf  dem  Gebiete.  Die  Äbte
von  St.  Gallen  werden  deren  Förderer.  Um  870  entstehen ­
  dort  im  Aufträge  des  Abtes  Hartmuot  durch
den  Bruder  Folchart  zwei  Psalterien  von  erlesenster 1
Pracht.
Jetzt  aber  tritt  eine  merkwürdige  Erscheinung
zutage.  Je  mehr  die  Künstler  sich  mühen,  fremden
Einflüssen  zu  entgehen,  gleichsam  volkstümlicher  zu
werden,  desto  unbeholfener  zeigen  sie  sich  in  der
Zeichnung;  dafür  sind  die  Bilder  der  um  815  entstandenen ­
  Handschrift  des  Wessobrunner  Gebetes  der
Münchener  Bibliothek  ebenso  ein  Beweis  wie  die  einer
Handschrift  des  Heliant  Gottfried  von  Wcissenburgs
  in  der  Wiener  Hofbibliothek.
In  der  nun  einsetzenden  frühromanischen  Periode
beginnt  die  Plastik  die  Oberhand  über  die  Malerei  zu
gewinnen.  Die  Elfenbeinschnitzerei  entwickelt  sich,  sie
gibt  jetzt  dem  Buchdeckel,  in  dem  sie,  umrahmt  von
kostbarer  Goldschmiedearbeit,  die  mit  Edel-  und  Halbedelsteinen ­
  förmlich  übersät  erscheint,  eingelassen  ist,
die  künstlerische  Nöte.  Das  reizvolle  Silberfiligran,  das
            
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