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MAK

Full text : Jahrgang 9 (1917) (7)

Nr.  t

Internationale  Sammler-  Zeitung

Seite  55

Die  Gotik  verschwendete  kein:  Edelsteine  mehr
in  früherer  Menge  auf  Buchdeckeln;  ihr  genügte  derbes
Leder  für  die  Folianten,  feines  farbiges  Maroquin-,
Safian-  oder  Schaflcder  für  vornehme  Arbeiten;  hier
finden  wir  nicht  selten  prächtige,  heiße  Handpreßungen
in  Gold,  zierlich  durchbrochenes  Beschläge  in  Edelmetall; ­
  es  entstand  der  „Buchbeutel“  in  Samt  öder
feinem  Leder  mit  Stickereien.
Der  Foliant  wurde  mit  der  gravierten  Punze  bearbeitet, ­
  erhielt  kräftig  modellierte  Eckbeschläge,  gebuckelte ­
  Blätter  aus  Messing  oder  Silber,  zuweilen
ein  Ornament  mit  eingesetzten  Edelsteinen,  Schließen
mit  langen,  hübschen  Spangen.  In  die  Mitte  des  Deckels
kam  häufig  ein  Wappenschild  oder  ein  rosettenförmiges
Ornament  aus  Metall.  Lederschnitt  findet  selten  Verwendung, ­
  häufiger  Lederbrand,  der  mit  seinen  dunklen
Linien  sich  prächtig  von  dem  satten  Rotbraun  des
Naturkalbleder  abhob.
Treffliche  Arbeiten  finden  sich  noch  häufig  an  Hauspostillen, ­
  Heiligenlegenden,  Evangelienbüchern  und
dergleichen  in  Museen,  Bibliotheken  und  in  altem  Familienbesitz. ­
  Prachtvolle  Arbeiten  aus  dieser  spätgotischen ­
  Zeit  mit  reichen  Silberbsschlägen,  Email-  und
Edelsteinarbeit  enthält  die  Wiener  Hofbibliothek.
Im  Germanischen  Nationalmuseum  in  Nürnberg ­
  befindet  sich  ein  KLinfoliomanuskript  von  1380,
in  Pergament  gebunden,  an  dem  der  Rand  mit  gepreßten ­
  Linien  eingefaßt  ist,  der  Grund  in  „Schrottmanier“ ­
  gepunzt,  von  dem  sich  die  in  leichtem  Lederschnitt ­
  ausgeführten  Gestalten  des  heiligen  Augustinus
und  seiner  Mutter  Monika  ganz  brillant  abheben.
Kleine  zierliche  Eckbeschläge  und  Schließen  vervollständigen ­
  den  reizenden  Eindruck  dieses  von  selten
harmonischer  Technik  getragenen  Objektes.
Wie  auf  so  vielen  Gebieten  der  Gewerbe  brachte
auch  auf  dem  des  Buchbinders  die  Renaissance  eine
Umwälzung.  Der  Buchdruck,  der  inhaltlich  bei  einer
ganzen  Auflage  doch  gleichmäßig  war,  weckte  bei  den
Bücherfreunden  das  Begehren  nach  aparten,  gleichartigen ­
  Einbänden.  Kurfürst  August  von  Sachsen
(1526—1586)  war  solch  ein  Bibliophile  und  sein  Berater,
Lukas  Cranach,  förderte  diese  Neigung.  Die  Dresdner
Hofbibliothek  beherbergt  köstliche  Arbeiten  dieser
Art.  Die  deutschen  Kleinmeister  Aldegrcver,  Pencz,
die  Brüder  Beham  und  andere  lieferten  treffliche
Ornamentzeichnungen  für  die  Rollen  und  Filetten  aus
Messing  und  für  die  Handstempel;  diese,  wurden  in
stark  erwärmten  Zustand  in  das  noch  weiche  Leder
oder  Pergament  eingesetzt,  so  daß  nach  der  Art  und
dem  Willen  des  Handwerkers  die  geschmackvoll  auf
die  Deckelfläche  verteilten  Gold-  oder  Blinddruck-Ornamente
  entstanden.  Selbst  die  Farbe  wurde  in
dieser  Zeit  zu  den  Einbänden  herangezogen  und  dienstbar ­
  gemacht.  Damals  zeichnete  Peter  Fl  ötner  seine
originellen  Mauresken.
Die  bayrischen  Fürsten  legten  sich  von  Herzog
Albrecht  IV.  an,  eine  ebenso  reiche  wie  künstlerisch
gediegene  Bücherei  bei,  für  die  zum  Beispiel  Hans
Mül  ich,  Bartel  Beham  und  viele  andere  Meister  der
Farbe  und  des  Stichels  prächtige  Einbände  entwarfen
und  der  Florentiner  Tomaso  Majoli  ebenso  Lieferant
war,  wie  der  Franzose  Jean  Grolier.  Leider  fanden  die
Schweden  1632  an  diesen  Prachtexemplaren  Geschmack
und  nahmen  bei  ihrem  Abzug  aus  München  mit,  was
sie  nur  erreichen  und  fortschaffen  konnten.  Auch
Geoffroy  Tory  le  Gascon,  de  Thou  leisteten  Vorzügliches ­
  auf  dem  Gebiete  und  als  der  letztere  starb,
erreichten  einzelne  Arbeiten  aus  seinem  Nachlasse  die
selbst  in  der  heutigen  Zeit  der  Preisrekorde  sehr  erheblichen ­
  Beträge  von  zehn-  bis  fünf  zehntausend
Franken.  Solch  finanzielle  Anerkennung  blieb  den

nicht  minder  tüchtigen  deutschen  Meistern,  wie  einem
Kalthöver  versagt.
Kamen  in  der  Renaissanceperiode  alle  erdenklichen
Ornamentmusterungen,  wie  das  geometrisch  verschlungene ­
  Bandornament  des  Niello,  sogar  das  lineare  der
Tauschiertechnik  zur  Anwendung,  so  verfiel  in  der
Folge  der  künstlerische  Geist  mehr  und  mehr.  Nur
hohe  Kirchenfürsten,  Prälaten  und  Klosteräbte  hielten
für  ihre  Bibliotheken  noch  einige  Zeit  an  gediegenen
Bucheinbänden  fest,  bis  hier  die  Säkularisation  des  achtzehnten ­
  und  neunzehnten  Jahrhunderts  mit  aufräumte.
Die  französischen  Kurtisanen,  wenn  sie  das  Alter
drückte,  wie  eine  Maintenon,  Pompadour,  du
Barry  usw.  flüchteten  mit  frömmelnder  Miene  hinter
das  pomphaft  mit  Edelsteinen,  Metallbeschlägen  und
in  Seide,  Samt  und  Moiree  reich  gebundene  Gebetbuch.
Diese  Damen  verstanden  sich  darauf,  der  Welt  ein
Schnippchen  zu  schlagen.  Sie  hatten  sich  praktikable
Gebetbücher  erfunden.  In  den  reich  mit  Perlen,  Edelgestein ­
  und  Goldfiligran  geschmückten  Einband,  den
noch  das  Miniaturbild  einer  koketten  Magdalena  oder
eines  aktmäßig  durchgeführten  Sebastian  schmückte,
konnte  jedes  beliebige  Buch  gleichen  Formates  eingeschoben ­
  werden.  Und  die  „frommen  Damen“  lasen
dann  während  einer  ihnen  langweilig  dünkenden  Predigt
oder  sonstiger  kirchlichen  Handlung  ganz  gemütlich
hinter  dem  vorgehaltenen  Gebetbuche  irgend  einen
recht  wenig  frommen  Roman  eines  Nerciat,  Lafontaine
oder  Grecourt.
Als  dann  jenseits  der  Vogesen  die  Aristokratinnen
und  fürstlichen  Herzensdamen  um  einen  Kopf  kürzer
gemacht  wurden  und  ein  Straßenmädchen  auf  dem
Altäre  der  Pariser  Kathedrale  als  Göttin  der  Vernunft
installiert  wurde,  brauchte  man  da  drüben  überhaupt
kein  Gebetbuch  mehr,  bis  der  korsische  Advokatensohn
sein  Strafrichteramt  antrat.
Doch  auch  in  Deutschland  und  Österreich  trat  das
Gebetbuch  im  neunzehnten  Jahrhundert  immer  mehr
in  den  Hintergrund.  Die  Ausstattung  verfiel  der  Vernachlässigung. ­
  Sie  verflachte.  Der  Inhalt  selbst  wurde  mit
geringen  Ausnahmen  banal  und  durch  den  Spekulationsgeist ­
  von  Verlegern  sank  er  zum  Massenartikel  herab.
Die  Großstädterin  von  heute  schämt  sich  förmlich,
ihr  Gebetbuch  offen  zur  Kirche  zu  tragen.  Man  erfand
die  täschchenförmigen  Gcbetbuchcnveloppen.  Nur  auf
dem  Lande  sieht  man  in  den  Kirchenstühlen  noch
manches  Exemplar  liegen,  das  trotz  seiner  Abgegriffenheit
  Zeugnis  von  seiner  einstigen  Schönheit
gibt.  Es  sind  dies  meist  Familienstücke,  die  in  ihren
besten  Vertretern  sogar  noch  bis  ins  beginnende  achtzehnte ­
  Jahrhundert  zurückreichen.
Viel  zu  der  Ernüchterung  dieses  einst  vom  Kunsthandwerk ­
  so  hoch  entwickelten  Erzeugnisses  fällt  dem
Protestantismus  zur  Last,  der  sich  an  seinen  schmucklosen, ­
  schwarz  gebundenen  Ritual-  und  Gesangsbüchern ­
  vollauf  genügen  ließ.
Selten  nur  stößt  man  auf  eine  gediegen  und  künstlerisch ­
  gebundene  Schnorrsche  oder  Doresche  Bibel,
die  der  Katholik  ohnehin  nicht  ohne  Erlaubnis  seines
Beichtvaters  lesen  soll.
Der  künstlerische  Rückgang  des  Gebet-  und  Erbauungsbuches ­
  ist  tief  bedauerlich.  Vielleicht  wäre  auf
diesem  Gebiete  ein  erfreulicher  Umschwung  eingetreten,
wenn  König  Ludwig  II.  von  Bayern  nicht  ein  so
vorschnelles  Ende  gefunden  hätte.  Gab  doch  dieser
feinsinnige-  Kunstmäzen  an  Münchener  Künstler  den
Auftrag,  ihm  ein  mit  Miniaturen  und  Initialen  geschmücktes ­
  Gebetbuch  zu  schaffen,  das,  wenn  auch
modern  verfaßt,  so  doch  den  besten  Erzeugnissen
dieser  Art  aus  der  fernen  frühmittelalterlichen  Periode
ebenbürtig  sein  sollte.
            
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