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Internationale Sammler- Zeitung
Seite 55
Die Gotik verschwendete kein: Edelsteine mehr
in früherer Menge auf Buchdeckeln; ihr genügte derbes
Leder für die Folianten, feines farbiges Maroquin-,
Safian- oder Schaflcder für vornehme Arbeiten; hier
finden wir nicht selten prächtige, heiße Handpreßungen
in Gold, zierlich durchbrochenes Beschläge in Edelmetall;
es entstand der „Buchbeutel“ in Samt öder
feinem Leder mit Stickereien.
Der Foliant wurde mit der gravierten Punze bearbeitet,
erhielt kräftig modellierte Eckbeschläge, gebuckelte
Blätter aus Messing oder Silber, zuweilen
ein Ornament mit eingesetzten Edelsteinen, Schließen
mit langen, hübschen Spangen. In die Mitte des Deckels
kam häufig ein Wappenschild oder ein rosettenförmiges
Ornament aus Metall. Lederschnitt findet selten Verwendung,
häufiger Lederbrand, der mit seinen dunklen
Linien sich prächtig von dem satten Rotbraun des
Naturkalbleder abhob.
Treffliche Arbeiten finden sich noch häufig an Hauspostillen,
Heiligenlegenden, Evangelienbüchern und
dergleichen in Museen, Bibliotheken und in altem Familienbesitz.
Prachtvolle Arbeiten aus dieser spätgotischen
Zeit mit reichen Silberbsschlägen, Email- und
Edelsteinarbeit enthält die Wiener Hofbibliothek.
Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg
befindet sich ein KLinfoliomanuskript von 1380,
in Pergament gebunden, an dem der Rand mit gepreßten
Linien eingefaßt ist, der Grund in „Schrottmanier“
gepunzt, von dem sich die in leichtem Lederschnitt
ausgeführten Gestalten des heiligen Augustinus
und seiner Mutter Monika ganz brillant abheben.
Kleine zierliche Eckbeschläge und Schließen vervollständigen
den reizenden Eindruck dieses von selten
harmonischer Technik getragenen Objektes.
Wie auf so vielen Gebieten der Gewerbe brachte
auch auf dem des Buchbinders die Renaissance eine
Umwälzung. Der Buchdruck, der inhaltlich bei einer
ganzen Auflage doch gleichmäßig war, weckte bei den
Bücherfreunden das Begehren nach aparten, gleichartigen
Einbänden. Kurfürst August von Sachsen
(1526—1586) war solch ein Bibliophile und sein Berater,
Lukas Cranach, förderte diese Neigung. Die Dresdner
Hofbibliothek beherbergt köstliche Arbeiten dieser
Art. Die deutschen Kleinmeister Aldegrcver, Pencz,
die Brüder Beham und andere lieferten treffliche
Ornamentzeichnungen für die Rollen und Filetten aus
Messing und für die Handstempel; diese, wurden in
stark erwärmten Zustand in das noch weiche Leder
oder Pergament eingesetzt, so daß nach der Art und
dem Willen des Handwerkers die geschmackvoll auf
die Deckelfläche verteilten Gold- oder Blinddruck-Ornamente
entstanden. Selbst die Farbe wurde in
dieser Zeit zu den Einbänden herangezogen und dienstbar
gemacht. Damals zeichnete Peter Fl ötner seine
originellen Mauresken.
Die bayrischen Fürsten legten sich von Herzog
Albrecht IV. an, eine ebenso reiche wie künstlerisch
gediegene Bücherei bei, für die zum Beispiel Hans
Mül ich, Bartel Beham und viele andere Meister der
Farbe und des Stichels prächtige Einbände entwarfen
und der Florentiner Tomaso Majoli ebenso Lieferant
war, wie der Franzose Jean Grolier. Leider fanden die
Schweden 1632 an diesen Prachtexemplaren Geschmack
und nahmen bei ihrem Abzug aus München mit, was
sie nur erreichen und fortschaffen konnten. Auch
Geoffroy Tory le Gascon, de Thou leisteten Vorzügliches
auf dem Gebiete und als der letztere starb,
erreichten einzelne Arbeiten aus seinem Nachlasse die
selbst in der heutigen Zeit der Preisrekorde sehr erheblichen
Beträge von zehn- bis fünf zehntausend
Franken. Solch finanzielle Anerkennung blieb den
nicht minder tüchtigen deutschen Meistern, wie einem
Kalthöver versagt.
Kamen in der Renaissanceperiode alle erdenklichen
Ornamentmusterungen, wie das geometrisch verschlungene
Bandornament des Niello, sogar das lineare der
Tauschiertechnik zur Anwendung, so verfiel in der
Folge der künstlerische Geist mehr und mehr. Nur
hohe Kirchenfürsten, Prälaten und Klosteräbte hielten
für ihre Bibliotheken noch einige Zeit an gediegenen
Bucheinbänden fest, bis hier die Säkularisation des achtzehnten
und neunzehnten Jahrhunderts mit aufräumte.
Die französischen Kurtisanen, wenn sie das Alter
drückte, wie eine Maintenon, Pompadour, du
Barry usw. flüchteten mit frömmelnder Miene hinter
das pomphaft mit Edelsteinen, Metallbeschlägen und
in Seide, Samt und Moiree reich gebundene Gebetbuch.
Diese Damen verstanden sich darauf, der Welt ein
Schnippchen zu schlagen. Sie hatten sich praktikable
Gebetbücher erfunden. In den reich mit Perlen, Edelgestein
und Goldfiligran geschmückten Einband, den
noch das Miniaturbild einer koketten Magdalena oder
eines aktmäßig durchgeführten Sebastian schmückte,
konnte jedes beliebige Buch gleichen Formates eingeschoben
werden. Und die „frommen Damen“ lasen
dann während einer ihnen langweilig dünkenden Predigt
oder sonstiger kirchlichen Handlung ganz gemütlich
hinter dem vorgehaltenen Gebetbuche irgend einen
recht wenig frommen Roman eines Nerciat, Lafontaine
oder Grecourt.
Als dann jenseits der Vogesen die Aristokratinnen
und fürstlichen Herzensdamen um einen Kopf kürzer
gemacht wurden und ein Straßenmädchen auf dem
Altäre der Pariser Kathedrale als Göttin der Vernunft
installiert wurde, brauchte man da drüben überhaupt
kein Gebetbuch mehr, bis der korsische Advokatensohn
sein Strafrichteramt antrat.
Doch auch in Deutschland und Österreich trat das
Gebetbuch im neunzehnten Jahrhundert immer mehr
in den Hintergrund. Die Ausstattung verfiel der Vernachlässigung.
Sie verflachte. Der Inhalt selbst wurde mit
geringen Ausnahmen banal und durch den Spekulationsgeist
von Verlegern sank er zum Massenartikel herab.
Die Großstädterin von heute schämt sich förmlich,
ihr Gebetbuch offen zur Kirche zu tragen. Man erfand
die täschchenförmigen Gcbetbuchcnveloppen. Nur auf
dem Lande sieht man in den Kirchenstühlen noch
manches Exemplar liegen, das trotz seiner Abgegriffenheit
Zeugnis von seiner einstigen Schönheit
gibt. Es sind dies meist Familienstücke, die in ihren
besten Vertretern sogar noch bis ins beginnende achtzehnte
Jahrhundert zurückreichen.
Viel zu der Ernüchterung dieses einst vom Kunsthandwerk
so hoch entwickelten Erzeugnisses fällt dem
Protestantismus zur Last, der sich an seinen schmucklosen,
schwarz gebundenen Ritual- und Gesangsbüchern
vollauf genügen ließ.
Selten nur stößt man auf eine gediegen und künstlerisch
gebundene Schnorrsche oder Doresche Bibel,
die der Katholik ohnehin nicht ohne Erlaubnis seines
Beichtvaters lesen soll.
Der künstlerische Rückgang des Gebet- und Erbauungsbuches
ist tief bedauerlich. Vielleicht wäre auf
diesem Gebiete ein erfreulicher Umschwung eingetreten,
wenn König Ludwig II. von Bayern nicht ein so
vorschnelles Ende gefunden hätte. Gab doch dieser
feinsinnige- Kunstmäzen an Münchener Künstler den
Auftrag, ihm ein mit Miniaturen und Initialen geschmücktes
Gebetbuch zu schaffen, das, wenn auch
modern verfaßt, so doch den besten Erzeugnissen
dieser Art aus der fernen frühmittelalterlichen Periode
ebenbürtig sein sollte.