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Internationale Sammler- Zeitung
Nr. 1
Der Nachlass des Museumsdirektors Stegmann.
Am 17. April beginnt bei Helbing in München die
Versteigerung der Nachlaßsammlungen Dr. H. Stegmann,
Museumsdirektor in München, und Dr. Wilhelm Schmidt,
denen einige wertvolle Gobelins aus dem gesondert zur Auktion
kommenden Nachlaß des Prof, von Wierusz-Kowalski
beigesellt wurden.
Der Katalog zerfällt in zwei Teile, von denen der erste
die Antiquitäten, der zweite die Gemälde umfaßt.
Der Antiquitätenteil enthält seltene keramische Stücke,
eine größere Auswahl an Edelmetallgeräten, Zinn- und Bronze
gegenständen, Holzfiguren, Möbel, Gobelins, Textilien, eine
Fig. 1.
Flora. Nymphenburg, um 1770.
reichhaltige Kostümsammlung und verschiedene graphische
Kunstwerke.
In der keramischen Abteilung sind neben Erzeugnissen
der Rheinischen Steinzeugmanufakturen und etwa 20 Majo
liken, darunter zwei Castelliteller aus dem Beginn des
19. Jahrhunderts, besonders die Fayencen und Porzellane
hervorzuheben. Unter den Fayencen ist Venedig, Rouen und
namentlich Straßburg vertreten, letzteres mit Werken aus
allen Perioden, auch mit seltenen figürlichen Proben mit der
Paul Hannong-Marke. Weiters werden Künersberg, Nürn
berg, Göggingen und Delft mit einer Anzahl Blau- und Kunst
dekorstücken genannt.
Die chronologische Anordnung der Porzellane gibt einen
Überblick über die wesentlichen deutschen Manufakturen.
Voraus geht eine Kollektion chinesischer Erzeugnisse, unter
denen namentlich solche, die für den holländischen Export im
18. Jahrhundert hergestellt wurden und mehrere, die erst
nachträglich in Europa mit Muffelfarben dekoriert sind,
Interesse erregen dürften.
Meißen hat einige Vasen aus der Versuchszeit mit dem
noch ganz spätbarocken Blattrankendekor, verschiedene Ge
räte der Höroldt- und Kändler-Zeit, u. a. zwei Tassen mit
dem Dekor des Schwanenservices, sowie einige spätere Pro
dukte beigesteuert. Wien und Berlin sind mit mehreren
Stücken, Nymphenburg mit einer Anzahl früher und später
Geschirre sowie drei Weißfiguren aus der großen Götterseyie
von D. Auliczek vertreten. (Fig. 1 zeigt eine Flora von
Auliczek.)
Unter den Ludwigsbürger Porzellanen finden sich ver
schiedene frühe Figuren, namentlich der prachtvolle Chinesen
kaiser, die Chinesenkaiserin (Fig. 2) und „Herkules und üm-
phale" (Fig. 3), 1765 von Weinmüller modelliert. Franken-
Fig. 2.
Chinesenkaiserin. Ludwigsburg, um 1760.
thal, Ansbach, Höchst, Fürstenberg und Wallendorf
sind mit Geschirren vertreten. Auch einige Servicestücke,
Paris und Kopenhagen, sind vorhanden.
Der Abschnitt Glas beginnt mit einer Serie datierter
Schweizer Scheiben um 1600. Unter den Gefäßen stehen
Murano und seine deutschen Nachbildner an erster Stelle.
Beschrieben werden ferner einige Fadenglas vasen, email-
dekörierte Gläser und eine Anzahl einfacherer Pokale und
Becher mit Tiefschnitt, süddeutsche und holländische Erzeug
nisse. Auswahlreich ist das deutsche und belgische Kristall
des 18. bis 19. Jahrhunderts vertreten.
Unter den Edelmetallgeräten wären ein großer Pokal
mit den Beschauzeichen von Augsburg und München, eine
Augsburger Kanne des späten 17. Jahrhunderts, dann ver
schiedenerlei Tafelgerät niederländischer Herkunft erwähnens
wert. Unter den Messingarbeiten sticht eine vollständige
Kollektion Aachener und belgischer Erzeugnisse des 17. und
18. Jahrhunderts hervor. Die Zinngeräte sind vorwiegend
süddeutscher Provenienz; sehr gut kommt dabei München
mit etwa zwanzig gestempelten und datierten Stücken zur
Geltung.