Nr. 9
Internationale Sammler-Zeitung
Seite 75
Die Bibliothek Faul Schlenthers.
Am 5. Mai kommt bei Graupe in Berlin die
Bibliothek des ehemaligen Wiener Burgtheaterdirektors
Hofrats Dr. Paul Schlenther unter den Hammer.
Wiewohl kein Bibliophile im eigentlichen Sinne des
Wortes, legte Schlenther doch systematisch eine Biblio
thek an, die besonders auf die dramatische Literatur
Bedacht nahm. Dem Theaterdirektor wie den Theater
rezensenten — vor und nach seiner Burgtheaterzeit
versah Schlenther in Berlin das kritische Richteramt —
strömten alle Neuheiten zu, mit denen er allerdings
nach dem Bibelworte verfuhr: „Prüfet alles und das
Beste behaltet“; was nicht Gnade vor ihm fand, das
schenkte er öffentlichen Bibliotheken. Immerhin wurde
ein beträchtlicher Teil der Neuerscheinungen der
eigenen Sammlung einverleibt, die so manches Stück
aufweist, das heute schon erheblichen Liebhaberwert
besitzt.
Den Kern der Bibliothek bilden die Werke der
Dichter, deren siegreicher Vorkämpfer Schlenther war:
Ibsen, Fontane, Gerhart Hauptmann und Otto
Erich Hart leben. Viele dieser Exemplare sind mit
eigenhändigen Widmungen der dankbaren Autoren
geschmückt; so sandte ihm Hauptmann sein Drama
„Vor Sonnenaufgang“ mit folgender Dedikation: Herrn
Paul Schlenther mit herzlichem Gruß überreicht zur
Auferweckung gemischter Gefühle in der Erinnerung
an den 20. Oktober. Charlottenburg, 20. November 89.
Gerh. Hauptmann.“ Der 20. Oktober 1889 war ein
böse] Tag für Hauptmann gewesen, denn die Premiere
von „Vor Sonnenaufgang“, die an diesem Tage in
Berlin stattfand, endete mit einem veritablen
Skandal.
Auf der heute vergriffenen Gesamtausgabe der
Werke Hauptmanns (Berlin 1906) finden wir folgende
Worte von Hauptmanns Hand: „In alter Erinnerung,
herzlich erneuert, grüßen Dich Mann und Werk. Dein
Gerhart Hauptmann. Agnetendorf, den 15. Dezem
ber 1906.“
Allerliebst in der Unbeholfenheit im Ausdruck der
ihr fremden deutschen Sprache schreibt Karin Micha
elis auf die deutsche Übersetzung ihres Buches „Das
Kind“ (übersetzt von M. Mann): „An Herrn Direktor
Schlenther mit die Hoffnung, das Sie Zeit haben das
Buch zu lesen. Und mit herzlich Dankbarkeit für die
schönen Tage in Wien, ins Burgtheater. Ihre ganz
ergebene Karin Michaelis. Das Buch ist in weniger
als eine Stunde gelesen. Budapest, November 1903.“
Peter Altcnberg versah das Exemplar seines
Buches „Was der Tag mir zuträgt“ mit einer zwei
Seiten langen Widmung, worin es u. a. heißt: „Ich
kenne fünf hygienisch-diätetische „Ablenkungen“ von
den Belastungen und Melancholien des eigenen Ich!:
Die heilige Schönheit des Frauenleibes, die friedvolle
Natur, die süße Anmut des Kindes, die Kunst und
das Löwenbräu-Bier! — Heil dem, der sich durch
alle fünf Medizinen heilen lassen kann, erlösen!“
Diese Proben, die wir aus der Fülle herausgriffen,
lassen ahnen, daß es bei der Auktion oft sehr heiß
zugehen wird.
Stattlich ist in der Bibliothek Schlenthers die
Theat er geschieh te vertreten; wir begegnen da einer
Sammlung von mehr als 70 Biographien oder Auto-
graphien der hervorragendsten Schauspieler, Schau
spielerinnen und Bühnenleiter, einer Sammlung von
mehr als 150 Broschüren über das Theaterwesen, zum
Teil mit eigenhändigen Widmungen der Autoren an
Schlenther, einer Sammlung von zirka 50 Werken
zur Geschichte der deutschen Bühnen, einer Sammlung
von mehr als 80 Werken über das Theaterwesen (Ge
schichte des Dramas und des Theaters, Regie/Drama
turgie, Mimik und Theaterkritik), einer Sammlung von
Jahrbüchern des Theaterwesens u. via. m.
Der Katalog der Bibliothek, der vom Antiquariat
Paul Graupe in Berlin kostenlos bezogen werden kann,
ist mit dem wohlgetroffenen Porträt Schlenthers und
einem Vorworte von Otto Pniower versehen, in dem
das Wirken Schlenthers liebevoll behandelt ist.
Der zweite Teil der Sammlung Karl König.
Der zweite Teil der Sammlung des Hofrates Karl
König, der wie der erste bei Gilhofer & Ransch-
burg in Wien zur Versteigerung gelangt, enthält eine
kleine, aber erlesene Sammlung von Gemälden des
14. bis 19. Jahrhunderts.
Als ältestes ist ein Bild der westfälischen Schule
anzusprechen, das die Evangelisten Matthäus und
Lukas darstellt. Es mag um 1470entstanden sein: wahr
scheinlich bildete es die Flügeltafel eines Altars. Das
Gegenstück mit dem anderen Evangelistenpaare soll
sich in der Estensischen Sammlung (zurzeit auf Schloß
Konopischt in Böhmen) befinden. Eine charakteristische
Arbeit der erst neuestens in ihrer lokalen Eigenart
schärfer erfaßten Salzburg-Passauer Schule vom Aus
gang des 15. Jahrhunderts ist „Der heilige Nikolaus
von Myra, zwischen'zwei Engeln thronend“.
Ein vorzügliches Bild „Die Ruhe auf der Flucht
nach Ägypten“ steht in seiner noch altflandrisch
delikaten Behandlung den Jugendwerken Jan Gossarts
nahe, ohne jedoch auf ihn selbst zurückgeführt werden
zu können; ebenso ist die Autorschaft Luea Giordanos
bei „Zwei Engelsköpfen“ nicht nachzuweisen. Eine
gute Kopie nach David Ten nie rs zeigt „Bogen
schießende Bauern auf einem Dorfplatz“;, ein „Still
leben“ von Seghers ist von ungewöhnlich dekorativer
Wirkung. Daneben finden wir noch Werke von Jakob
Ruisdael, Romney, Oppie, Nelfs d. J„ Füger,
Amerling u. a.
Einen breiten Raum in der Sammlung nehmen
die Handzeichnungen, Aquarelle und Miniaturen ein.
Die besten Namen sind da vertreten, so Francesco
Barbieri (Der heilige Romuald im Gebet), Caracci.
(Gruppe von spielenden Putten), Dusard, Hendrik
Goltzius (Porträt des Amsterdamer Bürgermeisters
Hendrik Spiegel), Charles Lebrun (Die Kunst in
Wolken schwebend, von vier allegorischen Frauen
gestalten umgeben), Giulio Romano (Entwurf für
eine Prunkschüssel), Tizian (Gebirgslandschaft), Lio-
nardo da Vinci (Kopf eines älteren Mannes), Frago-
nard (Parklandschaft), Angelica Kaufmann (Der
Friedensschluß zu Troyes), Sir Joshua Reynolds
(Junger Mann in holländischer Tracht, in einem Lehn-