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MAK

Full text : Jahrgang 10 (1918) (10)

Nr.  10

Internationale  Sammler-Zeitung

Seite  87

dachte  Gediegenheit,  für  Wahrheit  und  Echtheit  in  Material
und  Arbeit,  für  Schaffung  von  Qualitätswerten  und  zur  Gewinnung ­
  der  Konsumenten  (also  der  Plakatbesteller)  für
höhere  Einschätzung  der  veredelten  Arbeit  auf  diesem  Gebiete,
eine  der  hoffnungsreichsten  und  dankbarsten  Wege  seiner
Betätigung.
Die  Zeiten  sind  schon  längst  vorbei,  wo  bedeutende  Künstler
sich  schämten,  Plakate,  die  sie  zuweilen  gegen  Entgeld  entwarfen, ­
  mit  ihrer  Namensbezeichnung  zu  versehen.  Heute
ist  das  Plakat  eine  anerkanntermaßen  gleich  hochstehende
Schöpfung  der  angewandten  graphischen  Künste  wie  jedes
andere  Erzeugnis  des  Kunstgewerbes  oder  der  freien  Künste.
Eine  alte,  den  meisten  Kaufleuten  bekannte  Reklameregel
sagt:  Auf  einem  Plakat  ist  der  Name  eines  bekannten  Künstlers,
der  das  Plakat  entworfen  hat,  mehr  wert,  als  alle  Ausstellungsmedaillcn.Und
  doch  lehrt  uns  der  tägliche  Gang  durch  die
Straßen  Wiens,  daß  gegen  diese  Reklameregel  meist  gesündigt
wird.  Angeblich  soll  es  Kunstanstalten  geben,  die  die  Künstler,
und  zwar  auch  sehr  namhafte  Künstler,  zwingen,  den  Künstlernamen ­
  zu  unterdrücken,  damit  nur  der  Name  oder  die  Firma
der  druckenden  Kunstanstalt  zu  lesen  sei.  Denn  wenn  das
Plakat  einem  Vorübergehenden  gefällt,  so  soll  er  sich  ja  nur  an
die  Druckerei  wenden,  aber  beileibe  nicht  direkt  an  den
Künstler!  Und  so  mancher  Künstler  läßt  sich  das  gefallen!
Auch  auf  eine  zweite  Eigentümlichkeit  des  Wiener  Straßenbildes ­
  wäre  hinzu  weisen:  Anderswo  zeichnen  sich  die  wirksamsten
Straßenplakate  durch  Güte  und,  Geschmack  aus.  Bald  dieses,
hald  jenes  Plakat  erscheint  gefälliger,  origineller,  wirkungsvoller, ­
  eindringlicher  als  das  andere.  Denn  auch  der  kaufmännische ­
  Reisende,  der  seine  Ware  in  den  Kontors  anpreist,
geht  ja  nicht  geschmacklos  gekleidet  herum,  sondern  trachtet,
in  jeder  Weise  einen  guten  Eindruck  zu  machen.  In  Wien  wird
man  aber  nur  zu  oft  unangenehm  berührt,  wenn  an  derselben
Wand  zehn,  zwölf  und  noch  mehr  ganz  gleiche  Plakate  neben
und  übereinander  geklebt  sind,  die  in  roher,  brutaler,  geistloser ­
  Wiederholung  immer  mechanisch  dasselbe  sagen.  Und  die
tägliche  Erfahrung  lehrt,  daß  gerade  diese  Repetitionsplakate
nur  zu  oft  in  Erfindung,  Form  und  Farbe  minderwertige  und
geschmacklose  Handwerksdutzendware  sind,  für  die  das  Wort
„Kitsch“  noch  ein  unverdientes  Lob  wäre.  Warum  geschieht
das?  Ist  es  die  Schuld  des  Zettelanklebers  ?  Oder  arbeiten  die
Plakatierungsanstalten  nach  der  Elle  und  lassen  sie  sich  vom
Besteller  des  Plakates  nur  ja  recht  viele  Quadratmeter  Plakatwand ­
  bezahlen  ?  Würde  ein  Kaufmann  sich  etwa  zur  Bestellung
leichterentschließen,  wenn  in  sein  Kontor  an  Stelle  eines  artigen
Reisenden  gleich  eine  ganze  Deputation  eindringen  wollte,  um
irgend  eine  Ware  anzupreisen  ?  Also  wenn  der  österreichische
Werkbund  nichts  anderes  erreichen  sollte,  als  hier  durch  Einwirkung ­
  auf  die  Plakatbesteller  Abhilfe  zu  schaffen,  so  wird
-er  sich  schon  dadurch  verdient  gemacht  haben.
Die  wertvollsten  wissenschaftlichen  Aufklärungen  über
Reklame-  und  Plakatkunst  verdanken  wir,  von  den  älteren
-französischen  und  englischen  Werken  abgesehen,  wesentlich
zwei  Büchern,  erstens  dem  Werke  von  Dr,  Viktor  Mataja  „Die
Reklame'  eine  Untersuchung  über  Ankündigungswesen  und
Werbetätigkeit  im  Geschäftsleben“,  das  jüngst  in  zweiter  Auflage
■erschienen  ist,  und  dann  dem  .  Buche  von  Sponsel,  „Das
moderne  Plakat“.  Mataja  sagt:  „Die  Reklame  kann  marktschreierisch, ­
  banal,  unwahr  sein,  sie  kann  auch  äußere  Formen
annehmen,  die  das  Schönheitsgefühl  beleidigen.  Aber  sicher
ist  es,  daß  die  Erfodemisse  der  modernen  Entwicklung  zur
Verfeinerung  und  Verbesserung  des  Werbewesens  drängen.“
Die  Asche  des  Vesuvs  verdanken  wir  die  Erhaltung  höchst
primitiver  bildlicher  Ankündigungen  im  Pompeji.  Das  Basler

Myseum  enthält  ein  plakatmäßiges  Geschäftscchild  eines
Schulmeisters  von  Hans  Holbein  d.  j.  aus  dem  Jahre  1516.
Meßplakate  der  Frankfurter  und  Leipziger  Messen  im  Germanischen ­
  Museum  in  Nürnberg  künden  von  der  Handelstätigkeit
der  damaligen  Kaufmannsgilden  aus  einer  Zeit,  als  in  Frankreich ­
  noch  das  strikte  Verbot,  und  zwar  unter  Androhung  der
Todesstrafe,  bestanden  hatte,  Plakate  ohne  obrigkeitliche
Erlaubnis  zu  drucken  oder  anzuschlagen.  Noch  zu  Beginn  des
19.  Jahrhunderts,  zur  Zeit  des  Tiefstandes  des  Holzschnittes,
vor  dessen  Wiedererweckung  durch  Gubitz  und  Bewick,
konnte  von  bildmäßigen  Plakaten  kaum  noch  gesprochen
werden.  Erst  die  vierziger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts
brachten  in  vielfarbigem  Holzschnitt  vom  Wiener  Holzschnittkünstler ­
  Blasius  Höfel  Lotterieplakate  zur  Versteigerung
verschiedener  Häuser  in  Wien  und.  in  der  Provinz,  dann  in
Frankreich  mehrere  Blätter  der  großen  Karikaturisten  Gavarne,
Grandville,  Travies,  Beaumont.  Die  nun  folgende
sterile  Periode  der  Chromolithographie,  der  süßlichen,  glänzend
lackierten  Farbendrucke  mit  geleckten  Frauen-  und  Kinderbildnissen ­
  wird  von  der  deutschen  Renaissance  abgelöst,
die  auch  noch  in  ihrem  Höhepunkte,  in  der  Makartzeit,  ihre
Plakate  meist  in  die  Form  von  Diplomen  kleidet,  mit  einer
Überfülle  von  allegorischen  Figuren,  durcheinander  geworfenen
Emblemen,  Blumen,  Waffen,  architektonischen  Versatzstücken, ­
  verziert  mit  Fabriksansichten,  Werkzeugen  und
Ausstellungsmedaillen.  Die  Farben  sind  meistens  stumpf  und
wirkungslos,  trotzdem  viele  Farbsteine  benützt  werden.  Eine
Fülle  von  Personen  und  von  Details,  keine  Fernwirkung,
kleinliche,  penible  Durcharbeitung,  die  Darstellung  in  keiner
Beziehung  zum  Gegenstände  der  Ankündigung.  Langatmige
Texte  in  unkünstlerischen  Lettern.  Aber  fast  mit  einem  Schlag
ändert  sich  das  Bild.  Anläßlich  der  Pariser  Weltausstellung
1878  kommt  japanische  Kunst  nach  Europa.  Die  bis  dahin
unbekannten  japanischen  Farbholzstichc  kommen  plötzlich
in  solchen  Massen  nach  Paris,  daß  nach  der  Versicherung  der
Brüder  Goncourt  die  großen  Pariser  Warenhäuser.  für  ihre
Kunden  echte,  heute  mit  Gold  aufgewogene  Blätter  von
Harunobu,  Koriusai,  Kiyonaga  und  Hokusai  als
Emballagepapier  verwenden.  Der  Einfluß  der  ostasiatischen
Kunst  wirkt  tief  auf  die  abendländische  Malerei  ein.  Denn  zu
der  damals  eben  im  Zenith  befindlichen  naturalistischen  Schule
mit  Courbet,  Manet  und  den  Barbizonern.  gesellen  sich  die
Impressionsiten  mit  Monet,  Renoir,  Pisarro.  Aber  es
kommen  gleichzeitig  auch  japanische  Theaterplakate  nach
Paris,  Riesenblätter  aus  der  ersten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts, ­
  von  denen  Sponsel  1897  berichtet:  „Diese  waren
allerdings  nicht  gedruckt,  sondern  gemalt,  da  sie  nur  in  geringer
Anzahl  jedesmal  benötigt  würden.  Sie  waren  an  den  Außenwänden ­
  und  in  der  Umgebung  der  Theater  angebracht  und
enthielten  meist  Hauptszenen  des  aufzuführenden  Stückes,
mitunter  sogar  in  lebensgroßen  Figuren.  Diese  bannerartigen
Plakate  wurden  ,  aber  nicht  nur  als  Aushängeschilder  benutzt,
sondern  auch  in  den  Straßen  herumgetragen  und  hiebei  wurde
durch  Trommelschläge  die  Menge  herangelockt.  Ausrufer  der
Theater-  oder  Gauklertruppe  verkündeten  dann  das  Programm
der  Vorstellung,  erklärten  die  im  Bilde  veranschaulichte
Szene  und  luden  zum  Besuche  des  Theaters  ein.“
Von  diesen  großen,  gemalten,  aus  der  ersten  Hälfte  des
vorigen  Jahrhunderts  stammenden  japanischen  Theaterplakaten ­
  ist  naturgemäß  nur  eine  geringe  Anzahl  erhalten
geblieben  und  in  den  Besitz  des  Vortragenden  gelangt.  Acht
dieser  Blätter  erregten  in  der  Versammlung  berechtigtes
Aufsehen,  als  deren  Vorführung  eine  Überleitung  bildete  zu
den  seit  etwa  1890  entstandenen  modernen  Künstlerplakaten
der  heutigen  Kulturnationen.
            
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