Nr. 12
Internationale Sammler-Zeit ung
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Rührener Krüge, dann buntglasierte Kacheln, darunter
eine mit dem Wappen des Fürsterzbischofs von Olmütz
Grafen von Liechtenstein-Castelkron. Größer
und abwechslungsreicher ist die Gruppe der Renaisance-
bronzen, der italienischen und deutschen Plaketten und
Medaillen, darunter eine Bronzestatuette des Zeus aus
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, ferner die
Serie der römischen Imperatoren und eine Folge von
sechs . Triumphdarstellungen, seltenen Schaumünzen
und Bildmedaillons.
Arbeiten in Eisen sind in großer Auswahl vorhanden.
Eine barocke Halbrüstung samt Helm aus getriebenem
Eisenblech war einst das Hauswahrzcichen des soge
nannten Harnischhauses am Tiefen Graben. Gegen
stände, deren Bedeutung und Verwendungsart wir
heute gar nicht mehr kennen, sind neben Kupfcrrcliefs,
Zinntellern, Kompassen, italienischen Tintenzeugen
der Frührenaissance, Mörsern, Leuchtern, Präge
stempeln und Siegelstöcken aufgestellt.
Die byzantinische Schule ist durch viele Gemälde
vertreten, die dem 15. bis 17. Jahrhundert angehören.
Mehr als 200 Stücke enthält die Waffensammlung,
in der sich auch griechische und etruskische Helme,
die einstmals ausgegraben wurden, befinden.
Die ganze Sammlung, die nahezu 1000 Objekte
umfaßt, wurde in den fünfziger und sechziger Jahren
des vorigen Jahrhundert angelegt, und ihr Begründer
Franz Thill zählte mit Graf Wilczek, Dr. Figdor
und Benda zu jenen wenigen Wiener Sammlern, die
Liebe und Verständnis für Werke der Gothik und
Renaissance bewiesen haben.
Die Auktion beginnt am 17. Tuni und endet am
19. Juni.
Die älteste Bibliothek der Welt.
Von Sven Hedin (Stockholm)*)
Die in Ninive gefundene Bibliothek Sardanapals
ist die älteste Bibliothek der Welt. Sie besteht aus
22.000 Tontafeln. Die Schrift auf diesen Tafeln wurde
in den Ton eingeprägt, während dieser noch weich war;
man erkennt darauf sogar die feinen Linien der Finger
haut. Dann wurden die Tafeln gebrannt. Jede Tafel ist
ein Blatt; mehrere bilden ein Buch oder eine Serie. Ihre
Zusammengehörigkeit ergibt sich aus besonderen Auf
schriften. Sie ermöglichen uns, 2500 Jahre nach dem
Verschwinden der Assyrier die Schätze ihrer Buch
kammern zu ordnen. Diese einzigartige Bibliothek ist
ein vollständiges Kompendium der assyrischen Kultur
und der Weisheit, jener Zeit und zugleich ein unver
gängliches Denkmal eines der größten Könige des Alter
tums.
Die his orische Erzählungskunst der alten Assyrier
ist vielseitig, genau und zeichnet sich durch eine achtens
werte Geschicklichkeit in der chronologischen Anord
nung aus. Das Archiv Sardanapals enthält Schilderungen
des Lebens der Könige, ihrer Feldzüge, ihrer Bau
unternehmungen und ihrer Regierungshandlungen zum
Besten des Volkes und zur Größe des Reiches. Da
finden sich Briefe und Befehle von und an Landes
häuptlinge und Vasallen* Proklamationen, Bittschriften,
Privatschreiben, Handelsverträge, Orakel und Adressen
an den Sonnengott, Anweisungen für die Opferrituale,
die mit den Vorschriften im Buche Moses viele Züge
gemeinsam haben. Gebete und Hymnen, die von den
Sumerern übernommen sind und die Namen und Funk
tionen der verschiedenen Götter enthalten; ja in dieser
uralten Bibliothek fand sich auch der babylonische
Schöpfungs- und Sintflutmythus, der viele Berührungs
punkte mit der Bibel aufweist.
Der babylonische Sintflutbericht ist in Kürze folgen
der: „Auf göttliche Eingebung hin baut Sitnapischtim,
der babylonische Noah, die Arche, belädt sie mit Gold,
Silber und Lebenssamen aller Arten, bringt seineFamilie,
seine Angehörigen, Vieh und Getier des Feldes an Bord
und verschließt die Schiffstüren. Dann kommt die
Sintflut als eine Strafe der Götter für die Bosheit der
Menschen. Sobald das Morgenrot auf leuchtete, stieg
vom Fundament des Himmels eine schwarze Wolke
*) Wir entnehmen diesen interessanten Aufsatz des Ver
fassers prächtigem Werk „Bagdad, Babylon, Ninive' 1 (Verlag
F. A, Brockhaus, Leipzig).
empor, der Sturmgott donnerte darin, und Neho und
Marduk schreiten voran. Die Herolde ziehen über Berg
und Tal, den Schiffsanker reißt Nergal los. Ninib
geht dahin und läßt einen Angriff folgen. Die Annunaki
erbeben ihre Fackeln und lassen das Land mit deren
Glanz -aufblühen. Adads Ungestüm klingt bis zum
Himmel hinein, und alles Licht wird verwandelt in
Finsternis. Sechs Tage und sechs Nächte rasen die
großen Wasser. Dann beruhigt sich das Meer. Die Sturm
flut hört auf, und die Arche sitzt auf dem Berge Nissir
fest. Am siebenten ließ Sitnapischtim eine Taube
hinaus. Die Taube flog fort und kam zurück; da eben
kein fester Grund da war, kehrte sie um; Sitnapischtim
läßt nun eine Schwalbe ausfliegen. Auch sie kehrt
zurück, ohne einen festen Grund gefunden zu haben.
Schließlich schickte er einen Raben aus; der sah das
Wasser schwinden und kam nicht zurück. Da ließ
Sitnapischtim alle Menschen und Tiere hinausgehen
und opferte auf dem Gipfel des Berges. Die Götter
rochen den Duft. Bel ließ sich bewegen, in Zukunft die
Sünde der Menschen anders als durch Sintflut zu be
strafen, nämlich durch wilde Tiere, Hungersnot und
Pestilenz.“ Dieser Bericht gelangte später in das Land
Kanaan und findet sich im ersten Buch Moses wieder,
wo er jedoch, wie Delitzsch zeigt, in weniger ursprüng
licher Gestalt vorliegt.
Sardanapals Bibliothek enthält ferner die ältesten
medizinischen „Handbücher“ der Welt. Sie beschreiben
die physischen und psychischen Krankheiten, ihre
Heilmittel und die Beschwörungen dagegen. Geistes
krankheiten galten als Werke der Dämonen. Traum
bücher sprechen von Träumen und ihrer Auslegung.
Die Deutung der Vorzeichen war eine Wissenschaft für
sich. Man prophezeite die Regierungszeit der Könige, die
Siege, die sie erringen sollten, und das Glück, das sie
genießen würden. Man sprach im voraus über bevor
stehende Ereignisse, über Seuchen, Kriege und Heu
schrecken, über Ernte, Jagd und Fischfang. Die Be
wegungen der wilden Tiere, das Verhalten der Haustiere
der Flug der Vögel, der Biß der Skorpione, alles hatte
seine Bedeutung, die sich den Wiesen offenbarte. Aus
der Leber des Schafes zog man Schlüsse, ebenso aus v der
Art des Sesamöls und den Farbenabstufungen der
Wasseroberfläche; es war das, sagt Bezold, die Lehre
von den Interferenzfarben, die 4000 Jahre später von