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Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 19
Ausschlag allen anderen .Städten Deutschlands gegen
über. Fast alle namhaften Maler haben kürzere oder
längere Zeit in München gearbeitet, an ihr&r Akademie
’ lehrten die besten Kräfte, da braucht es nicht wunder
zunehmen, wenn die begeisterten Rnristjüog&r aus
ganz Deutschland nach München strömten.’ Hier- bildet
sich also um das Jahr 1870 herum eine Künstlergemein
schaft, die die absolute Malerei zu ihrem Höhepunkt
führt, und das ist Leibi mit seinem Kreis. Die unver
gleichliche Kunst eines Leibi wird der feste Maßstab,
an dem die malerischen Werte gemessem werden.
Abgesehen von Trübner und Schuch, die als selbständige
Künstler, nur von gleichem, Geiste beseelt, neben ihm
stehen, greift Leibis Einfluß so weit, daß sich damals
jeder junge Künstler in bestimmten Jahren seines
Entwicklungsganges mit Leibis Kunst auseinander
setzen mußte. Wir wissen zum Beispiel von Liebermann,
daß es ihn schon als reiferen Künstler nach München
zog, um aus dem Umgang mit dem nur drei Jahre
älteren Leibi für die Entwicklung seiner Kunst Nutzen
zu ziehen. Und so haben alle, ob sie dem Meister näher
standen wie Schider, Alt, Hirt du Frösnes, oder ferner
wie Ernst Zimmermann, Ei dtelt, Liebermann und Uhde,
einen segensreichen Einfluß erfahren. Die Kraft seiner
künstlerischen Persönlichkeit war sogar so groß, daß
er Künstler geringeren Grades zu außerordentlichen
Leistungen anzuregen wußte. Diese sind dann, als sie
nicht mehr unter seinem Einflüsse standen, in ihrer
Kunstübung bergab gegangen. Zahlreiche Namen zeugen
noch heute von dieser verschwundenen Pracht. Die
starken Kräfte indessen, die sich dem Meister näherten,
haben es ihm gedankt und sind den Weg zur Höhe
weitergeschritten.
In den folgenden Jahrzehnten vollzieht sich nun
der umgekehrte Prozeß wde in den Jahren vor 1870.
Die Lokalschulen lösten sich damals in den sechziger
Jahren auf und strömten in das eine große Bett Mün
chens zusammen. So fließt gegen das Jahrhundertende
der große Strom wieder zurück und sucht seine Quellen
auf. In allen größeren Städten, die eine eigene Tradition
besaßen, lebt der alte, selbständige Geist wieder auf.
Das künstlerische Leben in Deutschland am Beginn
unseres Jahrhunderts ist wieder ein sehr reiches und
vielgestaltiges. Unsere Ausstellung konnte auf diese
Erscheinung nür in einigen typischen Linien Rücksicht
nehmen, uncl.zßvar sind diejenigen bevorzugt worden,
die noch im ‘Zusammenhänge mit der Tradition der
siebziger Jahre'stehen. Die bedeutendsten Repräsen
tanten dieser Epoche dürften der späte Trübner,
Liebermann und Uhde sein. Die künstlerische Energie
Trübners hat es vermocht, die letzten Jahrzehnte
seines Schaffens ganz auf den Boden der neueren Kunst
anschauung zu stellen. Es ist ein gewaltiges Stück
Weges, das er in seinem künstlerischen Schaffen im
Laufe von 47 Arbeitsj ahren zurückgelegt hat. Lieber
mann, obwohl vier Jahre älter als Trübner, setzt erst
später ein, so daß seine Entwicklung sich kontinuier
licher vollziehen kann. Mit ihm zusammen geht Uhde,
die beide beflügelten Schrittes auf den eigentlichen
Impressionismus, auf die Darstellung von Licht und
Bewegung zueilen. Der Ausklang dieser Bestrebungen
soll an Corinth und Slevogt veranschaulicht werden,
die mit ihrer sinnlichen Farbenfülle den ganzen Reiz
und Zauber der bewegten Natur auszuschöpfen scheinen.
Wir sind am Ende einer Entwicklung, die fast ein
ganzes Jahrhundert lang die deutsche Kunst in Blüte
gehalten hat. Wir sind uns w r ohl bewußt, daß sich noch
eine andere Linie zeichnen ließe, die parallel neben der
hier gezeigten liefe. Da würden dann vielleicht unsere
Hauptkünstler nur zeitweilig zu Gaste sein, wenn nach
gewiesen w r erden sollte, wie sie sich als die geborenen
Koloristen wiederum um die Beherrschung der Form
bemüht haben. Eine Ausstellung in diesem Sinne wäre
aber unter den gegebenen Umständen unmöglich ge
wesen, man hätte bei den Künstlern der Kompositions
schulen mit ganz anderen Formaten rechnen müssen.
Darum hat sich die Galerie Arnold bemüht, die Schil-
derer der Wirklichkeit, das wesentliche Sammelgebiet
des privaten Kunstfreundes, in einem geschlossenen
Entwicklun gskreise vorzuführen.
Alte Möbel.
Von Karl Micksch (München).
Anhänger der modernen Kunst haben mit mannig- j
fachen Begründungen die Forderung gestellt, man j
dürfe sich nicht mit alten Möbeln einrichten, der j
moderne Mensch habe die Pflicht, sich mit neuzeit
lichen Erzeugnissen zu umgeben. Derartige Auffassun
gen enthalten ein gut Teil Wahrheit, aber auch eine
reichliche Beigabe von Undurchdachtem und Miß
verstandenem. Während des Krieges wurden zum
Nachteil der Allgemeinheit zahlreiche wertvolle alte
Möbel von Liebhabern aufgekauft und der praktischen
Benützung entzogen. Die zusammengetragenen alten
Möbel erfüllen in luxuriöser Umgebung meist einen
recht negativen Zweck, ganz ähnlich wie in der Zeit,
als man unmoderne Stücke auf Dachböden unter
brachte oder in irgendeinem Winkel für unvorher
gesehene Fälle bereithielt, im übrigen aber einem nur
geduldeten Dasein überließ. Die Zeiten, w'O man die
Erzeugnisse künstlerisch geschulten Handwerks dem
Wurmfraß überlieferte oder bei der Kundschaft des
Trödlers enden ließ, sind vorbei. Mit neugeschärftem
j Kunstsinn hat man verstehen gelernt, daß es sich in
| vielen Fällen um die Reste einer Formenkunst handelt,
| zu denen wir bewundernd auf blicken müssen. Aber
| nicht alle alten Möbel gelten als künstlerische Vor
bilder ; ich habe vor kurzem in München auf Auktionen
alte Möbel für Phantasiepreise verkaufen sehen, die
nichts weniger als künstlerische Formen besaßen.
Ein alter, ganz mit Leder bezogener kleiner enger
Polsterstuhl von ganz unübertrefflich unpraktischen
und unschönen Formen erzielte einen Preis von M 280.
Falls ein Gestellfabrikant ein anregendes Modell für
neue Formen suchen sollte, so könnte dieser Stuhl
allerdings als Vorbild dienen, die Neuschöpfung braucht
nur in allen Teilen in bezug auf Masse und Gestaltung
vom Modell möglichst weit abzuw^eichen, und wenn
der Hersteller etwas Geschmack und Geschick ent
wickelt, wird der neue Stuhl sicher kunstvoll und auch
praktisch sein.
Wenn heute in Kunsthandlungen gute, alte Möbel
zu phantastischen Preisen verkauft werden, so kann