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Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 2
die ja nach Vasaris Beschreibung des Originals von
ganz besonders starker Wirkung waren.
Das wissenschaftliche Resultat von Sarasins
Arbeit ist die Feststellung der verloren geglaubten
Komposition des Verkiindigungsengcls aus Leonardos
Mailänderzeit, das künstlerische aber die Befreiung
des Basler Bildes von störender Übermalung;
das Gemälde hat durch die glückliche Restauration
nicht nur ein paar große anatomische Fehler
verloren, die von einer schwachem Hand her-
iührten, als das übrige Bild, sondern es ist in allen Teilen
voller, reicher und einheitlicher geworden und hat an
Glanz und heller Leuchtkraft der Farben bedeutend
gewonnen. Dieses schöne Resultat, für das wir dem
Autor und dem geschickten Helfer dankbar sind,
spricht gewiß stark für den künstlerischen Wert des
Basler Verkündigungsengels; aber die Frage nach der
Eigenhändigkeit Leonardos läßt sich heute kaum, mehr
entscheiden; denn auch dieses Werk hat im Laufe
der Zeiten außerordentlich gelitten. Wir sind skeptischer
geworden als die Kunst gelehrten vor fünfzig Jahren
und haben die Begeisterung verloren, mit der einst
Jakob Burckhardt das Basler Bild als Leonardo
ansprach. Aber die Leonardoforschung wird sich
künftighin wieder ernstlich mit dem Sarasinschen
Verkündungsengel zu befassen haben.
Auf der Rückseite des Basler Bildes befinden sich
drei Eigentumsvermerke (Tafel XI); der älteste besteht
aus einem dreimal ins Holz eingepreßten Stempel
mit der Lilie des französischen Königshauses; dem. Stil
nach gehört diese heraldische Figur in die erste Hälfte
des .16. Jahrhunderts, wie die zu gleicher Zeit einge
preßte Schrift in lateinischen Majuskeln „Leonardu(s)
Vincus“, also in die Zeit Franz I. oder seines Nach
folgers Heinrich II.; da der Angelo den Vasari beim
Herzog Cosimo gesehen hatte, nach Seidlitz (Leonardo I.
Kap. III, Anm. 11) im Inventar der Guardaroba des
Herzogs von 1553 nicht mehr aufgeführt wird, so
ist anzunehmen, daß das Bild schon zu jener Zeit
in französischem. Besitze w'ar, wie der Jean Baptiste
des Louvre, den Leonardo für Franz I. von Frank
reich gemalt hat.
Künstlerische Nachlässe.
Zum, zweiten Male innerhalb kurzer Frist kann das
Wiener Dorotheum Künstlernachlässe auf den Markt
bringen. Der reichhaltigste ist diesmal der Adolf
Kaufmanns, von dem wir nicht weniger als 130 Land
schaften finden. Wenn man sich vor Augen hält,
daß es kaum ein vornehmes Bürgerhaus in Wien gibt,
das nicht irgendein Bild von der Hand Kaufmanns
aufzuweisen hätte, wird man über die Fülle des Nach
lasses nicht genug staunen. Und dabei hat die Leichtig
keit der Produktion Kaufmann hie zur Flüchtigkeit
verleitet. Ausgenommen etwa die Bilder aus seiner
Pariser Zeit, da er als „Monsieur Guyot“ die Be
wunderung weiter Gesellschaftskreise als Schnellen aler
erregte. Er malte damals ein Landschaftsbild, noch
lieber eine Marine in 20 bis 30 Minuten vor einer ihn
umringenden Zuschauerschaft. Wiederholt lud ihn
Fürstin Pauline Metternich, die Gattin des Öster
reichisch-ungarischen Botschafters, zu ihren Soireen,
wo er Gelegenheit fand, sein Können den vornehmsten
Kreisen zu zeigen; gelegentlich wurde er auch dem
Kaiser Napoleon III. vorgestellt. Aus dieser Zeit,
über die Kaufmann später selbst zu lachen pflegte,
ist übrigens im Nachlaß nichts vorhanden, •wohl aber
gute Landschaften von seinen vielen Reisen in
Konstantinopel, Dänemark, Holland, Serbien oder
Bilder aus Wien und dessen Umgebung.
Neben eigenen Bildern kommen aus dem Besitze
Adolf Kaufmanns Werke verschiedener Künstler zum
Verkaufe, so ein Waldmüller (Laubwald), ein Petten-
koffen (Pferdekopf), ein Calame (Studie aus San
Martino), ein Eduard Vcith (Liebeszene), Ferraris
(Bildnis eines Mädchens), Adalbert Franz Selig mann
(Studie eines sitzenden Mannes) u. a.
Dem Nachlasse Adolf Kaufmanns schließt sich
der Hans Wilts an, der am 29. März vorigen Jahres,
gerade an seinem 50. Geburtstage, in Wien einem
Lungenlciden erlag. Wilt, in Wien geboren, besuchte
hier die Akademie der bildenden Künste, wo Eduard
von Lichtenfels sein Lehrer war. Mit dem Rompreis
ausgezeichnet, verbrachte er zwei Jahre mit ernsten
Studien in Italien; nach Wien zurückgekehrt, wurde
er Mitglied der Künstlergenossenschaft, der er mit
Unterbrechung durch einen zeitweiligen Übertritt zum
Hagenbund bis zu seinem Tode angehört hat. Ein
talentvoller Künstler hat er insbesondere als Land
schafter durch seine aller Unnatürlichkeit aus dem Wege
gehende, von hoher Auffassung zeugende Schaffens
art, sich nicht nur bei Fachgenossen, sondern auch
bei Kunstkennern einen geachteten Namen erworben.
Wie die meisten seiner Kollegen war auch Wilt
Sammler, seine Spezialität bildeten Biedermeiermöbel
und Holzschnitzereien, wovon viele jetzt mit seinen
Bildern im Dorotheum unter den Hammer gelangen.
Ein Prachtstück ist eine Kommode aus poliertem Nuß
baumholz mit drei Schubladen, die als Umrahmung
der getriebenen Messinghandhaben Felder mit Ein
lagen aus lichterem Holz und bunten Blumen zeigen.
Die obere Platte enthält auf einem intarsierten Grunde
mit perspektivischem Schachbrettmuster zwei quadrati
sche Felder mit dem Monogramm Mariä und Christi
in grünen Blattkränzen, ferner eingelegt Jahreszahl
1806 und Initialen M. P.
Die Bilder aus dem Nachlasse Professor Hans
Dvoraks bieten eine Art Tageburh seiner Reisen;
die interessantesten Punkte derselben sind da vom
Künstler festgehalten worden. Hervorzuheben wären:
„Die Seemauer von- Spitzberg gesehen“, „Einsiedel“,
„Klippen von Green River in Kentucky“, „Motiv
aus der Großen Picenza in Krain“, „Ansicht von
Amalfi“ usw.
Aus dem Nachlasse Karl Kargers stammen im
ganzen acht Skizzen, es sind aber darunter die
Entwürfe zu den im Burgtheater in Wien befind
lichen Gemälden: „Vorstellung im Bauerntheater“
und „Vorstellung im Burgtheater“. Sammler finden
da auch einige wertvolle Textilien.