Nr. 8
Internationale Sammler- Zeitung
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Leopold. I. (bezüglich der Türkenkriege) taten. Christine
hatte zu diesem Zwecke 180 Stücke bestimmt, von denen
jedoch nur zwei ausgeführt worden sind. Sie wollte
diese Schaumünzen als Gastgeschenke auf ihren Reisen
an Gelehrte, Dichter und Künstler, oder an Leute des
königlichen Gefolges verteilen. Gedacht war Christine
auf diese Idealbildern als Pallas Athene mit den mannig
fachsten Ver herrlich ungs-Allegorien.
Von 1663 an datiert die Glanzzeit des Münzkabinettes
der in Rom seßhaft gewordenen Königin Christine;
ihr Palast daselbst galt als hellstrahlendes Juwel,
als einzig schönes Museum von Kunstreichtümern und
Schätzen sonder Zahl, das durch fortgesetzte Ankäufe
von Jahr zu Jahr wertvoller ward. Zur weiteren Charak
teristik der nusmimatischen Freudigkeit Christinens soll
hier erwähnt sein, daß sie in Roms Umgebung Aus
grabungen vornehmen ließ, die in erster Linie die Auf
schürfung von Münzen bezweckten. Eine derartige
Begeisterung für Metallgepräge, die als mit Edelrost
überwehte Zeugen versunkener Zeiten so deutsam zu
an Papst Pius VI. (1794). Man stelle sich vor, welche
Sensation ein Auktionator heute bei der Feilbietung
mit den Einleitungsworten hervorriefe: „Hier, meine
Herrschaften, führe ich Ihnen den Münzschrank mit den
Originalmünzen aus dem Nachlasse der Königin Christine
von Schweden vor!“ Das wäre ein Geraune, ein Sich-
reckeln auf den Sitzen, ja man würde fast das leise
Knistern der Banknoten in den Brieftaschen zu ver
nehmen. glauben, die sehnsuchtsvoll anschwellend wie
flugbereite Tauben zum Tische des Ausrufers flattern
möchten.
Irn Vatikan aber begann allmählich der Zerbröcke
lungsprozeß der berühmten Sammlung. Papst Pius VI.
— es ist derselbe, der mit Kaiser Josef II. 1782 in Wien
persönliche Beziehung pflog — sah infolge der Nach
wirkung der französischen Revolution seine weltliche
Unabhängigkeit immer mehr dahin schwinden und mußte
letzten Endes die Besetzung des Kirchenstaates durch
französische Truppen und dessen Umgestaltung zur
Republik erleben. Unter solchen auch finanziell ei.u-
Fig. 3. Jan Steen, Bauernstück.
Galerie Stumpf, Berlin.
reden wissen, ist zweifellos eine ganz außerordentliche
Erscheinung bei einem weiblichen Wesen.
In ihrem Testamente setzte Königin Christine zum
Universalerben ihres kostbaren, wenn auch mit starker
Schuldenlast beschwerten Nachlasses den schon ge
nannten Kardinal Dezio Azzolino ein. Da viele Gläu
biger aufgetaucht waren, mußte zu teilweiser Ver
äußerung der Kunstschätze geschritten werden und so
gelangten Christinens Münzen im Jahre 1691in die Hände
Don Livios, der ein Mitglied der edlen Familie Odes-
calchi und zugleich Neffe des aus demselben Stamme
hervorgegangenen Papstes Innozenz XI. war. Don
Livio, der nachmals durch Kauf zum Duca di Bracci-
ano erhoben worden ist, starb unvermählt 1713, worauf
Christinens Münzen in den Besitz von Livios Neffen
Baldassare übergingen und sodann über ein Jahr
hundert im Besitze der Herzoge von Bracciano in
Rom verblieben sind. Durch mißliche Vermögenslage
gedrängt, in welche das Herzogtum Bracciano geraten
war, veräußerte dann ein weiterer Braccianosproß die
wegen ihrer interessanten Besitzerin von einst doppelt
kostbaren Münzen um den Bettelpreis von 20.000 Skudi
setzenden Wirren fanden einzelne wertvolle Münzen
aus der Christinischen Sammlung ihren Weg zum öffent
lichen Handelsmarktc, es sickerten immer zahlreichere
Partien nach Paris und in die Sammelspinde unter
schiedlicher Privatleute. Am 26. Juli 1799 traf das
vatikanische Münzkabinett in zwei Schränken in der
Bibliotheque Nationale zu Paris ein, wo damals
der berühmte Münzgelehrte Mionnet wirkte. Er war
eben im Begriffe, das Pariser Kabinett nach dem bahn
brechenden System des Wiener Numismatikers Eckhel
umzugruppieren und. ergriff den Anlaß, die eben ein
gelangten schwedischen Münzschätze als frischen Zu
wachs in die vorhandenen Pariser Stammbestände
einzubeziehen. Daß hiebei jegliche Spur der Provenienz
aller neu hin zu gekommenen Münzen verwischt werden
mußte, ist begreiflich. Bei den Pariser Friedensver
handlungen im Jahre 1815 wurde sodann der französi
sche Staat von Rechts wegen zum offiziellen Eigen
tümer der hier besprochenen Münzsammlung der
schwedischen Herrscherin erklärt.
Auch das Londoner und das Berliner Münzkabinett
nahmen manches Stück aus der hochansehnlichen