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Internationale Samm 1 er -Zei i u ug
des Fuldaer Landesbibliotliekars Dr. Karl Scherer mit einem
hohen Grade von Wahrscheinlichkeit, ja zum Teil Gewißheit
erwiesen worden, daß sowohl dieses merkwürdige Buch, wie
auch andere Bücher aus dem Besitze des heiligen Bonifacius
noch heute in der Fuldaer Landesbibliothek erhalten sind.
Prof. Br. Kl. Löffler gibt über die einschlägigen Forschungen
in (inem fesselnden Aufsatz im jüngsten Heft der Zeitschrift
für Bücherfreunde näheren Bericht. Es handelt sich um drei
in der Fuldaer Landesbibliothek erhaltenen ,,Codices Boni-
fatiani“. Davon ist der eine der sogenannte Viktor-Kodex, der
für den Bischof Viktor von Capua im Jahre 574 vollendet
worden ist. Er enthält eine Evangelienharmonie, die Paulini
schen Briefe, die Apostelgeschichte, die sieben katholischen
Briefe und die Apokalypse, alles von einer Hand geschrieben.
Die Handschriftenvergleichung hat jedoch erwiesen, daß diese
Hand die eines Iren, nicht eines Angelsachsen sein, daß mithin
der Kodex nicht von Bonifacius selbst geschrieben sein kann.
Dagegen ist sicher anzunehmen, daß das Buch im Besitze des
Heiligen gewesen ist, denn er führe in einem .seiner Briefe die
Stelle 1, Petri 5, 8—9 in einer Textgestalt an, die bisher nur
diese Handschrift bietet. Das zweite in Betracht kommende
Buch ist der sogenannte Ragyndrudes-Kodex, der vierzehn
Stücke last durchweg dogmatisch-polemischer Natur enthält.
Dies ist das Buch, das aller Wahrscheinlichkeit nach der Heilige
bei seinem Tode bei sich getragen hat. Ein scharfer Streich hat
es von vorn oben in der Mitte getroffen, er hat den oberen
Deckel gespalten und der Einschnitt geht nach hinten, all
mählich kürzer werdend, durch sämtliche Blätter bis in den
hinteren Deckel. Ein zweiter Hieb ist auf den vorderen Deckel
rechts unten geführt, auch er hat sämtliche Blätter und den
Rückdeckel durchschlagen. Der Text selbst aber hat keine
Einbuße erlitten. Die dritte Handschrift endlich enthält den
lateinischen Text der Evangelien. Ihr Charakter weist auf
irischen Ursprung hin; da sie etwa im ersten Drittel des 8. Jahr
hunderts entstanden sein mag, so ist es nicht ausgeschlossen,
daß auch dieses Buch aus dem Besitze des heiligen Bonifacius
stammt. So sind diese Handschriften kultur- und kirchen-
geschichtiich zu den edelsten Reliquien des deutschen Hand
schriftenbesitzes zu rechnen; übrigens nehmen aber der Ragyn-
drudes-Kodex und das letzterwähnte sogenannte Cadmug-
Evangeliar auch buchtechnisch insofern eine besondere und
wichtige Stellung ein, als sie die beiden ältesten Ledereinbände
tragen, die bisher überhaupt bekannt sind.
Bilder.
(Zwei neue Zeichnungen Grünewalds.) Der Schatz
der mit Sicherheit Grünewalds zuzuschreibenden Zeichnun
gen, der durch die Forschung in. neuster Zeit fortgesetzt ver
größert werden konnte, erfährt soeben eine weitere Vermehrung
durch zwei bisher unbekannte Zeichnungen des Meisters, die
Max J. Friedländer im neuesten Hefte des ,,Jahrbuches
der Kgl. Preußischen Kunstsammlungen“ veröffentlicht. Be
sonders wertvoll ist die Zeichnung einer Frau mit gefaltenen
Händen und aufgelöstem Haare, das Haupt links aufwärts
gerichtet und vom Lichte voll beschienen. Diese jetzt Herrn
Julius Licht in Berlin gehörige Zeichnung stammt aus der
Sammlung F. C. von Savignys, und da Savigny aus Frank
furt gebürtig war und immer mit der Mainstadt in Verbindung
geblieben istj so ist es nicht unmöglich, daß die Zeichnung aus
dem von Sandrart erwähnten Bande mit Grünewalds Studien
stammt, der vielleicht in Frankfurt zerteilt wurde. Das sehr
bedeutende Blatt verrät Grünewalds Hand auf den ersten
Blick; mit ihm kann sich die zweite neue Zeichnung, der Kopf
eines alten bartlosen Mannes in einer Kappe, an Charakter
nicht wohl vergleichen. Diese Zeichnung ist von R. Olden
burg im Nationalmuseum zu Stockholm entdeckt worden
und stammt aus dem Besitze des bekannten Grafen Carl Gustaf
Tessin, der seine Sammlungen im 18. Jahrhundert gebildet
hat. Max J. Friedländer benutzt die Gelegenheit, um von
Grünewalds Stil als Zeichner, wie er besonders an der Fraucn-
studio höchst ausgeprägt erkennbar wird, eine Charakteristik
zu geben, auf die Interessenten verwiesen seien.
(Eine herrenlose Skizze von Amerling.) In das
Geschäft des Wiener Antiquitätenhändlers Heinrich Ephron
kam am 22. v. M. ein. unbekannter Mann und bot, angeblich
im Aufträge eines Herrn, dessen Namen er nicht nennen dürfe,
eine Skizze von Amerling, die aus dem Jahre 1833 stammt
und auch signiert ist, um K 1000 zum Kaufe an. Herr Ephron
überzeugte sich von der Echtheit des Bildes und bot dem Ver
käufer K 600 au. Der Kauf kam zustande und der Verkäufer
entfernte sich mit dem Gelde. Vorher hatte Ephron von ihm
eine Bestätigung erbeten, auf der sich der ■Mann als „Josef
Kranzl, 2. Bezirk, Schiffamtsgasse 24“ unterschrieb. Herr
Ephron wollte sich nachträglich überzeugen, ob der angebliche
Namen und die Adresse auf Richtigkeit beruhten. Im Hause
Schiffamtsgas.se 24, war aber ein Josef Kranzl unbekannt.
Nun erstattete der Antiquitätenhändler bei der Polizei die
Anzeige und hinterlegte dort das Bild. Es stellt einen Herrn
in schwarzem Rock mit „Vatermördern“ und schwarzem Hals
tuch dar. Erhebungen über die Herkunft des Bildes sind im
Zuge.
Numismatik.
(Fälschungen der Berliner Stadtkassenscheine.)
Aus Berlin wird uns geschrieben: Von den neuen Berliner
Stadtkassenscheinen, die kaum vier Wochen in Umlauf sind,
sind bereits jetzt Fälschungen im Umlauf. Wie der Magistrat
mitteilt, sind die Fälschungen ziemlich leicht an folgenden
Merkmalen erkennbar; Sie sind ohne Wasserzeichen
auf gewöhnlichem Papier hergestellt. Der rote Untergrund
ist sehr schwach oder fehlt zum großen Teile ganz. Der
Trockenstempel zeigt nicht das Berliner Stadtwappen, sondern
den Reichsadler. Der in Schwarzdruck ausgeführte Text
ist unscharf und unklar. Die Nummern der einzelnen Scheine
sind fast doppelt so groß wie die der echten.
Verschiedenes.
(Ein Staatsamt der schönen Künste in Deutsch
österreich) Eine Abordnung des provisorischen Volks
ausschusses der bildenden Künstler Deutschösterreichs, be
stehend aus dem Präsidenten Rektor von Hellmer, dem
Vizepräsidenten Professor, Ranzoni und Sekretär Lechner,
wurde vom Staatssekretär für Unterricht, Pacher, empfangen
und überreichte folgende Eingabe der Künstlerschaft an den
Staatsrat. 1. Die bildenden Künstler Deutschösterreichs ver
langen die Schaffung eines- eigenen „Staatsamtes für schöne
Künste“, in welches eine eigene „.Sektion für bildende Kunst“
einzugliedern ist. 2. Innerhalb des Wirkungskreises dieser
Sektion, also in allen die bildende Kunst betreffenden Fragen,
ist dem von der freien Künstlerschaft Deutschösterreichs
(Gruppe bildender Künstler) frei zu wählenden und aus
schließlich aus ausübenden bildenden Berufskünstlern beste
henden Kunstrat das Recht maßgebender Einflußnahme ein-
zuräumen. 3, Bis zur Bildung des „Staatsamtes für schöne
Künste“, beziehungsweise der „Sektion für bildende Kunst“,
ist der Vollzugsausschuß der bildenden Künstler Deutsch-
Österreichs bei Lösung aller die bildenden Künste betreffenden
Fragen, insbesondere aber zu den Vorberatungen der Er
richtung der „Sektion für bildende Kunst“ heranzuziehen.
Staatsekretär Pacher würdigte vollauf die Berechtigung der
in der Eingabe enthaltenen Wünsche und versprach, sein
Bestes zu ihrer Verwirklichung beizutragen.