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Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 10
ging sich in sehr anzüglichen Commentaren zu dem
von ihr sehr unerbittlich aufgestellten Satze:
ein Künstler höre auf Künstler zu sein, sobald er sich
verliebe, resp. verheirathe, Man habe zwischen diesem
„aut-aut“ zu wählen. — Kalter Schweiß stand mir
auf der Stirne, doch hörte ich ruhig zu mit jung
fräulich zur Erde gesenktem Blick — für Zweie . . ."
— Ferner: „Ich bin eigentlich schon längst mit mir
darüber einig, daß ich über eine lyrische Ader nicht
verfügen kann und werde nicht eher aufhören, bis
ich davon, ich möchte sagen, eine ohrfeigenartige
Gewißheit erlangt habe. Mein eigentliches Feld ist
rcflektives Grausen. Die erwähnte Orchesterfantasie
ist gewissermaßen das Daguerreotyp meiner geringen
musikalischen Individualität.“ —„Was die Lisztsche
Sonate anlangt, so trage ich für mich kein Bedenken,
gräßl. Anstoß zu erregen, ich habe in Berlin, wo ich
ansässig bin, genügend gezeigt, daß es mir auf Provo-
cationen nicht ankommt.“ „Wenn Du den Groß
präfekten (v. Hülsen) siehst, könntest Du nicht bei
läufig einmal meinen Namen nennen und das Gesicht
beobachten, das er dabei schneidet. Möchte gern,
trotzdem ich nichts von ihm will, noch je wollen werde,
wissen, ob er, wie mir Andere gesagt, mich aus welchen
Gründen immer wirklich so stark detestiert. Man
kann einmal „international“ mit einander verkehren
müssen und da wäre mir’s lieb, wenn ein höfliches,
rücksichtsvolles Vernehmen zwischen mir und ihm
angebahnt werden könnte.“ — (24./7. 1869:) „Meine
Lebenslust, Frische, Elastizität u. s. w. ist seit Monaten
in Abnahme begriffen und zwar bis zur vollkommensten
Nervenschwäche. Die künstlerisch ehrenvolle Stellung,
welche mir in München durch Wagners Freundschaft
vermittelt worden ist, länger zu behaupten —'ist eine
moralische wie übrigens (in zweiter Linie) materielle
Unmöglichkeit geworden. Ich brauche ein Jahr der
Ruhe, Einsamkeit, der Vorbereitung zu einer „neuen“
Fortexistenz.“ — „Ach — wer doch mir den ver
schrobenen Kopf, das verbogene Herz wieder ein
richten könnte!“ — „Ich gehöre Dir mit Freuden an,
finde meinen schönsten Ehrgeiz darein, Dein Ver
trauen zu rechfertigen. Gib Dich aber keinen Illusionen
hin: Der Charakter ist, bleibt unveränderlich . — ob
einer 14, 27, 37 u. 47 Jahre zähle —; mildern, vielleicht
zähmen kann ich meine Heftigkeit (den schlimmsten
meiner Fehler) — castriren niemals.“
Uber Brahms urteilt Bülow in einem Briefe von
1878: „Durch Johannes Brahms bin ich orthodox
geworden und habe ich Frieden und sogar, bei aller
Erkenntnis meiner Nullität, Selbstgenügen gefunden.
Möge Dir das letztere nicht zur Anmaaßung aufge
bauscht erscheinen, wenn ich behaupte, daß Du J. Br.
noch nicht verstehst, nicht aus Mangel an Begabung
—! Du mögest Dich erinnern, wie sehr ich stets in dieser
Beziehung beflissen gewesen bin, meine Inferiorität
zu betonen, sondern aus Mangel an Muße, Dich in ihn
einzuleben und seine ,latente Wärme* zu erforschen.“
Eine umfangreiche, hochinteressante Sammlung
bilden auch die Briefe Joachims; Botho von Hülsens
Briefe wieder geben ein treffendes Bild von dessen
Tätigkeit als Generalintendant der Berliner könig
lichen Schauspiele. Besonders bemerkenswert ist sein
schroffes, ablehnendes Verhalten gegen Wagner und
seine Kunst; immer und immer wieder sträubt er sich
gegen Aufführungen Wagnerscher Tondramen. So
schreibt er z. B. am 27. Juli 1871 an Bronsart: „Sie
schwärmen ja in Wagner. Von 4 Opern in der Woche
3 dieser Richtung. Macht das die Nähe des großen
Mannes" . .; im Briefe vom 23. Dezember 1879 heißt
es: „Freilich halten viele Menschen, die täglich mit
dem lieben Gott hadern, Richard Wagner Alles —
Undankbarkeit, Verführung der Frauen der Freunde
pp., wahnsinnige Uberhebung etc. zu Gute; das kann
ich aber nicht begreifen ..." und anläßlich einer in
Hannover projektierten Totenfeier für Wagner schreibt
er am 22. Februar 1883: „Mozart, Weber, Meyerbeer,
Goethe, Lessing u. Schiller starben ohne den Götzen
dienst, der bei der Todtenfeier eines nicht Grösseren
getrieben wird. Ich will durchaus nicht demonstriren,
aber dieser lächerliche Schwindel als sei der liebe
Herrgott gestorben u. die Welt sei aus den Fugen
geworfen, halte ich für die Kgl. Bühnen nicht für
würdig . . . Als Musiker war er groß als Mensch —!!
Was die Zukunft betrifft, so wird er bald vergessen
sein . . .“
Der noch immer nicht vergessene Richard
Wagner selbst ist mit einer Reihe, bei Altmann nicht
angeführter, also wohl ungedruckter Briefe vertreten,
die sich auf Aufführungen seiner Werke oder Konzerte
beziehen.
Blättern wir in den 50 Seiten umfassenden Katalog,
so stoßen wir noch auf eine Unzahl von bedeutenden
Männern aus dem Gebiete der Tonkunst: auf Brahms,
Liszt, Hegar, Paderewsky, Rubinstein, Arnold Rose,
Richard Strauß, Weingartner usw.
Unter den Dichter autogrammen erscheinen die
Episteln Paul Heyses als Meisterstücke dieser intim
sten Literatur. Es hat ganz eigenen Reiz, zu verfolgen,
mit welch eingehender Begründung der Dichter den
Bedenken des Intendanten wegen Mängel der Bühnen
wirksamkeit einzelner Stellen seiner Stücke entgegen
tritt oder auch beipflichtet. Man ersieht daraus, daß
es sich ihm um die literarische Seite seiner Schöpfungen,
die Durchführung seiner dichterischen Ideen und um
psychologische Motivierung seiner Charaktere handelt
und daß er gerne den Bühneneffekt opfert, um nur
seinem poetischen Gewissen treu bleiben zu können.
Bemerkenswert ist auch die außerordentliche Ge
wissenhaftigkeit und Sorgfalt seiner Schaffensweise,
die sich in immer erneuten Verbesserungen und Um
formungen seiner Werke und in den langen Aus
führungen über dieselben an Bronsart kundgibt. So
bietet die Korrespondenz wahrhaftig wichtige Auf
schlüsse über die Eigenart seines dramatischen Wirkens.
Diese war ihm allerdings zum Erringen starker Bühnen
erfolge nicht gerade sehr günstig. Es erklärt sich daher
auch seine ablehnende Stellung zum Naturalismus,
dessen Anfang und Blüte gerade in die Epoche unserer
Korrespondenz fiel. Eine gewisse Vereinsamung und
Verbitterung, die sich in des Dichters späteren Jahren
so sehr verschärfen sollte, ist bereits in dieser Zeit
deutlich zu merken. So schreibt er 1886 an verschie
denen Stellen: ,, . . . die hochmögenden Herrn von der
Feder . . . gehorchen der Parole, die in jüngster Zeit
vom jüngsten Deutschland . . . auch gegen mich aus-
gegeben worden ist, was ich mir nur zur Ehre rechne“,
sowie: ,, . . . ich werde wohl den Mut nicht ganz <inken
lassen, und hoffen dürfen, im Schwimmen gegen den
Strom doch noch ein Stück weit zu kommen.“ Viel
schärfer heißt es am 13. November 1889 bei der wenig
günstigen Aufnahme seines Dramas „Ein über
flüssiger Mensch“: „Die verkehrten, bornierten,, bös
willigen Urtheile, die ihm (dem Stücke) nachgehöhnt“
wurclen, hätten ihn nicht irre machen können. „Daß
schon das Thema des Stückes nicht von dem großen
Haufen verstanden und gewürdigt werden möchte,
hatte ich vorausgesehen und einen wie schweren Stand
eine Dichtung haben würde, die in keiner Weise der
heutigen Begierde nach dem Sensationellen, Kranken,
Gewaltsamen entgegenkommt, konnte ich mir auch nicht