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Seite 76 
Internationale Sammler-Zeitung 
Nr. 10 
ging sich in sehr anzüglichen Commentaren zu dem 
von ihr sehr unerbittlich aufgestellten Satze: 
ein Künstler höre auf Künstler zu sein, sobald er sich 
verliebe, resp. verheirathe, Man habe zwischen diesem 
„aut-aut“ zu wählen. — Kalter Schweiß stand mir 
auf der Stirne, doch hörte ich ruhig zu mit jung 
fräulich zur Erde gesenktem Blick — für Zweie . . ." 
— Ferner: „Ich bin eigentlich schon längst mit mir 
darüber einig, daß ich über eine lyrische Ader nicht 
verfügen kann und werde nicht eher aufhören, bis 
ich davon, ich möchte sagen, eine ohrfeigenartige 
Gewißheit erlangt habe. Mein eigentliches Feld ist 
rcflektives Grausen. Die erwähnte Orchesterfantasie 
ist gewissermaßen das Daguerreotyp meiner geringen 
musikalischen Individualität.“ —„Was die Lisztsche 
Sonate anlangt, so trage ich für mich kein Bedenken, 
gräßl. Anstoß zu erregen, ich habe in Berlin, wo ich 
ansässig bin, genügend gezeigt, daß es mir auf Provo- 
cationen nicht ankommt.“ „Wenn Du den Groß 
präfekten (v. Hülsen) siehst, könntest Du nicht bei 
läufig einmal meinen Namen nennen und das Gesicht 
beobachten, das er dabei schneidet. Möchte gern, 
trotzdem ich nichts von ihm will, noch je wollen werde, 
wissen, ob er, wie mir Andere gesagt, mich aus welchen 
Gründen immer wirklich so stark detestiert. Man 
kann einmal „international“ mit einander verkehren 
müssen und da wäre mir’s lieb, wenn ein höfliches, 
rücksichtsvolles Vernehmen zwischen mir und ihm 
angebahnt werden könnte.“ — (24./7. 1869:) „Meine 
Lebenslust, Frische, Elastizität u. s. w. ist seit Monaten 
in Abnahme begriffen und zwar bis zur vollkommensten 
Nervenschwäche. Die künstlerisch ehrenvolle Stellung, 
welche mir in München durch Wagners Freundschaft 
vermittelt worden ist, länger zu behaupten —'ist eine 
moralische wie übrigens (in zweiter Linie) materielle 
Unmöglichkeit geworden. Ich brauche ein Jahr der 
Ruhe, Einsamkeit, der Vorbereitung zu einer „neuen“ 
Fortexistenz.“ — „Ach — wer doch mir den ver 
schrobenen Kopf, das verbogene Herz wieder ein 
richten könnte!“ — „Ich gehöre Dir mit Freuden an, 
finde meinen schönsten Ehrgeiz darein, Dein Ver 
trauen zu rechfertigen. Gib Dich aber keinen Illusionen 
hin: Der Charakter ist, bleibt unveränderlich . — ob 
einer 14, 27, 37 u. 47 Jahre zähle —; mildern, vielleicht 
zähmen kann ich meine Heftigkeit (den schlimmsten 
meiner Fehler) — castriren niemals.“ 
Uber Brahms urteilt Bülow in einem Briefe von 
1878: „Durch Johannes Brahms bin ich orthodox 
geworden und habe ich Frieden und sogar, bei aller 
Erkenntnis meiner Nullität, Selbstgenügen gefunden. 
Möge Dir das letztere nicht zur Anmaaßung aufge 
bauscht erscheinen, wenn ich behaupte, daß Du J. Br. 
noch nicht verstehst, nicht aus Mangel an Begabung 
—! Du mögest Dich erinnern, wie sehr ich stets in dieser 
Beziehung beflissen gewesen bin, meine Inferiorität 
zu betonen, sondern aus Mangel an Muße, Dich in ihn 
einzuleben und seine ,latente Wärme* zu erforschen.“ 
Eine umfangreiche, hochinteressante Sammlung 
bilden auch die Briefe Joachims; Botho von Hülsens 
Briefe wieder geben ein treffendes Bild von dessen 
Tätigkeit als Generalintendant der Berliner könig 
lichen Schauspiele. Besonders bemerkenswert ist sein 
schroffes, ablehnendes Verhalten gegen Wagner und 
seine Kunst; immer und immer wieder sträubt er sich 
gegen Aufführungen Wagnerscher Tondramen. So 
schreibt er z. B. am 27. Juli 1871 an Bronsart: „Sie 
schwärmen ja in Wagner. Von 4 Opern in der Woche 
3 dieser Richtung. Macht das die Nähe des großen 
Mannes" . .; im Briefe vom 23. Dezember 1879 heißt 
es: „Freilich halten viele Menschen, die täglich mit 
dem lieben Gott hadern, Richard Wagner Alles — 
Undankbarkeit, Verführung der Frauen der Freunde 
pp., wahnsinnige Uberhebung etc. zu Gute; das kann 
ich aber nicht begreifen ..." und anläßlich einer in 
Hannover projektierten Totenfeier für Wagner schreibt 
er am 22. Februar 1883: „Mozart, Weber, Meyerbeer, 
Goethe, Lessing u. Schiller starben ohne den Götzen 
dienst, der bei der Todtenfeier eines nicht Grösseren 
getrieben wird. Ich will durchaus nicht demonstriren, 
aber dieser lächerliche Schwindel als sei der liebe 
Herrgott gestorben u. die Welt sei aus den Fugen 
geworfen, halte ich für die Kgl. Bühnen nicht für 
würdig . . . Als Musiker war er groß als Mensch —!! 
Was die Zukunft betrifft, so wird er bald vergessen 
sein . . .“ 
Der noch immer nicht vergessene Richard 
Wagner selbst ist mit einer Reihe, bei Altmann nicht 
angeführter, also wohl ungedruckter Briefe vertreten, 
die sich auf Aufführungen seiner Werke oder Konzerte 
beziehen. 
Blättern wir in den 50 Seiten umfassenden Katalog, 
so stoßen wir noch auf eine Unzahl von bedeutenden 
Männern aus dem Gebiete der Tonkunst: auf Brahms, 
Liszt, Hegar, Paderewsky, Rubinstein, Arnold Rose, 
Richard Strauß, Weingartner usw. 
Unter den Dichter autogrammen erscheinen die 
Episteln Paul Heyses als Meisterstücke dieser intim 
sten Literatur. Es hat ganz eigenen Reiz, zu verfolgen, 
mit welch eingehender Begründung der Dichter den 
Bedenken des Intendanten wegen Mängel der Bühnen 
wirksamkeit einzelner Stellen seiner Stücke entgegen 
tritt oder auch beipflichtet. Man ersieht daraus, daß 
es sich ihm um die literarische Seite seiner Schöpfungen, 
die Durchführung seiner dichterischen Ideen und um 
psychologische Motivierung seiner Charaktere handelt 
und daß er gerne den Bühneneffekt opfert, um nur 
seinem poetischen Gewissen treu bleiben zu können. 
Bemerkenswert ist auch die außerordentliche Ge 
wissenhaftigkeit und Sorgfalt seiner Schaffensweise, 
die sich in immer erneuten Verbesserungen und Um 
formungen seiner Werke und in den langen Aus 
führungen über dieselben an Bronsart kundgibt. So 
bietet die Korrespondenz wahrhaftig wichtige Auf 
schlüsse über die Eigenart seines dramatischen Wirkens. 
Diese war ihm allerdings zum Erringen starker Bühnen 
erfolge nicht gerade sehr günstig. Es erklärt sich daher 
auch seine ablehnende Stellung zum Naturalismus, 
dessen Anfang und Blüte gerade in die Epoche unserer 
Korrespondenz fiel. Eine gewisse Vereinsamung und 
Verbitterung, die sich in des Dichters späteren Jahren 
so sehr verschärfen sollte, ist bereits in dieser Zeit 
deutlich zu merken. So schreibt er 1886 an verschie 
denen Stellen: ,, . . . die hochmögenden Herrn von der 
Feder . . . gehorchen der Parole, die in jüngster Zeit 
vom jüngsten Deutschland . . . auch gegen mich aus- 
gegeben worden ist, was ich mir nur zur Ehre rechne“, 
sowie: ,, . . . ich werde wohl den Mut nicht ganz <inken 
lassen, und hoffen dürfen, im Schwimmen gegen den 
Strom doch noch ein Stück weit zu kommen.“ Viel 
schärfer heißt es am 13. November 1889 bei der wenig 
günstigen Aufnahme seines Dramas „Ein über 
flüssiger Mensch“: „Die verkehrten, bornierten,, bös 
willigen Urtheile, die ihm (dem Stücke) nachgehöhnt“ 
wurclen, hätten ihn nicht irre machen können. „Daß 
schon das Thema des Stückes nicht von dem großen 
Haufen verstanden und gewürdigt werden möchte, 
hatte ich vorausgesehen und einen wie schweren Stand 
eine Dichtung haben würde, die in keiner Weise der 
heutigen Begierde nach dem Sensationellen, Kranken, 
Gewaltsamen entgegenkommt, konnte ich mir auch nicht
	        
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