Internationale
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde.
Herausgeber: Norbert Ehrlich.
11. Jahrgang. Wien, 15. Juni 1919. Nr. 12.
Bibliophile Seltenheiten.
Joseph Baers „Frankfurter Bücherfreund“, der
schon längst über den engen Rahmen eines Bücher
katalogs zu einem wissenschaftlichen Hilfswerk hinaus
gewachsen ist, verzeichnet in seiner neuesten Nummer
(Heft 4 des 12. Jahrganges) eine ganz ungewöhnlich
große Anzahl von Neuerwerbungen, denen der Charakter
von bibliophilen Seltenheiten eignet.
In erster Linie wäre der Portulan-Atlas zu nennen,
der um 1540 erschienen ist. Anordnung und Technik
der aufs feinste in Gold und Farben ausgeführten Karten
weisen mit Sicherheit darauf hin, daß dieser Portulan
aus der Werkstatt des berühmten Venezianer Karto
graphen Agnese hervorgegangen ist, dessen Arbeiten
Hai risse, Jean et Sebastian Cabot, Paris 1882 und
Kretschmer, Die Entdeckung Amerikas in ihrer Be
deutung für die Geschichte des Weltbildes, Berlin
1892, ausführlicher beschrieben haben. Besonders mit
dem von letzterem verzeichneten, ebenfalls anonymen,
Portulan der Universitätsbibliothek in Bologna
(cod. 997) hat dieser die größte Ähnlichkeit. Charak
teristisch für die Agneseschen Portulane sind die beiden
Reiserouten nach den Molukken (Weltumseglung),
die bei unserem Exemplare in der zweiten Weltkarte
durch eine Silbcrlinie mit den Aufschriften: per ander
ale maluche und el tornar dale maluche wiedergegeben
ist. Auch der vorzüglich erhaltene venezianische Original
einband weist unzweifelhaft auf die Agnesische Werk
statt hin. Der Atlas ist mit M 50.000 bewertet.
Ihm an Wert zunächst (Schätzungspreis M 30.000)
steht Le bas’ Recuil de divers morceau graves d’apres
plusieurs tableaux de David Teniers, de Boot, de
Berghem, de Vouvremans, de Paulus Pottcr usw.
Das Buch stammt aus der Bibliothek des Königs
Louis Philipp und trägt am Fuße des Titels den
Bibliotheksstempel: „Bibliotheque du Roi (Neuilly)".
Brunet III. 898 erwähnt dieses Exemplar, das in der
Versteigerung Louis Philippen verkauft wurde. Ein
anderes Exemplar des Werkes nicht nachweisbar.
Cohen, 6. ed Sp. 607 gibt den Titel ungenau an, erwähnt
nur 74 Tafeln und kann weder ein Exemplar nachweisen,
noch Preise angeben. Offenbar ist das wohl nur in' we
nigen Exemplaren hergestellte Werk dadurch unter
gegangen, daß es von den Kupferstichhändlern zer
schnitten wurde, um die berühmten schönen Kupfer
stiche nach Teniers, Lancret, Chardin, Boucher, Coypel
und andern einzeln zu verkaufen.
Von den „Americana“ möchten wir eine vollstän
dige Ausgabe der 1508 zu Rom gedruckten Geographie
des Claudius Ptolemäeus und Waldseemüllers
„Cosmographiae Indroductio“ (St. Saint Die 1507) her
vorheben. Waldseemüllers Buch besteht aus zwei ver
schiedenen Teilen: einer geographischen Einleitung
und einem Bericht über die vier Reisen Amerigo
Vespuccis. Waldseemüller hat als erster mit diesem
Werke die Anregung gegeben, den neuentdeckten
Erdteil Amerika zu nennen. Die Veröffentlichung
hatte sofort Erfolg, der Vorschlag wurde allgemein
angenommen und behauptete sich gegen später auf
tretenden Widerspruch. Ohne dies kleine Werk würde
der westliche Continent heute Atlantis, Hesperides,
Columbia oder Neuindien genannt werden.
Unter den illustrierten Büchern des 15. Jahrhunderts
weist der „Bücherfreund“ ein Unikum auf. Es ist dies
ein vollständiges Exemplar von Guillermus „Postilla
epistolarum et evangeliorum de tempore et de sanctis“,
Lugduni, Joannes Trechsel 1489. Mit Ausnahme von
Reichling ist dies Werk allen Bibliographen unbe
kannt, Reichling selbst gibt im Supplement seiner
Appcndices (unter Nr. 87) nur eine ungenaue Be
schreibung des einzigen, bis dahin bekannten, aber
defekten Exemplares, das die Bibliothek in Frei bürg
(Schweiz) besitzt.
Die Abteilung „Illustrierte Bücher des 16. Jahr
hunderts“ enthält unter anderen die zweite gedruckte
Polyglotte, deren neun Maroquinbände mit ihrer
reichen Vergoldung zu den besten Erzeugnissen der
Plantinschen Buchbinderei gehören. Die Deckel um
rahmen 3 Bordüren, von denen die mittelste mit Spiral-
guirlanden, musizierenden Engeln, Sphinxen und fanta
stischen Tieren die schönste ist. Den Übergang zum
Mittelspiegel bilden Eckzierate. In der Mitte sehen
wir ein Wappen von einem großen mit Blumenranken
und Vögeln ausgefüllten Medaillon umgeben. Steh
kanten und Rücken sind entsprechend prunkvoll ver
goldet, der Goldschnitt ist ziseliert.
Durch seinen herrlichen Einband ist auch Fonta-
nieus Werk „Collection de vases inventees et dessi-
nees" bemerkenswert. Die breite, die Decken einfassende
Spitzenvergoldung ist ein prachtvolles charakteristisches
Beispiel der Kunst des jüngeren Derömes, gebildet
aus reichem und zarten Rankenwerk mit eingestreuten
fers pointilles, die Ecken und Mitten der Kanten, nach
der Mitte ausladend, tragen an der Spitze die bekannten
für Derömes Arbeiten bezeichnenden fers ä 1‘oiseau.
Auf dem weißen Blatt vor dem Titel die Marke: „Relie
par DEROME le jeune, rue St. Jäque audessus de
Sr. Benoist.“