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Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 12
Die neueste Zeit ist durch wenige aber pracht
volle Drucke vertreten. Wir führen an:
Hyperion, eine Zweimonatschrift von Franz Blei,
Sternheim und Heymel, 6 Bände, Preis M 2000.
Balzac, Scenes de la vie de Campagne. Illustra
tions et eauxfortes de Georges Jeanniot. Preis M 3200.
DasWerkvon G. Kli mt.Drawta, Wien 1918,M 1200.
Maupassant, Deux Contes: Le Vieux. La Ficelle.
84 petites compositions dessinees et gravees sur bois
par Auguste Lepere. Aux depens de la Societe Normande
du livre illustre. Paris 1907, M 2400.
Hugo Steiner, Der Golem, Prager Phantasien,
Lithographien zu Gustav Meyrinks Roman. Kurt Wolff
Verlag, Leipzig 1916, Preis M 3200.
Struck: Skizzen aus Rußland. 50 Originalsteinzeich-
nungen. O. O. (Kowno) 1916, Groß-Folio. Drucke auf
Japanpapier, vom Künstler handschriftlich signiert,
M 660.
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Reynolds „Tragische Muse“ unter dem Hammer.
Aus dem Haag wird uns geschrieben:
Am 4. Juli findet bei Christie in London eine
Gemäldeauktion statt, die besondere Beachtung ver
dient, gelangt doch da ein Meisterwerk der englischen
Malerei, das „Porträt der Mrs. Siddons als tragische
Muce“ von Sir Joshua Reynolds, zur Versteigerung.
Das berühmte Gemälde, neben dem „Knaben in
Blau“ von G ainsborough wohl das glänzendste Bei
spiel der englischen Malerei, stammt aus dem Besitze
des Herzogs von Westminster, der sich aus Gründen,
die die englischen Zeitungen nicht kennen oder ver
schweigen, entschlossen hat, sich dieses kostbaren
Besitzes seiner Privatgalcrie zu entäußern.
Miß Siddons war die berühmteste englische Tra
gödin ihrer Zeit, weshalb sie Reynolds bat, ihm als
Modell für die Figur einer Mjrse der Tragödie zp dienen.
Das Gemälde von Reynolds zeigt die Künstlerin in
der vollen Hoheit ihrer imposanten Erscheinung.
Miß Siddons sitzt auf einem Thronsessel, ihr linker
Ellbogen stützt sich, auf die Lehne und ihre Hand weist
erhoben in die Luft, als ob sie mit dem Zeigefinger
zur Stille mahnen würde. Ihr Antlitz ist mit einem gleich
sam lausch nden Ausdruck nach rechts und die Höhe
gewendet, als ob sie irgend welchen Klängen aus der
Ferne lauschte. Das Haar ist von einer goldenen Tiara
geschmückt; zwei reich' Locken fallen - über jede
Schulter, während die Stirn blank und glatt von den
Haaren frei gekämmt ist. Eine dreifache Perlenreihe
schlingt sich um Hals und Schaltern und bildet auf
dem Busen einen großen Knoten. Hinter ihrem Throne
stehen rechts und links die allegorischen Gestalten
des Verbrechens und der Reue, deren eine einen Gift
becher, die andere einen Dolch in der Hand hält. Auf
dem Saume des dunkelgrünen Reifrockes der Künst
lerin hat der Maler seinen Namen verewigt, ^was Rey
nolds im allgemeinen nie zu tun pflegte. Das Bildnis
der Sara Siddons als tragische Muse zeichnete er,
weil er von der Meisterschaft dieses Werkes persönlich
durchdrungen war, und bemerkte, während er seinen
Namenszug auf die Leinwand lünpinsclte, zur modell
sitzenden Tragödin: „Ich möchte nicht die Ehre ver
säumen, welche mir diese Gelegenheit bietet, auf
Ihrem Mantelsaum in die Unsterblichkeit einzugehen!“
Sir Joshua scheint überhaupt nicht nur ein großer
Porträtist, sondern auch ein überaus galanter Mann
gewesen zu sein, denn er empfing Sara Siddons bei
der ersten Sitzung ihrem eigenen Zeugnis nach mit
überschwänglichen Lobpreisungen ihrer Schauspiel
kunst und geleitete die Künstlerin schließlich mit
folgendem Kompliment auf die Estrade: „Besteigen
Sie Ihren unbestrittenen Thron und offenbaren Sie
mir gnädig eine Vorstellung der tragischen Muse."
Hierauf soll die berühmte Schauspielerin ohne Zögern
die Stufen zu ih cm Thronsitz emporgeschritten sein,
um im ersten Augenblick, ohne viel zu probieren,
genau die Attitüde einzunehmen, in welcher sie auf
dem Gemälde Reynolds der Nachwelt überliefert
wurde.
Was die Geschichte des Gemäldes anlangt, so ver
kaufte Reynolds das Werk sofort nach Vollendung
für 800 Guineen dem Herrn von Calonne, Finanz
minister Ludwigs XVI. von Frankreich. Als die Privat
galerie Calonnes im Jahre 1795 unter den Hammer kam,
erwarben englische Kunsthändler das Bild um 320 Pfund.
Bei einer Versteigerung im Jahre 1823 erhielt Lord
Grosvenor die tragische Muse bei dem Ausrufungs
preis von 1750 Guinee*} zugeschlagen. 96 Jahre lang
blieb nun das Porträt in dem Besitze der Familie
Grosvenor, deren ältestes Familienmitglied jeweils
den Titel eines Herzogs von Westminster führt.
Das Gemälde Reynolds war neben dem „Knaben
in Blau“ von Gainsborough, das sich ebenfalls im Be
sitze des Herzogs befindet, das Hauptstück der Galerie.
Dieses letztere Gemälde wurde vor einigen Jahren,
wie erinnerlich, gestohlen und kam dann unter sensatio
nellen Umständen wieder zum Vorschein. Nun hat sich
der jetzige Herzog entschlossen, diese Perle der eng
lischen Porträtkunst zur öffentlichen Auktion zu stellen,
und London erwartet mit Spannung den Wettbewerb
um das Gemälde.
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Der Weimarer Kreis in Bild und Schrift.
Der nächsten Autographenauktion bei Henrici in
Berlin gibt der Weimarer Kreis seine besondere Sig
natur. Es finden sich da von Goethe und den Dichtern
und Künstlern, die sich um ihn schaarten, Briefe,
Albumblättcr, Handzeichnungen, Radierungen, literari
sche A beiten, Bildnisse, seltene Bildhauerwerke und
Ansichten von Goethestätten.
Ein eigenhändiges Stammbuchblatt vom 17. Mail815
enthält neun Verszeilen von Goethe auf einem Kupfer
stich, die Ruine Haustein bei Göttingen darstellend,
mit den Worten beginnend:
Auf diesen Trümmern hab ich auch gesessen,
vergnügt getrunken und gegessen.
In einem eigenhändigen Briefe Goethes an Fromann,
Weimar 18. März 1817 datiert, befindet sich folgende
bemerkenswerte Stelle: „Wenn man sich bereiten muß,
vom Schauplatz abzutreten, so ist das schönste Gefühl,
daß unsere Überzeugungen in Anderen fortleben. Man
kann die deutsche Nation recht lieb haben, denn wenn
man ihr Zeit läßt, so kommt sie immer aufs Rechte."
Ein Brief Goethes „an Frau v. Heygendorf Gnaden,“
die Schauspielerin Caroline Jagemann, ist deswegen