MAK
Nr. 12 
Internationale Sammler-Zeitung 
Seite 9-'> 
Reich einen Zuschuß und vor allem das Pflichtexemplarrecht 
für ganz Deutschland erhalten. Alle Kulturstaaten haben 
Pflichtexemplarrecht; ohne ein solches ist Vollständigkeit un 
erreichbar. Auch die Gleichmäßigkeit der Ausbildung der 
Bibliotheksbeamten, die die Freizügigkeit und damit die Blut 
auffrischung erleichtern würde, ist nur durch Reichsgesetz 
gebung zu erreichen. 
(Der deutsche Buchhandel und die Revolution.) 
Über die Einwirkungen der politischen Umwälzungen auf den 
deutschen Buchhandel enthält der Bericht, den der Verein 
der Buchhändler zu Leipzig für 1918 erstattet, einige beachtens 
werte Angaben. Es war im verflossenen Jahr gelungen, gute 
Beziehungen zu den von den deutschen Truppen besetzten 
Gebieten aufzunehmen; so liefen unter anderm direkte Bücher 
wagen von Leipzig nach den besetzten Gebieten in Rumänien 
und nach den russischen Ostseeprovinzen. Es beförderten 
allein die elf rassischen Bücherwagen, die in der Zeit vom 
15. August bis 31. Oktober liefen, mehr als 78.000 Kilogramm 
Bücher nach den baltischen Provinzen. Der deutsche Zu 
sammenbruch zeriß alle hier angeknüpften Fäden. Der Ge 
schäftsgang im Sortiment flaute bereits ab, als die Rückwärts 
bewegung der deutschen Ileere einsetzte. Das Weihnachts 
geschäft brachte dagegen so hohe Umsätze wie nie zuvor. Die 
veränderte politische Lage hatte starken Einfluß auf die Art 
der geforderten Bücher. Vaterländische Literatur im bisherigen 
Sinne und fast alles, was mit dem Krieg zusammenhing, blieb 
liegen, nur Werkt;, die sich mit der Entstehungsgeschichte 
des Krieges und mit der Schuldfrage befaßten, wurden stark 
verlangt. Ebenso Schriften über den Sozialismus, und zwar 
mehr solche, die für ihn eintreten, als solche, die ihn bekämpfen. 
Nicht uninteressant ist auch, das im Großbuchhandel seit 
Ausbruch der Revolution die Nachfrage nach mystischer, 
okkultistischer und ähnlicher Literatur ziemlich lebhaft ist; 
auch hier ist der Umsatz sozialpolitischer und sozialwissen 
schaftlicher Literatur von bekannten Autoren lebhaft. Für 
den Verlagsbuchhandel, dessen Geschäftsgang als befriedigend, 
teilweise sogar als gut und recht gut bezeichnet wird, sind 
durch die politischen Umwälzungen auf dem Gebiet der vater 
ländischen geographischen und Kriegsliteratur große Ent 
wertungen eingetreten. Die Nachfrage nach unterhaltender 
und allgemein belehrender Literatur steigerte sich bis zum 
Ausbruch der Revolution ständig, dann aber trat trotz des 
Bedarfs an Weihnachtsliteratur ein Rückschlag ein. So spiegeln 
sich die großen politischen Umwälzungen naturgemäß in 
allen Zweigen des deutschen Buchhandels. 
Bilder. 
(Vier neue Rubens entdeckt.) Nach einer Meldung der 
Agencia Americana wurden in der Kathedrale von La Paz 
(Bolivien) vier Originalgemälde von Rubens entdeckt.. Nähere 
Mitteilungen stehen noch aus. 
(Ein früher Schider.) Ein Interieurbild Fritz Schiders 
aus dem Anfang seiner gesegneten Münchner Zeit (1871) ist 
gegenwärtig in der Galerie Neupert in Zürich ausgestellt. 
Bekanntlich war Schider seit 1869 im Bannkreis Courbets 
und vor allem Leibis, deren Anregung er mit seinem Geschmack 
und erstaunlichem Können verarbeitete. Nur zu bald wurde 
er von der eingeschlagenen Bahn abgelenkt: 1876 berief man 
ihn als Lehrer nach Basel, wo er für mehr als eine Generation 
von Künstlern mit ehrlichem Erfolge wirkte; er fand noch 
dann und wann Zeit zu eigener Produktion: virtuose Malerei 
(auch im Aquarell), aber nicht mehr als ein Nachklang von der 
kultivierten Feinheit der Farbe, dem fast genialen Wurf der 
Frühwerke. Da Schider nur wenige Jahre freien Schaffens in 
kunstgesättigter, vibrierender Atmosphäre gegönnt waren 
(dann dreißig Jahre Basel) — sind seine frühen Bilder eigent 
liche Seltenheit. Ein Hauptwerk ,,Der chinesische Turm" 
hängt im Basler Museum. In den letzten Jahren wurde man 
n Deutschland auf den kaum je gekannten Maler aus dem 
Leibikreise aufmerksam, und einige öffentliche Sammlungen 
erwarben, was, mit ziemlicher Mühe, noch zu finden war. Nun 
ist wieder ein Museumstück ans Licht gekommen, das in diese 
Reihe gehört, eben das Interieur bei Dämmerung, das Neupert 
gegenwärtig ausstellt. Verwandte Leibis sitzen in einer Stube, 
unter ihnen ist Schider selbst; schummriges Helldunkel, das 
an Corot gemahnt, erfüllt den Raum, in den, von außen her, 
eine Lampe gebracht wird. In der Art, wie die grünen Töne 
des Kanapees mit einem Goldrahmen an der Wand zusammen- 
stimmen, wie einzelne Köpfe im Gesamtton die stärkste har 
monische Note geben, wie Tisch und Boden mit rotbraunen 
Flecken meisterlich gestaltet sind, spricht für hohe Qualität. 
Nicht alle Einzelheiten mögen sich das Gleichgewicht halten, 
und doch haben wir hier eine Malerei, die höchste Beachtung 
verdient, gerade weil sie kein „Schlager" ist, sondern ernste 
Kunst, die Liebe und Vertiefung beanspruchen darf. 
Handschriften. 
(Eine Ablaßbulle aus dem Jahre 1515.) Das Staats 
archiv zu Lübeck hat vom Antiquariat J. A. Stargardt in 
Berlin eine dem ehemaligen St. Annenkloster in Lübeck von. 
12 Kardinalen der römischen Kirche im Jahre 1515 ausgestellte 
Ablaßbulle um den Preis von 5287 Mark erworben. Die auch 
künstlerisch wertvolle Urkunde ist nachweisbar noch im Jahre 
1838 in Lübeck gewesen, dann von dort auf nicht bekannte 
Weise verschwunden. 
Philatelie. 
(Friedensbriefmarken.) Französische Freimarken der 
kursierenden Serie sollen nach übereinstimmenden Berichten 
Pariser Blätter mit dem Gedenkaufdruck „Versailles, Congres 
de la Paix" überdruckt und zur sofortigen Ausgabe bestimmt 
worden sein. Es geht leider aus den Meldungen nicht hervor, 
ob es sich um eine amtliche, von Regierungsseite veranlaßte 
Ausgabe mit Frankaturkraft handelt, die auch dem Berner 
Archiv des Weltpostvereines vorgelegt werden wild. Sollte 
dies jedoch nicht der Fall sein, so werden die deutschen Dele 
gierten der Versailler Konferenz nach ihrer Heimkehr wohl 
Mühe haben, sich vor dem Ansturm der Briefmarkensammler 
ihres weitesten Bekanntenkreises zu retten. — Die seit längerer 
Zeit drucktechnisch fertig vorliegenden Schweizer Friedens- 
briefmarken sollen, wie bei diesem Anlaß bemerkt sei, erst 
nach Unterzeichnung des Friedensvertrages in Vor kehr gebracht 
werden. 
Verschiedenes. 
(Die Sammlung Li Hung Tschangs. Der schwedische 
Gelehrte, Professor Dr. Erik Thorsten-Nyström, der zur 
Erschließung der Mineralschätze Chinas das Reich der Mitte 
bereiste, hat im Aufträge der schwedischen Regierung eine der 
kostbarsten Kunstsammlungen, die China besaß, nämlich die 
des einstigen Reichskanzlers Li Hung Tschang, für Schweden, 
erworben. Die Sammlung enthält insbesondere sehr wertvolle 
Arbeiten alter chinesischer Malkunst, bis in die Periode der 
Tung-Dynastie (zirka 700 v. Chr.) zurückreichend, und wenn 
vielleicht, wie dies ja natürlich erscheint, nicht jedes einzelne 
Stück der Sammlung erstklassig ist, so stellt die gesamte Kollek 
tion, die Gemälde von fast 300 alten Meistern umfaßt, immerhin 
eine selten komplette Sammlung uralter und echter Meister 
werke dar, wie zu solchen überhaupt nur ein Mann von der um 
fassenden Bildung und Allmacht Li Hung Tschangs gelangen 
konnte. Einen wichtigen Bestandteil der Sammlung bildet der 
große illustrierte Katalog in englischer Sprache, mit Beschrei 
bung der Gemälde und Biographie der Künstler, mit großer 
Genauigkeit und Kunstsinn durch einen chinesischen Kunst- 
gelehrten zusammengestellt, die Arbeit eines Jahres. In schwe-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.