Nr. 15/16
Internationale Sammler- Zeitung
Seite 115
wenn es auch in Japan und sogar im alten Ägypten
schon Bucheigentumszeichen, also dasselbe, was man
heutzutage unter ,,Exlibris“ versteht, gegeben haben
soll. Die ältesten ßxlibris sind handschriftliche
Eintragungen, denen nicht selten ein sogenannter
„Bücherfluch“, das heißt eine Verwünschung dessen,
der das Buch stiehlt oder nicht wieder ztuückgibt,
beigefügt ist, eine Sitte, welche sich, nebenbei be
merkt, bis zum heutigen Tage erhalten hat. Später
wurden dann, besonders in den Klosterbibliotheken,
die Exlibris oft in reicher Malerei ausgeführt. Gegen
stand war damals und bis in die Zeit des Rokoko fast
nur das Wappen, das allgemeine Erkennungszeichen
des Mittelalters. In der zweiten Hälfte des XV. Jahr
hunderts begann man die Exlibris in Holz zu schneiden,
auch handkoloriert findet man diese Blätter sehr häufig.
Im XVI. Jahrhundert, ungefähr gleichzeitig mit dem
Durchbruch der Renaissance, ging man, ohne den
Holzschnitt deshalb zu vernachlässigen, zum Kupfer
stich über. Diese Zeit, in der Künstler wie Dürer,
Lukas Cranach, Behaim und viele, viele andere
Exlibris für Fürsten und Herren, Patrizier und Geist
liche, Klöster und Private schufen, war die erste Glanz
zeit., die klassische Periode des Exlibris. Größer an
Zahl, aber geringer an Qualität, sind die Exlibris, des
kriegerischen XVII. Jahrhunderts. Eine beträchtliche
Erweiterung des Gegenständlichen über das Wappen
hinaus erfuhr das Exlibris im Jahrhundert des Rokoko.
Man liebte damals reiche Allegorien, Porträts, die
von Engeln umgaukelt und von Putten getragen
werden, sowie Ansichten von Bibliotheken, Gärten
und Schlössern. Auch Besuchskarten, die in der
galanten Zeit zur großen Mode gehörten, haben oft
genug die Funktionen von Exlibris ausgeübt. Mit
dem Empire und der Biedermeierzeit setzte der Ver
fall der Exlibrissitte ein, die allmählich fast ganz in
Vergessenheit geriet, bis sie in den Jahren 1870 bis
1880 in München, zunächst durch Warnecke und
später durch, den Grafen zu Leiningen-Westerburg,
wieder zu neuem Leben erwachte. Man begann mit
heraldischen Blättern, erschloß aber bald viele neue
Gebiete, so daß das Exlibris seit etwa 35 Jahren seine
zweite Glanz- und Blütezeit bis heutzutage durch-
macht, die selbst in der des XVI. Jahrhunderts nicht
ihresgleichen hat. An neuen Techniken hat die Gegen-'
wart noch die Lithographie, ferner die Autotypie und
Zinkographie und vor allem die Radierung in den
Dienst der Exlibris gestellt., deren Erzeugnisse mit
unter unübertrefflich anzusprechen sind.
Zweck der Bücherzeichen ist es, das Buch in ge
schmackvollerer Weise als Eigentum zu kennzeichnen,
als es durch Eintragung des Namenszrrges möglich
ist. Die bei den ersten Bucheignerzeichen durchwegs
beliebte Aufschrift ,,Ex libris“ ist bis heute über
wiegend beibehalten und bereits zur internationalen
Bezeichnung geworden. Als ursprünglicher Schmuck
des Bücherzeichens wurde das Wappen angewandt,
was auch noch heute oftmals zutreffend ist. Ferner
findet mau Exlibris mit Porträts vor, was teilweise
der lieben Eitelkeit des Besitzers, teilweise aus dem
praktischen Grund beliebt war, daß es vielleicht einen.
ungetreuen Entleiher am ehesten a.n die Rückgabe
des Buches erinnerte. Später entstand das allego
rische, moderne Buchzeichen, dessen Ausschmückung
fast übei wiegend Hinweise auf den Stand des Besitzers
und seine Neigungen bilden. Der Jurist wählt die
Justitia und die Wage als Ausdruck seines Berufes,
der Arzt den Knochenmann, der Künstler die Palette
oder den weißen nackten. Menschenleib, die tiefste Sehn
sucht seiner künstlerischen Gestaltungskraft. Wer in
den stillen Stunden der Lektüre nicht sich seiner be
ruflichen Pflichten erinnern will, der wählt vielleicht
eine dekorative Landschaft oder ein Stilleben seiner
Lieblingsblumeu. Oft aber finden sich auch Zeich
nungen vor, die in origineller Weise den Namen des
Besitzers andcuter.. Endlich wird auch mitunter ganz
auf allegorischen Schmuck verzichtet und nur der
Name des' Besitzers in abstrakter Form einfach und
ornamental sehr geschickt wiedergegeben. Selbst
Goethe hat als Leipziger Student für Kätchen Seiten
kopf kleine Radierungen angefertigt, „um ihre Bücher
zu zeichnen“.
Die moderne, verzweigte Ausgestaltung der, wenn
mir der Ausdruck gestattet sei, „Exlibriskunst" hat
leider einen Auswuchs aufkommen lassen, der mit
allen zu Gebote stehenden Mitteln bekämpft werden
muß und auf den gleich hin gewiesen sei: die Unklar
heit der Komposition. Abgesehen von künstlerischen,
in der Zeichnung ruhenden Mängeln wird in die Buch
zeichen oft eine derartige Mystik eingewebt, daß man
nur schwer den Zusammenhang der Zeichnung mit
der Büchersammlurg oder den Neigungen des Besitzers
versteht. Bei der Mannigfaltigkeit der Darstellung im
Vergleich zu dem beschränkten Stoffgebiet heraldischer
Exlibris hat sich das allgemeine Interesse für das
moderne Buchzeichen ungeahnt erweitert. Dem Schick
sal anderer graphischer Kleinarbeiten konnte sich da
her auch das Exlibris nicht entziehen: auch nach ihm
streckte der Octopus der Sammelwut seine riesigen
Fangarmc aus. Dies ist jedoch absolut nicht beklagens
wert, im Gegenteil kann das Exlibrissammeln bei
dem stetig steigenden Verlangen nach exzentrischen
und oft geschmacklosen Sammelobjekten nicht ge
nügend unterstützt Werden. Weder die Briefmarke,
noch die Ansichtskarte; noch das Plakat in reinster
Ausführung vermögen ein so vielseitiges und vor allem
persönliches Interesse zu ei wecken, wie die kleinen,
feinen Schmuckblätter: ein geschichtliches, heraldi
sches, künstlerisches und psychologisches Interesse.
Die bedeutendste Sammlung solcher Bücherzeichen
mit einem Bestand von etwa fünfzigtausend Exem
plaren befand sich im Besitz von Sir Wollaston Frank,
der sie bei seinem Tode dem Britischen Museum
zu London hinterließ. Über weitere ansehnliche Samm
lungen Verfügen die Staatsbibliotheken in Wolfen
büttel, Wien und München sowie die Universitäts
bibliothek zu Göttingen und die Pariser Nationäl-
bibliothek- Zum Schluß sei noch der bedeutenden,
etwa fünfundzwanzigtausend Exemplare umfassenden
privaten Sammlung des erwähnten Grafen zu Lei-
ningdn-Westerburg gebührend gedacht.
Danzigs Kunstsammlungen.
Die Umwandlung Danzigs in eine Freistadt bringt
auch die großartigen Kunstsammlungen dieser be
deutenden deutschen Kulturstätte in neue Verwaltung,
wobei sie aber hoffen dürfen, daß die bisherige be
währte Leitung den Museen erhalten bleibt. Während
des Krieges ist nämlich von dem Danziger Muscums-
direktor Dr. Hans F. Seeker eine vorzügliche Neu
ordnung der Sammlungen durchgeführt worden, und
er hat im Verlage von Julius Bard, Berlin, einen
Wegweiser erscheinen lassen, der die bisher wenig