Internationale
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde,
Herausgeber: Norbert Ehrlich.
11. Jahrgang. Wien, 1. September 1919. Nr. 17.
Sammler und Sammlungen in Kärnten.
Von Michelangelo Zois (Klagenfurt).
Es ist eine ganz andere Sache, wenn jemand in der
Großstadt oder in der Provinz sammelt. Denn in der
Großstadt da stehen große Geschäfte, Fachleute, Auk
tionen zur Verfügung, und der Markt wird durch die sich
stets erneuernde Auflösung von Haushaltungen, durch
Verkauf von Erbschaften, beziehungsweise Einzel
stücken und von kleineren Sammlungen mit Gegenstän
den aller Art versorgt. Dazu kommen Fachzeitschriften,
der Verkehr mit anderen Sammlern, so daß es an An
regungen aller Art nicht fehlt.' Ganz anders ist es in der
Provinz.
Dort steht ein Sammler, von seinen Mitbürgern
meistenteils für geistig nicht ganz normal gehalten,
allein in einem Orte, und ist darauf angewiesen, den
Kontakt mit der Außenwelt durch Zeitungen und brief
lichen Verkehr aufrecht zu erhalten. Sein Sammelgebiet
möge nun sein, welches es wolle, das, was leicht erhältlich
ist, hat er bald entdeckt und erworben. Dazu aber auch
notgedrungen mancherlei, was ihn gar nicht interessiert.
Denn wenn er jenem, der ihm schon mancherlei brachte,
nicht auch jeden Schund abkauft, den er auftreibt, wird
er im Stich gelassen. So geht denn die weitere Vermeh
rung der Sammlung nur ganz langsam, meist anläßlich
von Erbgängen vor sich. So bietet sic zumeist einen
recht sonderlichen Anblick. Denn sic ist von Einheit
lichkeit weit entfernt und erinner t beim ersten Anblicke
oft mehr an eine Trödlerbude, ein Raritätenkabinett,
als eine an Sammlung.
Denn der Mann, der etwa Möbel sammelt, müßte
aus oben angeführten Gründen etliche nachgedunkelte
alte Schwarten, der Numismatiker Minerale und ausge
stopfte Vögel, der Sammler von Bildern Bücher,
jener von Versteinerungen baue liehe Schnitzereien,
Stickereien — und jener von Folklore alte Hellebarden,
Pistolen und Reitzeug kaufen. Und wenn man den
Krafel 'inmal hat — dann hängt sich das Herz an ihn,
wenn man ihn nicht bald abstößt.
So muß mau sich denn, wenn man Sammlungen
in der Provinz besichtigt, darauf gefaßt machen, nicht
so sehr durch den Kuchenberg ins Schlaraffenland,
sondern durch allen möglichen Trödel sich durcharbeiten
zu müssen, ehe man auf den Kern der Sammeltätigkeit
des Mannes stößt.
Manche schreckt das ab — mich hat das stets angezo
gen — schon weil man dabei Gelegenheit hat, oft liber-
r aschende Einblicke in das gesellschaftliche Leben, in
die Veränderung der sozialen Struktur eines Ortes, ja
einerGegend, in den Wandel der Bewertungen zu machen.
Denn oft sind die Gegenstände der Sammlungen am
Lande Dinge, die seinerzeit, und manchmal vor nicht
langer Zeit, aus Schlössern, herrschaftlichen Haushal
tungen, und leider zumeist aus Bürgerhäusern als wert
los ausgeschieden worden waren.
Weiters ist es sehr interessant, die Eigentümer der
Provinzsammlungen kennen zu lernen. Denn es sind
zumeist Originale von reinstem Wasser — manche
schrullenhafte Sonderlinge, andere feingebildete Men
schen, dritte von einer rührenden Begeisterungsfähig-
keh, einer kritiklosen Bewunderung der alten Sacheh
erfüllt. Die meisten aber schon dadurch interessant, weil
sie oft die Geschichte der einzelnen Stücke ihrer Samm
lung bis ins Detail kennen. Der Kasten ist von der Aus
stattung der Müller Liesel als sie den Brandtnc. - Sepp
heiratete. Den Ring da fand der Huber-Naz in der Ruine
Oberhausen — mit dem-Messer hat der alte Bügler die
Wiege für seinen ersten Urenkel geschnitzt usw.
Diese Sammler verkörpern auf diese Weise ein
Stück Heimatsgeschichte und sind oftmals von einer
Belesenheit in der Ortschronik, die direkte Bewunderung
fordert.
Allen aber ist cs gemeinsam, daß sie ihre Schätze
sorgfältig hüten, und sie, anders als die großen Sammler,
unberührt lassen. Da wird nicht aus einem Sessel und
einem Kasten eine komplette Zimmereinrichtung ge
macht, der zerschlissene Stoff wird nicht erneuer.,
die abgebrochene Schere nicht ergänzt. Höchstens wird
ein Bild zur Restaurierung gegeben, was zumeist mit
einer Übermalung endet.
„ Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt
er in die wei'e Welt.“ — Da muß es der liebe Gott mit
mir ganz besonders gut meinen. Denn er hat mich nicht
nur sonst ziemlich viel reisen lassen — wobei ich den
Sattlermeister Kudermatsch in Poysdorf kennen lernte,
der eine hervorrragende Sammlung von historischen
Altertümern besitzt — seit fünf Jahren sind ein Ruck
sack und ein Offizierskoffer mein Heim, und ich habe
eine Menge der verschiedensten Sammler und Sammlun
gen in Kärnten kennen gelernt. Leider war es mir nicht
Vergönnt, systematisch vorzugehen — und in der Krieg; -
zei r waren manche Sammlungen aus den verschiedensten
Gründen unzugänglich. Aber immerhin kann ich von
einigen Dingen und Menschen beuchten.