Nr. 19
Internationale Sammler-Zeitung
Seite 145
Chronik.
Autographen.
(Briefe an Mirbeau.) Auf der zweiten Versteigerung
der Bibliothek Octave Mirbeaus wurden mehrere an Mirbeau
gerichtete Briefe versteigert: 51 Briefe von Rodin, 1050 Francs,
171 Briefe von Paul Hervieu, 950 Francs, 24 Briefe von
Claude Monet 225 Francs und 364 Briefe von Pissaro 560
Francs.
Bibliophilie.
(Versteigerungen in Leipzig.) Bei Oswald Weigel
in Leipzig wird am 9. und 10. Oktober die Bibliothek des
verstorbenen Erlanger Professors Dr. Gebhardt versteigert,
die reich am Werken der nordischen Literatur, besonders über
Island, ist. Später folgen bei Weigel Versteigerungen aus
den Beständen einer süddeutschen Bibliothek, enthaltend
Literatur des 15..und 16. Jahrhunderts, Werke aus und über
Fisaß-Lothringen, Süddeutschland und die Schweiz, der
naturwissenschaftlichen Bibliothek des Oberbibliof hekars
Professor Dr.. Uhl worin (Berlin) und der theologischen
Bibliothek des Pastors Dr. Linke (Wiederau).
(Aus der Preußischen Staatsbibliothek.) Eine sehr
bedeutende Vermehrung hat die Kartensaminlur.g dei Staats
bibliothek durch die Überweisung des älteren Kartenarchivs des
Großen Generalstabs erhalten, das 2000 bis 300.000 Blätter in
50 Schränken umfaßt. Die Karten bestände der Staatsbibliothek
übertreffen jetzt wohl die jeder anderen Sammlu'ng.
(Instituto Bibliografico Ilaliano.) Tn Rom ist ein
Instituto Bibliografico Italiano (Rom, Trinita dei Monti 18)
gegründet worden, das als wesentliches Bindeglied zwischen
Italien und der übrigen geistigen Welt zu betrachten ist,
also auch den deutsch-italienischen Beziehungen zum Vorteil
gereichen kann. Unter den Begründern hat sich vor allen Giu
seppe Prezzolini, der ehemalige Herausgeber der Wochen
schrift „La Voce“, hervorgetan. Das Institut wird einen großen
Lesesaal und eine eigene Verlagsanstalt erhalten.
(Die Kriegssammlung der französischen National
bibliothek.) Die französische Nationalbibliothek hat
sich im Kriege hauptsächlich mit dem Sammeln von Kriegs
literatur befaßt. Darunter nimmt, wie man aus einem Artikel
des „Petit Journal“ ersieht, die deutsche den weitaus größten
Raum ein. Die Nationalbibliothek besitzt bereits mehrere
tausend Bände deutscher Kriegsliteratur. Die militärische
Postkontrolle hat außerdem der Nationalbibliothek gegen
hunderttausend Zeitungen und Zeitschriften deutscher Pro
venienz, die zu Propagandazwecken in Europa, im Orient,
in China und Japan, in Indien sowie in Kord- und Südamerika
verbreitet wurden, zur Verfügung gestellt. Neben der deutschen
Propagandaliteratur sammelte die Nationalbibliothek aber
auch die Propagandaschi iften der Aliiiei ten. Der zweite Diiektor
der Nationalbibliothek, de la Ron ci ere, hat zudem sein Augen -
meik auf die sogenannten Schützengrabenzeitungen gerichtet
und davon nicht weniger als 228 verschiedene aufgestöbert.
Viele dieser Zeitungen sind mit kolorierten Bildein versehen.
Andere tragen einen vornehmlich literarischen Chaiaktei,
wieder andere müssen als wahre Fundgruben des Soldaten
jargons im Weltkriege von 1914/18/19 bezeichnet werden.
, Die Nationalbibliothek besitzt auch die einzige Nummer
dei einzigen F.ontzeitung, de „Tabafid e“, die im Jahre
1870/71 iii de: Nordarmee entstand. Das Blatt ist lithographiert,
wie die meisten Schützengrabenzeitungen des Weltkrieges.
Eine besonders wertvolle Bereicherung der Bibliothek besteht
auch in c-inei vollständigen Sammlung der Auszüge aus der
au.,länoischen Presse, das heißt aus ungefähr fünfzig deutschen,
österreichischen, holländischen, griechischen,' schweizerischen,
skandinavischen, spanischen und amerikanischen Blättern, die
allwöchentlich von einer eigens geschaffenen Stelle ledigieit
wurde ;. Während des Krieges mußte die Nationalbibliothek
zweimal ihre kostbarsten Bücher- und Handschriftenschätze
in Sicherheit bringen. Ein Teil wurde in den tiefen Kellern der
Bibliothek geborgen, der andere nach Toulouse gebiacht. Mit
dem Waffenstillstand sind auch die Biichci in ihi altes Reich
zurückgekehrt.
Bilder.
(Ein Verlust für den deutschen Kunstbesitz.)
Aus Oldenburg wird uns geschrieben: Der wertvollste Teil
der alten Bilder der Großherzoglichen Gemäldegalerie ist nicht
mehr in Oldenburg. Der Großherzog hat sie durch Vermitt
lung einiger Geschäftsleute über die Grenze nach Holland
bringen lassen. Die Verhandlungen mit der Landesvertretung
über die Übernahme der Bilder durch das Land wurden vom
Großherzog kurzerhand abgebrochen. Die sehr bedeutungs
volle Sammlung von Italienern des 16. und Niederländern des
17. Jahrhunderts enthielt u. a. fünf Rembrandts.
(Rambergs- Shakespeare-Zeichnungen.) Einen bisher
unbeachteten Besitz der Berliner Museen veröffentlicht K.
Zoege von Manteuffel im neuen Heft der amtlichen Berichte
aus den preußischen' Kunstsammlungen. Es sind die Zeich
nungen Johann Heinrich Rambergs, die der Archäologe
Alexander Co.nze, ein Großneffe des Künstlers, 1886 dem
Kupferstichkabinett geschenkt bat. Die schönsten dieser
J ugendarbeiten Rambergs, die meist aus seiner LondonerLehr-
zeit stammen, sind seine Shakespeare-Illustrationen. Als
Ramberg 1781 nach London kam, war dort die Verehrung
Shakespeares ebenso wie in Deutschland auf einen Höhepunkt
gelangt. Goethe hat in „Dichtung und Wahrheit“ die Befreiung
vom französischen Stil durch die Annäherung an den großen
Engländer und dessen Popularisierung durch Wielands Über
setzung geschildert. Rambergs Shakespeare-Illustiationen ge
hören zu den besten Zeichnungen dieser Zeit.
(Ein Selbstbildnis Vinzenz van Gogys) ist vom
bayrischen Staat aus Privatbcsitz für die Münchener Staats
galerie eiworben worden.
Handschriften.
(Wichtige Funde aus Ost-Turkestan.) Im Britischen
Museum haben ietzt die kostbaren Manuskripte und Kunst
schätze Aufstellung gefunden, die der Forschungsreisende
Sir Aurel Stein in Ost-Turkestan in der Nachbarschaft der
Wüste Gobi in den unterirdischen Tempelbauten der Tausend
Buddhas entdeckt hat. Es wurden hier mehrere tausend Manu
skriptrollen gefunden, die seit dem Jahre 1033 in der Verbor
genheit geruht hatten und sich wegen der außerordentlichen
Trockenheit des Landes in einem vorzüglichen Erhaltungs
zustände befinden. Die Handschriften stammen aus der Zeit
von 400 bis 1000 n. Chr. Darunter befindet sich ein Teil der
„Jahrbücher des Frühlings und des Herbstes“, des einzigen
Werkes, das man Confucius persönlich zuschreibt und das
an die „Werke und Tage“ des Hesiod erinnert, sodann ein
Kalender vom Jahre 978, eine offizielle Liste der Familien,
die in dem Bezirk von Fuhuan lebten, mit dem Datum von 410.
Außer den Manuskripten wurden auch einige Druckschriften
gefunden, nach denen man die Erfindung des Buchdrucks
in China, die bisher Fengo-Taho (881—954) zugeschrieben
wurde, um mindestens zwei Jahrhunderte früher ansetzen
muß.