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Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 22
ff
an das ich mich nicht gern erinnere, weil es in un
freiem Zustande geschah und der Entbindung von
einer elektrischen Materie glich. Im Oktober hätte ich
mich eher niederschießen lassen, als eine Barrikade
bestiegen..„Was würden sie (die Leute) sagen,
wenn sie wüßten, daß ich in den Märztagen ... ein
ganzes Drama auf der Straße konzipierte, das unter
dem TitelZwei Todesurteile' bald fertig werden wird!“
Der zweite Brief enthält eine sarkastische Schilderung
des Bef indens. des Dichters. „— Nein, obgleich ich es
anerkennen muß, daß man billigerweise der größeren
Hälfte seiner lieben Nächsten Freude machen sollte,
und obgleich daraus für mich eigentlich die Verpflich
tung folgt, baldmöglichst ins Gras zu beißen, da ich
vielen im Wege bin und nur wenigen etwas biete:
ich kann meinen Feinden nur noch sehe geringe Hoff
nungen eröffnen! .. es existiert in Deutschland kein
belletristisches oder politisches Blatt, in welchem ich
nicht schmachvoll behandelt worden wäre.“
Von Theodor Körner finden wir sehr anregende
Briefe über die Erlebnisse und Eindrücke auf seiner
Reise ins Riesengebirge, die ihn bekanntlich zu einer
Anzahl von Gedichten anregte, von Laube eine ganze
Briefsammlung (32 Briefe), die nicht nur ein charakte
ristisches Bild von seiner Tätigkeit als Theaterleiter
und Schriftsteller gibt, sondern auch einen bedeut
samen Beitrag für die Theatergeschichte der Städte
Leipzig und insbesondere Wien (25 Briefe sind allein
von da datiert) liefert. Fritz Reuter, der hervorragende
plattdeutsche Dichter, spiegelt sein Wesen in zehn
Briefen wider, die zum Teil gar nicht, zum Teil nur
mit Auslassungen veröffentlicht sind.
In der Abteilung „Bildende Künstler“ begegnen
wir Albert Bassermann, Friedrich Beckmann, dem
Schöpfer der bekannten Berliner Volksfigur des ,,Ecken
stehers Nante", Arnold Böcklin, Benj. Constant,
Coquelin, Peter Cornelius, Garrick, Iffland, Irving,
Josef Kainz, Lenbach, Max Liebermann, Lortzing,
Adolf Menzel, Oberländer, Ernesto Rossini, Giovanni
Segantini, Stephan Sinding, Spitzweg, Steinle, Alma
Tadema, Elisabeth Vigee Lebrun u. a.
In der Abteilung „Musiker“ figuriert Beethoven
mit einigen Manuskripten, so mit einem Fragment
aus der ersten Niederschrift seiner letzten fertig
gewordenen Komposition aus dem berühmten, in stür
mischer Lust vorüberrauschenden 6. Satze (Finale,
Allegro) seines „phantasietrunkensten Quartettes" in
B-dur (op. 130). Zum Finale dieses Quartettes hatte
bekanntlich Beethoven ursprünglich die mit einer
Einleitung versehene „Große Fuge“ aus dem op. 133
bestimmt. Nachdem das Werk in dieser Gestalt seine
erstmalige Aufführung am 21. März 1826 erlebt hatte,
wünschte der Verleger M. Artaria, Beethoven möge
die Fuge durch ein „zugänglicheres“ Stück ersetzen.
Beethoven verstand sich nur murrend zu dieser Än
derung. Im November desselben Jahres während
des Aufenthaltes bei seinem Bruder in Gneixendorf
schrieb er jenes Finale, das dem Quartett als bleibender
Schlußstein angefügt wurde und das zeigt, wie unver
wüstlich die humoristische Ader in Beethoven bis an
sein Lebensende fortpulsierte. Das Manuskript umfaßt
die Takte 95 bis 172, ferner 173 bis 193 (letztere nur skiz
ziert) des angeführten 6. Satzes von op. 130 und ist
von vorzüglichster Erhaltung.
Von Haydn bringt die Auktion ein kostbares
Stück, Skizzen aus einem Notensystem, von Liszt
das Manuskript „Die drei Zigeuner"sowie mehrere Briefe,
von Schubert die Manuskripte von „Der Morgenkuß",
„Die Fröhlichkeit“, „Tiefes Leid" von Schulze, nebst
einer Skizze zu einem nicht veröffentlichten Liede
von Schulze „0 Quelle, was strömest du rasch und
wild“, von Richard Strauß, Mendelssohn-Bartholdy,
Nicolai, Robert Schumann, Spohr, Ambroise Thomas
und Tschaikow’sky Manuskripte und Briefe, von Richard
Wagner mehrere Briefe, von denen zwei ungedruckt
sind. In einem, datiert Zürich, 28. März 1851, erschließt
er Gottfried Semper sein ganzes Herz übe, seine große
Lebensnot, die ihn nahezu an seiner Kunst verzweifeln
läßt. „Am vernünftigsten wäre es wohl, man könnte dem
ganzen illusorischen Krame den Rücken kehren und mit
vollen offenen Sinnen sich in das leben werfen. Was
soll uns die kunst, da wir kaum zum leben kommen,
dessen blühte erst die kunst sein soll ? .. .Ich lebe hier
ziemlich still und zurückgezogen: mit unsrer öffentlichen
publikumskunst kann ich mich nicht mehr abgeben.
Daß die heimliche priyatkunst auch keine kunst ist,
weiß ich auch, und so bin ich im ganzen widerlich
daran. Am aufrichtigsten und zweckmäßigsten kommt
mir immer noch mein arbeiten vor, wenn ich auf mehr
oder weniger theoretischem wege unsre feige intelligenz
zu revolutionieren suche: ich habe jetzt wieder ein
größeres Buch beendigt: Oper und Drama. Auf die
Jugend, die noch nicht in der alten Routine sich einge
wöhnt hat, wirke ich am meisten. Vielleicht mache ich
mich mit diesem Frühjahr aber doch an die Musik zu
meinem Siegfried . . .“
Wir müssen uns auf diese Proben beschränken.
Autographenlicbhabei werden gewiß nicht verabsäumen,
sich den Katalog kommen zu lassen, wo sie noch vieles
Begehrenswerte finden werden, das wir nicht einmal
streifen konnten.
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Die Sammlung de Ridder.
Am 9. Dezember findet in der Galerie Hel'bing in
München die Auktion der nicht sehr umfangreichen,
aber gewählten Qualitätssammlung de Ridder (Frank
furt a. M.) statt, deren hauptsächlichste Stücke aus
Majolika, Glas und Edelmetall bestehen. Unter dem zahl
reichen Urbino- und Faenza-Geschirr ragt eine
Fontana-Schüssel um 1550, eine gebuckelte Faentiner-
Schüssel und ein früher Gubbio-Teller mit prächtigem
Luster hervor. Außergewöhnliche Stücke sind eine blond
farbige Palissy-Schüssel mit der Befreiung der Andro
meda und ein deutscher Fayencekrug mit der Anbetung
der Könige von Hausmaler W. R. Unter dem Glas
stehen an erster Stelle prächtige Emailgläser, wie das
älteste datierte deutsche Emailglas von 1554
mit dem Wappen Ortenburg-Fugger. Für die Geschichte
der Glasmalerei sind besondere Bedeutung dem böh
mischen Färbereiglas aus dem 18. Jahrhundert, einem
fränkischen Bergwerksglas von 1682 und einem Will
komm von 1611 mit dem Wappen Anhalt-Pfalz beizu
messen. Unter den geschnittenen Gläsern Schlesiens,
Böhmens und Potsdams sind recht schöne Exemplare.
Eine umfangreiche Kollektion bilden die Zwischen
goldgläser um 1730, von denen alle drei Maler vertreten
sind. Die Künstlergläser aus dem Schaperkreis von
Preußlcr und D. Wolff ergänzen den Überblick über
die mannigfaltige Technik der Barockzeit, Einige vene-