Nr. 22
Internationale Sammler-Zei t
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kommt. Am stärksten vertreten sind die Gruppen Schöne
Literatur (3071 Werke), Rechts- und Staatswissenschaft.
Politik, Statistik (2088), Erziehung und Unterricht (1485),
Theologie (1367),
Bilder.
(Zeichnungen von William Blake.) Der englische
Dichter und Zeichner William Blake ist durch die Reinheit
und Größe seiner visionären Mystik einer der größten Anreger
moderner Kunst geworden und hat auch bei uns begeisterte
Verehrer gefunden. Deshalb wird es auch hier interessieren,
daß ein bisher nur dem Namen nach bekanntes Hauptwerk
des Meisters nunmehr entdeckt worden ist. Wie IT. J. Grier-
son in einer Zuschrift an die „Times" mitteilt, ist unter den
Schätzen, die sich im Palast des Herzogs von Hamilton be
finden, ein Band ans Licht gekommen, der 114 Zeichnungen
von Blake zu Gedichten Grays enthält. Der Band, der dem
nächst in genauer Wiedergabe veröffentlicht werden soll,
wurde von Blake als ein Geschenk der Frau des großen Zeichners
Flaxmann dargebracht. Wann die Zeichnungen entstanden sind,
läßt sich nicht feststellen, doch müssen sie nach 1790 geschaffen
sein, denn in diesem Jahr sind die Gedichte Grays erschienen.
Blake entfaltet hier leichte Grazie, entzückende Phantastik
und einen Humor, der vor dem Grotesken nicht zurückscheut.
(Platten von Slevogt gestohlen.) Aus Berlin wird
gemeldet: Von Max Slevogts eben vollendetem neuen Radier
werk, der „Zauberflöte", sind beim Drucker acht von den
unersetzlichen Kupferplatten gestohlen worden. Der Dieb
muß von seinem Fang keinen Begriff gehabt haben, denn er
hat die kostbaren Platten für den Materialwert des Kupfers
(M 6'— für die Platte) beim Altwarenhändler verkauft. Der
hat sie aber auch nicht mehr. Die Platten sind verschwunden.
Glücklicherweise sind wenigstens die Probedrucke da, die eben
mit der ganzen Folge bei Paul Cassierer ausgestellt sind.
Sie sollen für das Erscheinen des Werkes photomechanisch
vervielfältigt werden. Noch einmal radieren kann Slevogt
solche Platten, die in jedem Strich den Charakter der Ein
gebung des Augenblicks tragen, nicht. Es handelt sich um Teile
der Originalpartitur Mozarts, die photographisch auf die
Kupferplatte übertragen und dann von dem Künstler illustriert
waren. Der Dieb hat eine Anzahl der schönsten Platten gegriffen.
Medaillen.
(Ein merkwürdiger Anhän ger.) F. Friedberger berich
tet in den Blättern für Münzfreunde: In der gräflich Schaff-
gotschischen Sammlung zu Warmbrunn im Riesengebirge,
die jetzt geordnet wird, findet sich ein in manchen Beziehungen
lehrreicher Anhänger. Das 26 mm im Durchschnitt haltende
silberne Stück zeigt auf der einen Seite das rechts gewandte
Brustbild eines jungen Mannes mit lockigem Haar, den die
Umschrift AAKJB1AAHS nennt; auf der glatten Rückseite
steht die eingeritzte und anscheinend schwach niellierte In
schrift: KATHAo | RINENo RO = TENBVRGER = IN»
GEDECHN | NVSolööO j Schlußleiste. Ein roh angelöteter
Henkel ist abgebrochen. Schaustücke dieser Art mit den Bild
nissen geschichtlicher oder sagenhafter Pe. sönlichkeiten des
Altertums sind in alten Sammlungen häufig; sie sind meist
italienischen Ursprungs und von verschiedenstem Kunstwert,
oft sogar häßliche Nachgüsse; das vorliegende ist von feiner
Arbeit. Sie müssen zu ihrer Zeit also sehr beliebt gewesen sein,
heutzutage werden sie wenig geschätzt. Hier sehen wir einmal
ihre Verwendung: Sie dienten gleich den noch viel zahlreicheren
ähnlichen Erzeugnissen mit religiösen und moralischen Vor
stellungen zu Geschenkzwecken, und die glatte Rückseite,
die sie zuweilen haben und die nicht erst durch Abschleifen eines
Gepräges hergestellt, sondern von Anfang an vorhanden ge
wesen ist, sollte zur Aufnahme einer Widmung dienen, die
indessen meines Wissens bei solchen Münzen noch nicht beob
achtet wurde, während sie bei geistlichen und ähnlichen Ge
prägen häufig, oft sogar int Felde der Darstellung, erscheint.
Aussichtslos ist natürlich die Suche nach der Heimat der
Katharina Rotenburgerin, deren Gedächtnis unser Stück
erhalten soll, und die wohl als die Spenderin zu denken ist:
der Schriftcharakter scheint auf Süddeutschland' zu weisen,
das ja auch um die Mitte des 16. Jahrhunderts in noch regeren
Beziehungen zu Italien stand als der Norden. Wie dem auch
sei, die Medaille ist ein hübscher Beleg dieser Beziehungen,
ein Denkmal des ehemaligen Humanismus, an dem auch'die
deutschen Frauen Anteil hatten.
(Medailleurkunst und Gegenwart.) Über dieses
Thema sprach kürzlich Regierungsrat Höfken in der numis
matischen Gesellschaft in Wien, wobei er im wesentlichen
folgendes ausführte: Welche Fülle von Kleinplastik wäre
uns entgegengeflutet, wenn wir nicht — unbesiegt — nieder
gebrochen wären! Aber nicht nur unser trauriges Schicksal
wird der Medailleurkunst verhängnisvoll: naturgemäß be
günstigte die Monarchie und das was drum und dran die
Medaille weit mehr, als wie es vorläufig die Republik vermag.
Jedenfalls hat erstere ein gewaltiges Blühen der Wissenschaft
und Kunst gezeitigt. Wohl müssen wir unsere Kunstgüter
rauben lassen, ja selbst zu Markte tragen — unsere Kunst aber,
unsere Kunstliebe und das Kunstbedürfnis sind geblieben.
Daraus ersteht jedoch die Pflicht, der Kunst und den Künstlern
gerade auch jetzt zu dienen, mitzuhelfen sie zu stützen,
schaffensfreudig zu erhalten. Ein gedeihlich Schaffen setzt
eine halbwegs gesicherte Existenzmöglichkeit voraus. Wenn
nun auch zum Beispiel ein Wettbewerb für eine Medaille
auf die Republik mit ansehnlichen Preisen ausgeschrieben
wurde, so ist das immerhin nur eine leuchtende Episode; die
gegenwärtigen Verhältnisse versagen auch hier. Unter Voraus
setzung erschwinglicher Preise bleiben derzeit wohl nur zwei
Wege übrig. 1. Der private Auftrag: Porträts, Familien
ereignisse, wie Geburt, Hochzeit, Tod. Vermögende sollten
keinen wichtigen Lebensabschnitt ohne Plaketten oder Jetons
vorübergehen lassen, ihr Heim mit erzenen Bildern der An
gehörigen schmücken usw. 2. Festhaltung lokaler Er
eignisse durch die Medaille seitens der Gemeinden, Klöster
und Kirchen, Institute, Vereine etc. Ein nachahmenswertes
Beispiel gab in dieser Richtung die rührige freiwillige Feuer
wehr Perchtoldsdorf gelegentlich ihres fünfzigjährigen
Jubiläums. Sic veranstaltete nicht nur ein groß angelegtes
Volksfest, das reiche Mittel zur Anschaffung einer Dampf
spritze eintrug, sondern sie ehrte ihre langjährigen, ferner ihre
besonders verdienten Mitglieder durch zwei verschiedene,
ganz vortreffliche Großplaketten, die eine mit der Idcalgestalt
Florians, die andere mit rettendem Feuerwehrmann. Sie ver
mied Geldgeschenke oder den überlebten „Ordensersatz“ in
Form meist kunstloser Medaillen an farbigen Bändern, sondern
widmete prächtige Gebilde, die noch späten Geschlechtern
den Ruhm der Vorfahren künden werden. Eine dritte Plakette,
die künstlerisch vollendetste, mit anstürmendem Feuerwehr
mann, wurde nur in einem Exemplar für den unermüdlichen
Leiter des Festkomitees ausgegeben. Der Schöpfer dieser
Arbeiten ist der jugendliche Bildhauer Rudolf Schmidt in
Perchtoldsdorf, dem wir schon alsAchtzehnjährigen im Künstler
haus begegneten. Wie hier durch das verständnisvolle Vorgehen
des Kommandos Edles geschaffen und einem Künstler Ver
dienst zugeführt wurde, so müßte es bei gutem Willen auch
anderwärts und bei anderen Anlässen gelingen. Immer wieder
sei darauf hingewiesen, daß die Kunst in allen ihren Zweigen
ein Heiligtum und ein notwendiges Mittel zur Wiedergeburt
des Volkes ist, das wahrlich der Ideale bedarf, um Not und Leid
der Gegenwart zu überwinden.