Nr. 6
Internationale Sammler-Zeitung
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der Schrift bereits vielfach zerfallenden, durch Glasplatten
geschützten Blätter mit weltberühmten, für die Geschichte der
Bildniskunst bedeutungsvollen Darstellungen aus dem Alten
Testament sind durch den Transport und durch die Unterbringung
in einem Ringstraßenhotel, an dem schwere Lastautos
vorüberfahren, aufs äußerste gefährdet. Ein derartiges
„Aufbewahren“ unersetzlicher Kulturgüter entspricht nicht
den Auffassungen der internationalen Kultur- und Gelehrtenwelt.
Auch die andere Handschrift, der große Dioskorides,
gehört zu den als internationales Kulturgut berühmten Schätzen
Wiens. Er ist eine medizinische Handschrift, die um 512 für die
Prinzessin Aricia J uliana hergestellt wurde und mit herrlichen,
minutiösen Pflanzen- und Tierdarstellungen geziert ist. Das
dritte Pfandstück, der mit Genrebildern in flandrischer Art
reich geschmückte „Hortulus animae", übertrifft jede der
Estensischen Handschriften bei weitem; deren schönstes Stück,
die zweibändige Borso-Bibel, ist für den Herzog Borso von
Ferrara (1450—1471) mit üppigem Bilderschmuck ausgestattet
worden. Diese Estensischen Handschriften, die aus dem aufgelösten
Familienfideikommiß des Hauses Este als Legat an
den Kaiser gekommen sind, befinden sich gar nicht im Einflußbereiche
der Bibliotheksdirektion, sondern stehen in Verwaltung
der Familiengüterdirektion, mit der sich die Italiener
auseinanderzusetzen hätten.
(Alte Staatskorrespondenzen.) Aus Leipzig wird uns
geschrieben: In den Besitz von Karl W. Hiersemann in Leipzig
sind kürzlich zwei ungewöhnliche Aktenfunde gelangt. Der
eine betrifft Korrespondenzen aus den spanisch-habsburgischen
Niederlanden zwischen dem Wiener und Brüsseler Kabinett,
das heißt Kaiser Karl VI. und der Statthalterin Maria Elisabeth,
beziehungsweise den beiderseitigen Ministern (1725—1735).
Dieser Fund ist um so bedeutender, als fast alles, was an staatlichen
Korrespondenzen aus Kaiser Karls Regierung vorhanden
ist, in den Staatsarchiven der verschiedenen Länder verborgen
liegt. Diese wichtigen, die Zustände und Ereignisse nach dem
spanischen Erbfolgekrieg behandelnden Briefe sind teils Autographen,
teils Abschriften der abgehenden Briefe, teils die Entwürfe
zu diesen und anderen Dokumenten. Bei der zweiten
Aktensammlung handelt es sich um politische Dokumente aus
Belgien und Holland nach dem zweiten spanischen Erbfolgekrieg
aus den Jahren 1716—1735. Unter den Akten befinden
sich sehr wichtige Berichte über die Politik der verschiedenen
Mächte, darunter Preußens und Polens, sowie
über die damalige Seeschiffahrt, daß zum Beispiel deutsche
Handelsschiffe, die unter polnischer Flagge fuhren, vor den
Seemächten nicht sicher waren.
(Der Abbruch Alt-Sankt-Peters.) Das Beiheft zum
39. Band des „Jahrbuches der Königlich Preußischen Kunstsammlungen“,
dessen Fortsetzung unter dem Titel „Jahrbuch
der Preußischen Staatssammlungen“ erscheinen wird, enthält
eine umfangreiche Urkundensammlung über den Abbruch
Alt-Sankt-Peters (1605—1615) von J. A. F. Orbaan. Fast
jeder Deutsche, auch der nie Rom gesehen hat, kennt den
imposanten Kirchenbau über der Grabstätte Petri, der, um 1500
von Bramante begonnen, von Raffael, Michelangelo und anderen
weitergeführt, von Bernini im 17. Jahrhundert vollendet ward;
aber nur wenige wissen, daß sich an dieser Stelle eine im vierten
Jahrhundert errichtete große Basilika befand, die ihres hohen
Alters und reichen Innenschmucks wegen zu den wichtigsten
Denkmälern des Mittelalters gehört hat. Die Epoche, die sie
vernichtete, hat sehr viel Selbstvertrauen besessen; denn sie
wollte si£ durch etwas Ebenbürtiges, ja Imposanteres ersetzen.
Der äußere Anstoß war freilich die Baufälligkeit der konstantinischen
Kirche. Um 1500 hatte man nur den östlichen Teil
abgetragen und die hier befindlichen Altäre, Reliquien und
Grabmäler in das stehengebliebene Langhaus gebracht. Als
aber Paul V. 1605 nach häufigen und langjährigen Unterbrechungen
Fortführung und Abschluß des Neubaus unternahm,
mußte auch der ehrwürdige Rest sinken. Der Papst trieb
zur Eile und zur Anspannung aller Kräfte (1610 waren über
700 Arbeiter beim Abbruch und Neubau beschäftigt) ; da
mußten zugleich die Heiligtümer aufs sorgsamste geborgen und
das Baumaterial zur teilweisen Wiederverwendung zweckmäßig
aufgestellt werden, und daneben ging man bereits an
das Fundamentieren des neuen Langhauses. Diesem gewaltigen
Betrieb, den Domenico Fontana zusammen mit seinem Bruder
Giovanni und seinem Neffen Carlo Maderna leitete, entstammen
die veröffentlichten Akten.
Numismatik.
(Münzfund). Bei den Fundamentierungsarbeiten für einen
Neubau wurden einige römische Kaisermünzen aus Bronze und
Billon und ein Denar aus Silber ausgegraben; das ältere Stück
ist unkenntlich und halbiert; es geht wahrscheinlich in das
julisch-claudische Zeitalter zurück. Die übrigen Münzen
stammen von Hadrian, Marcus, Domna (der Mutter Caracallas),
Claudius II., Aurelian und Nachfolgern Constantin dem Großen.
Sämtliche Stücke sind in Basler Privatbesitz.
Philatelie.
(Eine Marke zur Erinnerung an die deutsche
Nationalversammlung.) Zur Erinnerung an die deutsche
Nationalversammlung beabsichtigt das Reichspostministerium
besondere Freimarken zu 10 Pf, 15 Pf und 25 Pf herauszugeben.
Um künstlerisch gute Entwürfe hiefür zu erlangen, wurden die
deutschen Künstler zu einem Wettbewerb eingeladen. Für die
Entwürfe wurden folgende Preise ausgesetzt: 1. Preis M 6000;
2. Preis M 4500; 3. Preis M 3000 und acht 4. Preise zu M 1500 =.
M 12.000, im ganzen M 25.500.
(Die neuen Briefmarken Polens.) Nachdem die
Polen anfänglich die beschlagnahmten deutschen (General-Gouvemement
Warschau) und viele österreichische Brief
marken mit dem polnischen Adler und „Poczta Polska“ bedruckt
verausgabt hatten, die von Spekulanten bald aufgekauft
waren, liegen uns jetzt auf Einschreibebrief aus Sosnowice
(mit deutschem Einschreibezettel und deutschem Stempel)
die seit 4. Februar kursierenden endgültigen Briefmarken
der polnischen Republik vor. Es sind die Werte zu 3 F (ennige)
(braun, 5F grün) und 15 F (karmin), wovon der letzte Wert
ohne Perforierung, 5 F sowohl mit als ohne Perforierung und
3 F nur „gezähnt" erschienen ist. Für die Zeichnung hat man
anscheinend auf einen herzlich unbedeutenden Entwurf aus
der vorjährigen Postwertzeichen-Konkurrenz der Warschauer
Künstler zurückgegriffen. Die Marken zeigen den polnischen
Adler in stilisiertem ovalen Schild, oben mit Wertziffern und
dem Wort „Poczta“, unten die Inschrift „Polska".
(Senatspräsident Viktor Suppantschitsch.)' In
Graz ist achtzigjährig der Senatspräsident i. R. des Obersten
Gerichtshofes Viktor Suppantschitsch gestorben. Der Verblichene,
der sich bis in sein hohes Alter geistige Regsamkeit
bewahrte, war von Jugend auf ein begeisterter Freund wissenschaftlicher
Sammlungen. Die Philatelie verliert in ihm ihren
bedeutendsten Vertreter. Suppantschitsch gebührt das Verdienst,
den Wert der Literatur für die Philatelie zuerst in das
richtige Licht gesetzt und die Kenntnis der philatelistischen
Literatur angebahnt und verbreitet zu haben. Er galt auf.
diesem Gebiete als erste Autorität.
- Verschiedenes.
(Französische Ausstellung in d-er Pfalz.) Die Franzosen
sind eifrig bemüht, die Pfälzer davon zu überzeugen, daß
sie eigentlich der „Grande Nation“ angehören. So hat der